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TV-Kritik: Nicht alles ganz koscher

Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 27.04.2012

Die jüdische Gemeinde in Zürich feiert ihr 150-jähriges Bestehen und «Schweiz aktuell» schaut eine Woche lang in ihre oft sonderbare Welt von koscherem Essen bis eigener Ambulanz. Allzu kritisch wurde es nicht.

1/15 Die jüdische Gemeinde in Zürich hat eine eigene Ambulanz...
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Jeder hat sie schon gesehen, die Männer mit den schwarzen Mänteln, den grossen Hüten und langen Bärten. Die jungen Frauen mit den knöchellangen Röcken, den Perücken und den Kinderwagen. Die Jungs mit den kurzgeschnittenen Haaren, den Schläfenlöckchen und den Kickboards, die Mädchen mit ihren hübschen Kleidchen. 18'000 Juden leben in der Schweiz, rund 6000 davon in Zürich. Diese haben ein eigenes Altersheim, eigene Schulklassen, eigene Lebensmittelgeschäfte, sogar eine eigene Ambulanz.

Kein TV und Computer am Samstag

Aber nicht alle sind so auffällig wie die streng orthodoxen Juden, die auf den ersten Blick erkennbar sind und deren Welt für Aussenstehende oft verschlossen bleibt. «Schweiz aktuell» versucht seit diesem Montag, einen Einblick in die jüdische Welt in Zürich, die «Koscher-City» zu gewinnen. Das geht bei der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich (ICZ) gut, die dieses Jahr ihr 150-jähriges Bestehen feiert. Denn hier gibt es nicht nur streng orthodoxe, sondern auch liberale Juden. «Für mich heisst jüdisch sein, wenn man am Samstag nicht fernsieht und Computer spielt», erklärt ein kleiner Junge an einem Apéro der ICZ. Trüge er keine Kippa auf dem Haupt, sähe er aus wie jeder andere Zürcher Junge.

So ist es bei den meisten Juden, die bislang in der Sonderwoche von «Schweiz aktuell» zu Wort kamen. Alle reden sie astreines Schweizerdeutsch, sie tragen Jeans, Tops und Sneakers. Tag eins startete schleppend, aber dafür mit der herrlichen Erkenntnis, dass man als Rabbiner durchaus gleichzeitig FCZ- und FCB-Fan sein kann: «Mit gutem Willen geht es, es braucht Akzeptanz und Toleranz», sagte der Rabbiner, meinte damit aber nicht den Fussball, sondern die Extreme orthodox und liberal. Tag zwei der Sonderserie zeigte eine jüdische Schule, ein jüdisches Altersheim und eine jüdische Ambulanz. Leider verschenkte «Schweiz aktuell» letzteres Thema völlig. Warum eine eigene Ambulanz? Wie funktioniert die genau? Worauf genau muss Rücksicht genommen werden? Wer finanziert das Angebot? Gerne hätten wir die Fragen und Antworten gehört.

Inspektor koscher

Mit Tag drei erreichte die Sonderserie ihren bisherigen Höhepunkt: koschere Ernährung. Schon gewusst, dass es eine Smartphone-App gibt, die alle koscheren Lebensmittel in Coop, Migros und Co. kennt? Dass ein Inspektor regelmässig die Lebensmittelproduktion in den Geschäften überprüft? Dass es einen Juden gibt, der einmal wöchentlich den Knopf der Brotbacköfen bei Coop und Migros drückt, damit das Brot 100 Prozent koscher ist? Dennoch blieben einige Fragen offen: Gibt es Verträge mit Migros und Coop? Wie sind die gegenseitigen Verpflichtungen? Interessantestes Votum von Tag drei: «Wir würden fast lieber verhungern, als etwas zu essen, das nicht koscher ist», so der Lebensmittelinspektor Josef Wieder.

Am gestrigen Tag vier gab es eine jüdische Traumhochzeit zu sehen (an der Party tanzen Frauen auf der einen Seite des Saals und Männer auf der anderen, damit es keine ausserehelichen Verlockungen auf der Tanzfläche gibt) und jüdische Single-Frauen auf Traummann-Suche. Und es ging um die Rolle der Frau, die immer wieder als «ganz, ganz wichtig» bezeichnet wurde, was schön ausgedrückt so viel heisst, dass sich die Frau um den koscheren Haushalt und die Kindererziehung kümmert. Daheim hat also die Frau das Sagen, in der Synagoge hat sie jedoch nichts zu suchen, dort, wo die Männer sitzen. Den Frauen bleiben die Plätze auf der Empore. Oliver Bonos «Ist das nicht diskriminierend?»-Frage war eher zögerlich.

Religiöse Führung stärkt Wohlbefinden

Die gefilmten Frauen schienen sich jedoch nicht an der Ungleichheit zu stören und wirkten allesamt selbstbewusst und überzeugt von ihrem Glauben. «Eine religiöse Führung kann gewisse Sachen erleichtern und das Wohlbefinden stärken», sagte die jüdische Psychologin. Zudem sei Religion etwas Persönliches und jeder habe die Wahl. Die Frage, wie es denn sei, wenn man sich in einen Andersgläubigen verliebe, beantwortete sie ebenso schwammig wie der Lebensmittelinspektor die Frage beantwortete, was denn passiere, wenn man versehentlich etwas Unkoscheres gegessen habe.

Eine stark gelebte Religion ist für Aussenstehende mit wenig Bezug wohl immer schwer nachvollziehbar – egal, ob jüdisch, katholisch oder reformiert. Im Gegensatz zu den Zehn Geboten der Katholiken haben die Juden 613 Gebote und Verbote zu befolgen. Viele nehmen diese sehr ernst; viel ernster und genauer, so scheint es, als die meisten Andersgläubigen die ihren. Für nichtjüdische Zuschauer ist das alles zu unübersichtlich und vieles in der «Schweiz aktuell»-Sonderserie wirkte entsprechend sonderbar. Der kurze Einblick in die grösstenteils unbekannte «Koscher City» war aber interessant (je orthodoxer, je spannender), die Themen vielseitig und gut gewählt. Schade, hat man es verpasst, hie und da ein wenig mehr nachzuhaken und in die Tiefe zu gehen. Ob wir Nichtjuden alle Antworten verstanden hätten, ist jedoch wieder eine andere Frage.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.04.2012, 08:12 Uhr

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