Kultur
«Armut-Porno» erregt Hollywood
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 03.02.2009
Für einmal sind sich Publikum und Kritiker einig. «Slumdog Millionaire», der kürzlich vier Golden Globes gewann und für zehn Oscars nominiert wurde, ist ein Meisterwerk: elektrisierend, berührend und witzig zugleich.
Die Lobesliste liesse sich beliebig verlängern – würde nicht zunehmend Kritik gegen den Film des «Trainspotting»-Regisseurs Danny Boyle laut. Die indischen Kinderschauspieler, die auf der Leinwand begeistern, behaupten, sie seien von Boyle zu einem Hungerlohn angeheuert worden. «Slumdog Millionaire» führte in Indien gar zu Ausschreitungen vor Kinos. «Wir sind keine Hunde!» stand auf den Schildern von wütenden Demonstranten.
Die Aufregung ist verständlich. Der Film zeichnet kein schönes Bild des Landes, das sich gerne als zukünftigen Global Player sieht. Gewalt gleich zum Auftakt: Der 18-jährige Malik hängt in einem Polizeirevier von der Decke. Polizisten schlagen ihn, weil er fast alle Fragen der Quizshow «Wer wird Millionär?» richtig beantwortet hat, sie wittern Betrug.
Ausgekratzte Kinderaugen
Warum der Junge so viel weiss, beantwortet der Film, indem er mit Rückblenden das Leben Maliks zeigt. Es sind keine schönen Erinnerungen: Slum-Mädchen werden zur Prostitution gezwungen, Strassenjungen die Augen ausgekratzt, um bei Touristen mehr Geld erbetteln zu können. Und um an eine kostbare Autogrammkarte zu kommen, springt Malik schon mal in eine Latrine, die randvoll mit Curry-farbenen Exkrementen gefüllt ist.
Szenen wie letztere haben nun auch westliche Kritiker auf den Plan gerufen. Sie werfen Regisseur Boyle Ästhetisierung der Armut vor. Eine Kolumnistin der englischen «Times» bezeichnet den Film als «Poverty Porn». Genüsslich weide sich die Kamera am Elend der Slumbewohner. Mit viel Farbe und Drive würde das Gossenleben werbeclipartig schöngefilmt.
Modernes «Aschenputtel»?
Tatsächlich erscheint in Boyles rasanter und eleganter Inszenierung der indische Slum-Alltag als ein grosses, knalliges Abenteuer. Trotzdem haftet der «Poverty Porn»-Kritik etwas gar viel politische Korrektheit an. Muss denn Armut in der Kunst auf eine bestimmte Art und Weise dargestellt weren? Und: Könnte die Empörung der Kritiker und Kinderschauspieler nicht mit dem kommerziellen Erfolg des Film zusammenhängen?
«Vergesst die gekränkten nationalistischen Gefühle», schreibt Nikhat Kazmi, ein Kommentator der angesehenen Tageszeitung «Times of India». «Slumdog Millionaire» sei nicht der Fall eines «infamen westlichen Blicks», der orientalisches Elend aufstöbere. Vielmehr sei der Film ein Stück fesselndes Kino mit der Botschaft, dass eine Karriere von ganz unten nach ganz oben möglich ist.
Es ist das unbestrittene Verdienst von «Slumdog Millionaire», dass sich der Film keinem bestimmten Genre zuordnen lässt. Drama, Thriller, Bollywood-Komödie oder Liebesgeschichte: Das Publikum hat die Wahl. So kann auch die moralische Frage, ob es sich dabei um verabscheuungswürdigen Slum-Chic oder ein modernes «Aschenputtel» handelt, wohl nur vom einzelnen Zuschauer beantwortet werden. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.02.2009, 11:23 Uhr




