Das sexuelle Erwachen einer Ballerina
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Die Königin der Mostra kam auf Zehenspitzen. Natalie Portman, dieses zarte, kleine Porzellanpersönchen vor dem Herrn, trug so hohe Absätze, dass einem schon beim blossen Anblick schwindlig wurde. Auch im Film «Black Swan», der gestern die 67. Filmfestspiele in Venedig eröffnete, bewegte sie sich dann auf Spitzen, aber da kam sie ganz ohne hochhackige Schuhe aus.
Zwei Jahre nach dem Triumph mit «The Wrestler» hat Regisseur Darren Aronofsky für «Black Swan» die schäbigen Hallen des Wrestlings mit der Bühne des klassischen Balletts getauscht. Damals wars ein spektakulär abgehalfterter Mickey Rourke, der schnaufend durch den trostlosen Spätherbst seiner Karriere wankte, jetzt probt Aronofsky mit Natalie Portman den gefiederten Spitzentanz. Das ist nur auf den ersten Blick ein abrupter Kulissenwechsel. Was nämlich die körperliche Selbstausbeutung betreffe, so Aronofsky, funktioniere die Welt des Balletts ganz ähnlich wie der Wrestling-Zirkus, der ja genauso streng choreografiert ist. Und schon bei «The Wrestler» wars so, dass der intimste Moment des Films in einem Ballsaal spielt, als der kaputte Kämpfer mit seiner Tochter leise durch den Staub tanzt.
Eine Art «Showgirls» im Tutu
So wirkt «Black Swan» in mancher Hinsicht wie die unheimliche Zwillingsschwester von «The Wrestler». Die Ironie dabei: Der Ballettfilm ist in jeder Beziehung das brutalere Drama. «Black Swan», das ist sozusagen «Showgirls» im Tutu: Natalie Portman spielt Nina, eine junge Ballerina, die um jeden Preis die doppelte Hauptrolle im «Schwanensee» tanzen will. Und diese Nina ist wie geschaffen für Natalie Portman, die in ihrer Kindheit fast zehn Jahre lang klassisches Ballett tanzte. Auf der Leinwand wirkt sie zerbrechlich und elastisch zugleich, sie ist jederzeit makellos in ihrer ungefährlichen Schönheit und deshalb perfekt als weisser Schwan. Und es geht ihr alles ab, was sie an dunklen Trieben aufrufen müsste, um auch den bösen schwarzen Schwan spielen zu können.
Ihre Nina im Film ist eine verklemmte Musterschülerin, die immer noch im Mädchenzimmer daheim bei der Mutter wohnt. Aber die rosa Plüschtiere neben ihrem Bett haben schon eine ungesunde gräuliche Patina, und blutige Kratzer am Rücken künden von ihrer drohenden Verwandlung. Bald sucht Nina ihr sexuelles Erwachen, indem sie ausgerechnet ihre ärgste Rivalin auf ihren Eskapaden durch die Nacht begleitet.
Rodriguez’ schmutziger Spass
Aronofsky entwirft hier das Psychogramm einer Frau, deren Selbstdisziplin zur Besessenheit wird. In ihrem Narzissmus und ihrer Angst vor der Lust gleitet sie allmählich in einen Albtraum ab, der ganz und gar hausgemacht ist. Vergleiche mit «Repulsion» sind durchaus berechtigt: «Black Swan», das ist der Ballett-Thriller, den Polanski nie gedreht hat. Der ganze Film ist gebaut wie ein Spiegelkabinett, in dem sich Nina umso mehr verliert, je stärker sie sich mit ihrer Doppelrolle im «Schwanensee» identifiziert. Tschaikowskys totgespielter Klassiker liefert so das Rohmaterial für eine böse Parabel über die oberste schauspielerische Maxime von Hollywood: Method Acting ist tödlich, wenn man es wirklich ernst nimmt.
Ein subtiler Film ist das nicht gerade, aber von Tschaikowskys Musik lässt sich das ja auch schwer behaupten. Dabei ist Aronofskys Thriller geradezu ein Meisterwerk der Zurückhaltung neben dem krachenden Bravado von «Machete». So heisst der neuste Bubenstreich von Robert Rodriguez, der nach seinem «Grindhouse»-Doppel mit Quentin Tarantino offenbar Blut geleckt hat.
Lustige Schurkenrollen
Jetzt schickt er Danny Trejo auf einen Rachefeldzug, und der seilt sich dabei schon mal an einem menschlichen Darm ab, um seinen Verfolgern zu entkommen. Es ist genau der schmutzige Spass, auf den man sich bei Sylvester Stallones «The Expendables» vergeblich gefreut hatte. Und mit Don Johnson und Steven Seagal in den Schurkenrollen hat Rodriguez erst noch die lustigeren Altstars aus den Achtzigern dabei.
Was übrigens Tarantino betrifft, gab er sich als Präsident der Jury so seriös und unaufgeregt, wie man ihn gar nicht kennt. Vielleicht lags am Jetlag, aber der Kerl redete so sanft, als komme er gerade vom Yoga. Und wie bereitet sich einer wie Tarantino auf sein Amt als Jurypräsident vor, mit 24 Wettbewerbsfilmen in den nächsten zehn Tagen? Macht er Pause, entspannt er sich ein wenig? Ja, indem er bei sich daheim massenhaft Filme anschaut. Er habe gerade ein privates kleines Festival hinter sich, erzählte Tarantino gestern auf dem Lido. Welcher Film dabei gewonnen hat, sagte er nicht. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.09.2010, 20:47 Uhr
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