Alles wird gut in dieser Soap-Opera aus dem Bundeshaus
Von Christoph Schneider. Aktualisiert am 09.01.2010
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Der Film
Der grosse Kater (CH 2009). 91 Minuten. Regie: Wolfgang Panzer. Mit Bruno Ganz, Ulrich Tukur, Christiane Paul u. a.
Immer diese ungefreute Sache mit der Literatur, aus der Kino wird. Verdient sie ihren Namen, ist sie natürlich eine gewaltige filmische Verlockung, aber der Film hat es schwer mit ihr: mit ihren epischen Methoden, aus denen dramatische werden müssen; mit ihren atmosphärischen Sprachmelodien; mit ihren eigensinnigen Begriffen von Wahrscheinlichkeit; und überhaupt mit allem Inventar, das von persönlichen inneren Bühnen auf die Leinwand soll oder ins Fernsehen und in die visuelle Objektivität. Und immer steht so ein Buch, wenn man es kennt, einem dann im Weg. Besser wärs oft, man kennte nur den Film.
Andererseits ist ein Film, der nie das Buch ist, von dem er zehrt, ganz für sich allein verantwortlich. Auch Wolfgang Panzers «Der grosse Kater». Er dürfte sich beispielsweise nicht beschädigen lassen durch das Vorwissen, dass der Schriftsteller Thomas Hürlimann, Autor des gleichnamigen Romans (1998), der älteste Sohn jenes Bundesrates ist, der in seinem Präsidialjahr 1979 das spanische Königspaar in der Schweiz empfing und die Verkörperung der bürgerlichen Souveränität und des europäischen Optimismus zu sein hatte (damals ging das noch in der Schweiz), während es in der Seele vermutlich schon dunkelte, weil im jüngsten Sohn der Krebs frass. Dass also Thomas Hürlimann seine Geschichte um einen Kern von Authentizität spann, nämlich um ein Stück Familiengeschichte und politische Vergangenheit, als eine Surrealität von hoher literarischer Wahrscheinlichkeit.
Denn der Roman handelt (und den Film sähe man gern handeln) von einem, den sie den grossen Kater nennen, weil er mindestens sieben politische Leben hat und Bundespräsident geworden ist, und er handelt auch von einem, der eigentlich lieber ein einziges richtiges Leben hätte, von dem er seinem sterbenden Buben gern etwas abgäbe, als Vater, nicht als Kater.
Peinsame Synchronisation
Das geht aber nicht, der Kater hat längst verlernt, zwischen seinen Leben zu unterscheiden, und als er es versucht und, wer weiss, wieder lernen könnte, trifft ihn die Intrige eines alten Konkurrenten, des Chefs der Sicherheitspolizei. Der hat in den Ablauf eines königlichen Besuchs aus Spanien – quasi als emotionalen Höhepunkt – eine Visite beim todkranken Sohn ins Damenprogramm geschmuggelt. Der Kater hats nicht gewusst und steht nun vor seiner Frau da als Sterbeschänder und eine Art Abraham, der das eigene todkranke Fleisch und Blut auf dem medialen Altar opfern will.
Mit durchaus öffentlichen Konsequenzen. Weil die Frau nun ausbricht aus einer dauergewellten Dornröschenexistenz und beim Galadiner für die spanischen Majestäten Skandal macht; denn sie traut dem Kater das, wofür er nichts kann, zu, und tatsächlich wärs ihm ja auch zuzutrauen, und eigentlich hat der Sicherheitschef nur getan, was zum Bundespräsidenten passen würde. Das ist nämlich die Tragödie, die Hürlimann beschreibt, dieses Schuldig-Unschuldige im Machtbewusstsein, die Gleichzeitigkeit von Anstand und Skrupellosigkeit in einem zum katholischen Mittelmass disziplinierten Charakter (die alten Geister der Klosterschule Einsiedeln spuken ganz gewaltig und manchmal fast satyrhaft durch dieses tragische Buch).
Und nein, zu wissen, was für ein hervorragender, vielschichtiger Roman das ist, hat mit einem Ressentiment gegen seine Verfilmung noch lange nichts zu tun. Erst einmal hat es die Hoffnung geweckt, es finde ein Regisseur womöglich zur vielschichtigen Dramatik. Für den eigenen Schaden sorgt der Film dann eben ganz allein. Viel Pein wird einem angetan schon von der für das hiesige Kino vorgesehenen schweizerdeutschen Synchronisation; nicht genug zu beklagen, was für ein fades Männlein aus einem Schauspieler wie Ulrich Tukur, dem Sipo-Chef, wird, dank einer grammatikalisch heimatlosen Dialektstimme.
Schranzenartiges Geziefer
Auch sonst kann einem «Der grosse Kater» die Lust auf den literarisch inspirierten Schweizer Film wirklich trüben. Allein schon durch den Entschluss, den roten Faden, der sich bei Hürlimann durch Gegenwart und Erinnerung schlängelt, so zu spannen, dass fast nichts bleibt als das Kleinklein von einem Intrigenmais im Bundeshaus. Ferner weil das, was dort Ort und Zeit, hier nur sein ausgesucht hübsches Set hat und eine verschwommene Zeitlosigkeit, in der sich nicht einmal die Logos des Schweizer Fernsehens entscheiden können, in welches Jahr sie gehören wollen.
Am schlimmsten aber: durch den Mangel an differenziertem Leben. Der einzige Charakter, der grosse Kater (Bruno Ganz) natürlich, ist umgeben von klischeehafter Loyalität (die Pressechefin Bässler, Christiane Paul, spricht Hochdeutsch, immerhin bzw. ausgerechnet sie) oder von schranzenartigem Geziefer (wussten Sie, dass der päpstliche Nuntius immer durch die Wandelhalle des Bundeshauses geistert wie ein magerer Revenant des Kardinals Richelieu?). Und selbst dieser Kater ist weniger Charakter als ein zu charaktervollen Sentenzen gezwungener Figurant. Dass mans lang nicht merkt, liegt an Bruno Ganz` Charisma. Beinahe möchte man es eine Verschwendung von Ausstrahlung nennen.
Im Grunde ist es ein Elend. Nirgends spürt man den Anspruch auf visuelle Freiheit. Über allem liegt der alte Fluch des fantasiearmen Erzählkinos: die Rührseligkeit. Am besten, gewissermassen ganz bei sich, ist «Der grosse Kater» deshalb in der letzten halben Stunde; der Fluch wirkt dort am reinsten und rührendsten. Alles löst sich auf dem Königsweg der Sentimentalität, und noch einmal ist der Vergleich mit Hürlimanns Roman unvermeidlich: Auch dort kommt es zur Lösung, aber es bleibt kalt um den grossen Kater, und die geschlagenen Wunden schliessen sich nicht. Der Film, weil er es gut mit uns Zuschauern meint, lässt sie heilen im warmen Moll der Melancholie. So schön ist die Welt eingerichtet in einer präsidial-demokratischen Soap-Opera. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.01.2010, 07:14 Uhr
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