Kultur
Das Leben auf Schwertes Schneide
Von Christoph Schneider. Aktualisiert am 19.03.2010
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Der Film
Ashes of Time Redux (China 1994). 93 Minuten. Regie: Wong Kar Wai. Kamera: Christopher Doyle. Mit: Leslie Cheung, Tony Leung, Maggie Cheung u. a. Special Edition, 2 DVDs mit 100 Minuten Bonusmaterial. Splendid Film/Impuls Home Entertainment, ca. 30 Fr.
Das chinesische Kampfkunst-Kino pflegt ein fröhliches Verhältnis zur physikalischen Vernunft. Die natürlichen Hebelkräfte, metaphysisch ausgenützt, schleudern seine Kämpfer buchstäblich ins Überirdische. Dort, beim Spitzentanz auf Schwertspitzen, fällt die Erdenschwere der Wahrscheinlichkeit von ihnen ab. Die Brutalität wird zur filigranen Artistik, und es herrscht schwerelos die Einheit von Schlagen, Sein und Lebenssinn.
Man zögert nun ein wenig, Wong Kar-Wais Spielfilm «Ashes of Time» (1994) wirklich zum Martial-Arts-Genre zu rechnen, obwohl die Menschen darin auf Schwertes Schneide leben. Im Titel klingt es nach Sterblichkeit und Trauer, Leben zerrieseln in diesem Drama zu Aschehäufchen, Kriegerseelen sind zu Lebzeiten schon ausgeglüht. Wenn so ein Kämpfer tut, was er am besten kann, dann nicht aus einer von Zwecken befreiten Freude, sondern aus sinnloser Routine in der allgemeinen Sinnlosigkeit; oder weil er halt essen muss. Und wenn er stirbt, nimmt er bestenfalls ein paar Gegner mit, die dann neben ihm auch im Sand verwesen. Aber davon hat er nichts. Die Asche der Zeit deckt alle gleichermassen zu.
Massvolle Bluträusche
Es geht in «Ashes of Time» gar nicht so sehr ums Kämpfen. Die Bluträusche sind durchaus massvoll. Eher handelt der Film – wo er überhaupt «handelt» und nicht mit Stimmungen dichtet – von der Wut aufs Leben und der Sehnsucht nach dem Vergessen. Alle Figuren frieren von innen in der heissen Dürre einer chinesischen Wüste. Zum wärmenden Vergessen hilft den einen ein Zauberschnaps, als Instrument der Wut dient einer anderen – dem ehemaligen Schwertkämpfer Ou-yang Feng (Leslie Cheung) – der Zynismus, mit der sie in ihrem Wüstengasthaus eine Agentur für Auftragsmorde betreibt.
Dort laufen aus lauter Existenztupfen die Schemen von Kriegern und verlorenen Frauen zusammen, von denen man am Ende kaum mehr weiss als am Anfang. Nämlich nur, dass sie einmal begehrten und liebten und eine individuelle Idee von sich hatten. Dass ihr Leben aber ein ewiges Zuspät oder Zufrüh war und ein einziges Verpassen. Niemand in «Ashes of Time» ist je rechtzeitig gekommen. Manche sterben nach einer leeren Existenz einen unnützen Tod. Manche lässt Wong Kar-Wai laufen, damit sie im Irgendwo weiter mit dem eigenen Schatten kämpfen, ihrem stärksten Gegner. Das ist das Drama in dieser Geschichte tragischer Auf- und Abtritte.
Leere Existenz, unnützer Tod
So weit eine Zusammenfassung tatsächlicher Vorgänge. Man könnte nicht sagen, dass Kohärenz und die Festigkeit eines roten Fadens die Stärke dieses Films sind. Er ist ein atmosphärisches Kunstwerk. Wong Kar-Wai und sein Kameramann Christopher Doyle malen eine Tragödie der Verirrungen, und die Kamera ist ihr Pinsel. Dramatisches Leben entsteht hier weniger durch handelnde Menschen als durch die Farbtöne und Farbwechsel ihrer Aussenwelt. Sie spiegelt innere Zustände: im Gelbschein von Lampions, der Konturen unscharf macht; im Grün, Braun und Grau versteppter und verwüsteter Landschaften; im harten Blau des Himmels darüber, wo der Mond sich dann vor die Sonne schiebt wie die Vergangenheiten vor die Gegenwart.
Die Kämpfe, scharf, kurz und blutig, sind Stillleben der Trauer. Das ist alles von gewaltiger und vergifteter Schönheit, aber eben: Es sind eher mächtige Gemälde vom Prinzip Hoffnungslosigkeit und kaum mehr als Skizzen von einzelnen Verzweiflungen, die begreifbar würden in Ursache und Wirkung. Wahrscheinlich sollte man nach der äusseren Logik gar nicht suchen; es verdirbt den überwältigenden Eindruck. Denn was einem wirklich bleibt und wovon man sich als faszinierter Zuschauer gar nicht mehr hat lösen wollen, das ist die Bild gewordene Ahnung vom zeitlosen menschlichen Kummer, ein zu gutes Gedächtnis zu haben. Weil man an Erinnerungen sterben kann.
Ausserdem, dies aber nebenbei, wird doch auch sehr kundig gefochten.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 19.03.2010, 04:00 Uhr





