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TV-Kritik: Wenn Nonnen Kinder stehlen

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 28.06.2012 14 Kommentare

300'000 Neugeborene wurden in Spanien geraubt und heimlich verkauft – bis in die 90er-Jahre. Sowohl «Reporter» als auch «DOK» behandelt das Thema. Denn auch Schweizer sind betroffen.

1/6 «Reporter» begleitete die Basler Eltern Theo und Roser Häfliger-Lanaspa auf der Suche nach ihrem Sohn Ivan, der Ende der 70er-Jahre angeblich gestorben ist.
Bild: SRF

   

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Tausende von Müttern haben in Spanien den vermeintlichen Tod ihres neugeborenen Babys beweint. Es sei kurz nach der Geburt gestorben, haben ihnen die Krankenschwestern gesagt, meist waren es katholische Nonnen.

Ihr angeblich totes Kind haben die meisten Mütter nie zu Gesicht bekommen; es liege schon im Sarg, es sei bereits weggebracht worden, es sei zu aufwühlend, irgendetwas in der Art haben die Nonnen gesagt. Wenn eine Mutter einfach nicht nachgeben wollte, haben die Schwestern ihr ein gefrorenes Baby gebracht und gesagt, es sei ihres. Der nächsten Mutter haben sie dasselbe Baby gezeigt und gesagt, es sei ihres. Und der übernächsten.

Organisiert von Nonnen und Ärzten

Vor etwas mehr als einem Jahr kam ans Licht, dass all diese Kinder vielleicht noch leben. Schätzungen gehen davon aus, dass seit der Franco-Diktatur rund 300'000 Neugeborene offiziell für tot erklärt wurden, um anschliessend für Tausende von Franken an Adoptiveltern verkauft zu werden – ein florierendes Geschäft, das perfekt organisiert war von Ärzten und Pflegepersonal. Erst stahl man die Babys von Regimegegnern, später von ledigen oder minderjährigen Müttern – zur Wiederherstellung der Moral, wie sich eine Nonne ausdrückte – und in den Achtzigerjahren nur noch fürs Geld.

Die meisten Adoptiveltern waren vermutlich ahnungslos, dass ihr neues Baby gestohlen worden war. Vielen wurde gesagt, minderjährige oder ledige Mütter hätten sie weggegeben. Einige stotterten jahrelang das Geld für ihr Adoptivkind ab, «wie die Leasinggebühren eines Autos», sagt Antonio Barros im «DOK». Er fand vor etwa vier Jahren heraus, dass ihn seine Eltern einer Nonne abgekauft hatten, die ihn von seiner leiblichen Mutter gestohlen hatte. Barros kündigte nach dieser Entdeckung seinen Job und gründete die Hilfsorganisation Anadir, um die Verantwortlichen – hauptsächlich katholische Nonnen und Ärzte – zur Rechenschaft zu ziehen.

Zweimal dasselbe Thema auf SF

Ein aufwühlendes Thema, dem das Schweizer Fernsehen diese Woche sowohl die Sendung «Reporter» («Das geraubte Kind – Familie Häfligers Suche nach Ivan») als auch «DOK» («Spaniens gestohlene Kinder») widmet. Während «Reporter» am Sonntag eine Basler Familie begleitete, deren neugeborener Sohn Ivan 1977 in einem spanischen Krankenhaus für tot erklärt worden war, rollte der gestrige «DOK» die ganze Geschichte auf, erzählte die Hintergründe der Diebstähle, besuchte gestohlene Kinder, Adoptiveltern und eine Mutter, die mit ihrem Baby aus dem Krankenhaus fliehen musste, nachdem man ihr gesagt hatte, es sei tot. Sie hatte es jedoch schreien hören, fand es und rannte mitsamt Baby davon. Die Polizei glaubte ihre Geschichte nicht.

«DOK» versuchte aber auch mit beteiligten Nonnen, Ärzten oder katholischen Verantwortlichen zu sprechen. Diese stritten entweder ab oder wurden als dement bezeichnet. Bis 1987 durfte eine einzelne Person eine Adoption in Gang bringen. Meist war es die Oberin eines der Geburtshäuser für minderjährige oder alleinerziehende Mütter, in denen auffällig viele Kinder «starben», teilweise mehr als ein Drittel. Stutzig wurde niemand. Und die Oberin bekam dafür Geld.

Sowohl der abgerundete «DOK» als auch der Einblick von «Reporter» ist sehenswert. Dass SF in derselben Woche in beiden Reportage-Gefässen dasselbe Thema behandelt, erstaunt zwar, geht aber bei solch einem Thema in Ordnung. «DOK» ist aufwendiger und informativer, «Reporter» dagegen zeigt den Schweizer Aspekt. Es ist einzig geschmäcklerisch zu bemängeln, dass hier mit der Musik und den Off-Kommentaren manchmal etwas zu dick aufgetragen wurde. Eine solch erschütternde Geschichte kommt auch ohne diese Zusätze aus.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.06.2012, 10:00 Uhr

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14 Kommentare

Carl Friedrich Sensburg

28.06.2012, 11:26 Uhr
Melden 126 Empfehlung 0

Mit welchem Anspruch, von Recht wollen wir hier gar nicht sprechen, sieht sich die Katholische Kirche eigentlich noch als ernstzunehmende moralische und ethische Instanz. In dieser Institution triefts regelrecht von Skandalen (Zwangskastrationen, Pädophilie, Menschenhandel). Da hilft selbst die grundehrliche Basisarbeit nicht mehr darüber hinweg. Mich widert das ganze Zeugs so regelrecht an. Antworten


maja naef

28.06.2012, 11:00 Uhr
Melden 87 Empfehlung 0

Franco, Psychiater, Nonnen, Ärzte alle haben sich schuldig gemacht. Ich verstehe nicht warum diesen Institutionen immer noch so viel Vertrauen entgegengebracht wird. Antworten



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