Das Grauen im Blick
Von Lucie Machac. Aktualisiert am 04.03.2009
Es ist einer jener Filme, bei denen man am Ende stumm aus dem Kinosaal schleicht, benommen von der Wucht des Miterlebten, unfähig, die überbordenden Eindrücke im Kopf zu bändigen, geschweige denn zu ordnen. Kurzum: «The Reader» verstört. Die Erschütterung breitet sich nicht nur auf der Gefühlsebene aus, sie rüttelt vor allem Geist und Gewissen auf.
Betörende Ausdruckskraft
Dabei fängt alles relativ harmlos an, 1958, irgendwo in Deutschland. Michael (David Kross) ist zarte fünfzehn, als er seiner ersten – und letzten – grossen Liebe begegnet, der 36-jährigen Hanna (Kate Winslet). Die Strassenbahnschaffnerin führt ihn spontan in die Mysterien der körperlichen Liebe ein, als Gegenleistung liest er ihr vor. Horaz, Lessing, «Krieg und Frieden», Comics, Homers «Odyssee» – nur Lady Chatterleys Ekstasen finden bei der strengen Liebeslehrerin komischerweise wenig Anklang. Zwischen ihr und Michael entwickelt sich der Liebesakt mit anschliessender Vorlesung derweil zum festen Ritual, Badestunden für ein reines Gewissen inklusive.
Doch Hannas Person bleibt rätselhaft, ihre Launen unberechenbar. Kate Winslet, für die delikate Rolle mit einem Oscar belohnt, meistert diesen Spagat mit einer betörenden Ausdruckskraft: In Nahaufnahmen wirken Hannas Züge mal sanft und mütterlich, im nächsten Moment schroff und abweisend, mal gibt sie sich verstockt, dann wieder verführerisch. Und eines Tages verschwindet sie – und lässt ihr «Jungchen» traumatisiert zurück.
Lebenslange Schuldgefühle
Jahre später, 1966, begegnet der Jurastudent Michael seiner verschollenen Mätresse unerwartet wieder – auf der Anklagebank im Gerichtssaal. Er muss erfahren, dass Hanna KZ-Wärterin war und gegen Kriegsende jüdische Häftlinge in einer Kirche verbrennen liess. «Es war ein Befehl», lautet ihre spröde Verteidigung. Eine Schuld scheint sich die intellektuell Unreife nicht einzugestehen. Allerdings ist das erst die halbe Wahrheit: Hanna hütet ein weiteres, in diesem Kontext ein fast schon banales Geheimnis, das sie jedoch lebenslang ins Gefängnis bringt – und Michael ein Leben lang Schuldgefühle aufbürdet.
Kein Schwarz-Weiss-Drama
Der britische Regisseur Stephen Daldry («The Hours») hält sich in seinem intim inszenierten Drama sehr genau an Bernhard Schlinks literarische Vorlage, den Weltbestseller «Der Vorleser» (1995). Der deutsche Roman gehört gerade wegen seiner brisanten Thematik längst zur Schullektüre. Um die amerikanisch-deutsche Filmproduktion ist jedoch eine öffentliche Kontroverse entbrannt. Kritiker werfen Daldry «Naziverniedlichung» vor, einige wollen gar einen «Naziporno» gesehen haben.
Im angelsächsischen Raum taten sich ein paar übereifrige Holocaustexperten bereits mit dem Buch schwer, weil sie in der zwiespältigen Romanze zwischen einer Nazi und einem Minderjährigen «sentimentale Geschichtsverfälschung» vermuteten. Im Film sind es vor allem die Rolle der Hanna und ihre späte Wandlung, die auf Unverständnis stossen: Das personifizierte Böse ist einigen Puristen nicht hässlich, vor allem aber nicht rabenschwarz genug.
Unerträgliche Ambivalenz
Dabei ist genau dies die grosse Stärke von Daldry/Schlink: Statt schwarz-weiss zu malen, zeigen sie die Wirklichkeit in all ihren Schattierungen. Hanna hat Hunderte von Juden auf dem Gewissen und ist an Michaels Beziehungsunfähigkeit schuld. Gleichzeitig ist sie ein Opfer ihrer Scham und Einfalt. Michael wiederum ist nicht nur Opfer, sondern mitschuldig, dass Hanna lebenslang hinter Gittern verschwindet. Inwieweit sich der Arglose auch mit historischer Schuld belädt, weil er eine Nazimitläuferin liebt, müssen die Zuschauer selber beurteilen.
So entwickelt sich der Film immer mehr zu einer unbehaglichen Gratwanderung, die umso beschwerlicher wird, als Daldry auf sehr emotionale Bilder setzt, vor allem gegen Ende des Films. Dennoch ist «The Reader» keine Holocaustschnulze geworden. Daldry fokussiert schliesslich nicht nur auf die Geschichte einer fatalen Liebe, er begibt sich auf weit heikleres Terrain: eine Spurensuche, die das Dasein in seiner unerträglichen Ambivalenz blossstellt.
Der Film läuft ab Donnerstag im Kino. (Berner Zeitung)
Erstellt: 04.03.2009, 14:15 Uhr
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