Auf den Spuren der Finanzkrise
Info-Box
«Let’s Make Money»: Vorpremiere: Samstag 17.Januar, 13 Uhr, Cine Movie Bern. Ab 22. Januar im Kino.
Das Timing hätte besser nicht sein können. Pünktlich zur weltweiten Finanzkrise bringt Erwin Wagenhofer mit «Let’s Make Money» den (Dokumentar-)Film zum Crash in die Kinos.
Wie bereits in seinem Regiedebüt «We Feed the World», in dem er die weltweit operierende Nahrungsmittelindustrie unter die Lupe nahm, bemüht sich der österreichische Regisseur, die unbarmherzige innere Logik des globalen Marktes offenzulegen.
Keine Mätzchen à la Moore
Aus der Finanz- wird bei ihm eine Gerechtigkeitskrise. Und statt auf die Macht drastischer Bilder setzt der 47-jährige Filmemacher – angesichts des abstrakten Charakters waghalsiger Finanzspekulationen – auf die Kraft des Wortes. Allerdings verzichtet er dabei auf einen Off-Kommentar. Und obwohl Wagenhofer für Regie, Drehbuch, Kamera und Schnitt verantwortlich ist, unterlässt er jede Selbstinszenierung à la Michael Moore («Fahrenheit 9/11») oder Morgan Spurlock («Super Size Me»).
Die Freude des Kapitalisten
Gemeinsam mit einem österreichischen Unternehmer besichtigt Wagenhofer (der im Film unsichtbar bleibt) die indische Fabrik eines Bilderbuchkapitalisten im schlechtesten Sinn. Dieser freut sich diebisch darüber, dass Umweltschutz und Gewerkschaften in Indien keine Rolle spielen. Solche Vor-Ort-Interviews lockern das klassische Dokumentationsformat angenehm auf. Häufig reduzieren sich die Schauplätze jedoch auf illustrative Kulissen. John Christensen, der als Direktor des «Tax Justice Network» zu den anerkanntesten Kritikern des Neoliberalismus zählt, kommt am Strand der Steueroase Jersey zu Wort, für die er einst als Wirtschaftsberater arbeitete.
Gänzlich auf den Sprecher fokussiert sind die Gespräche mit Hermann Scheer, dem Träger des alternativen Nobelpreises. Dessen Parteizugehörigkeit – Scheer ist SPD-Bundestagsabgeordneter – unterschlägt der Film jedoch und tut damit so, als ob dessen Statements jeder Parteilichkeit enthoben seien.
Bebilderung ist Nebensache
Auch bei den brisanten Aussagen von John Perkins bleibt die «Bebilderung» Nebensache. Perkins schildert, wie er in seiner Zeit als «Wirtschaftskiller» im Auftrag der US-Regierung Länder der Dritten Welt systematisch korrumpiert und in die Abhängigkeit von Amerika getrieben habe. Wenn sich ein Staatschef der «Dritten Welt» wie Panamas ehemaliger Präsident Omar Torrijos geweigert habe, seien die echten (CIA-)Killer auf den Plan getreten. Und erst wenn auch diese versagt hätten wie bei Saddam Hussein, sei die Armee eingesetzt worden. Das ist schockierend, aber nicht neu. Perkins selbst hat diese Anschuldigungen 2004 in seinem Buch «Confessions of an Economic Hit Man» formuliert.
Die Kehrseite des rücksichtslosen Wirtschaftsimperialismus wird in «Let’s Make Money» hingegen kaum gezeigt. Baumwolle pflückende Männer, Frauen und Kinder in Burkina Faso gehören zu den wenigen, die den Globalisierungsopfern ein Gesicht geben. Doch auch ihr Leid wird vor allem durch Worte vermittelt.
Werbung über den Slums
Zu selten gelingt es dem Film, Bilder zu finden wie die von den protzigen Werbeplakaten, die über die Dächer der indischen Slums hinausragen. Auch die Luftaufnahmen von leer stehenden Luxusanlagen, die in der spanischen Wüstenlandschaft gespenstische Zeugen der geplatzten Immobilienblase abgeben, bleiben (eindrucksvolle) Ausnahmen; und «Let’s Make Money» damit ein aufrüttelnder, fundierter, aber konventionell erzählter Dokumentarfilm. (Berner Zeitung)
Erstellt: 15.01.2009, 08:01 Uhr
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