TV-Kritik: «Ich hatte das Gefühl, er sei tot»

Von Rico Bandle. Aktualisiert am 11.03.2010 48 Kommentare

Geht es um Jugendgewalt, sind im Normalfall alle Augen auf die Täter gerichtet. Doch wie geht es den Opfern? Der «Reporter» widmete sich Leuten, die grundlos verprügelt wurden.

1/7 Rückkehr zum Tatort: Theresa Stucki und Hanspeter Schöpflin leben mit Angstzuständen, seit sie verprügelt wurden.
SF/Reporter

   

Früher Morgen des 21. November 2009 in der Basler Rebgasse. Eine Gruppe Jugendlicher nähert sich Hanspeter Schöpflin von hinten, er kriegt einen Schlag verpasst, fällt hin. Es wird weiter auf in eingedroschen, er erhält Fusstritte, auch ins Gesicht. «Ich dachte, er ist tot», sagt seine Lebenspartnerin Theresa Stucki, die mit ihm unterwegs war und im Anschluss ebenfalls verprügelt wurde. Ein drittes Opfer kam noch hinzu, ein junger Mann, der helfen wollte.

Ein brutaler Angriff, völlig aus dem Nichts, ohne jeden Grund. Genau so muss es den Opfern der Schweizer Schläger in München ergangen sein. Hanspeter Schöpflin hat schwere Verletzungen davon getragen: multiple Prellungen, eine Rissquetschwunde am Kopf, ein komplizierter Vorderarmbruch und einiges mehr. «Er hatte damit noch Glück gehabt», heisst es im Film. Ohnehin hat man das Gefühl, dass die körperlichen Schäden noch das kleinere Übel sind.

Das früher unternehmungslustige Paar geht kaum noch nach draussen, ist von ständiger Angst begleitet. Das Gefühl der Sicherheit sei völlig abhanden gekommen. «Ich bin nicht mehr frei, nicht mehr unbeschwert», sagt Theresa Stucki. Hinzu kommt, dass man nach einem solchen Fall in juristische, bürokratische und ermittlungstechnische Mühlen hineingerät, die kaum Luft lassen, das Geschehene zu verarbeiten. Die Suva, die Ermittlungsbehörden, die Opferhilfe und unzählige Stellen mehr helfen zwar, sind aber auch eine Belastung. Hanspeter Schöpflin musste seine Zahnarztpraxis fünf Wochen lang schliessen, er muss sich darum kümmern, wie er für den Ausfall entschädigt wird.

Die offenen Fragen

Die Tatverdächtigen, vier Schweizer Jugendliche, konnten gefasst werden; ein Jurist erklärt, welche Strafen ihnen drohen könnten. Das ist alles, was man über sie erfährt. Im Verlauf des Films wird klar, weshalb das Hauptinteresse bei solchen Fällen im Normalfall bei den Tätern liegt und nicht bei den Opfern. Dass eine solche Tat ein Leben zerstören oder zumindest nachhaltig beeinträchtigen kann, versteht man ziemlich schnell, dazu muss man die Opfer nicht bis zur Psychologin begleiten. Was unbegreiflich bleibt: Was treibt die Täter an?

Ebenso unbegreiflich ist für den Justiz-Laien: Wie kann man die Tatverdächtigen nach drei Wochen Untersuchungshaft schon wieder auf freien Fuss setzen? Die vier Prügler bewegen sich bis Prozessbeginn in Freiheit. Diesen Fragen ging dieser «Reporter» nicht nach, darum ging es den Autorinnen Helen Arnet und Nathalie Rufer auch gar nicht. Und doch schreit diese Reportage nach einer Fortsetzung, spätestens bei Prozessbeginn. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 11.03.2010, 09:08 Uhr

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48 Kommentare

Erika Manser

11.03.2010, 09:35 Uhr
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Wenn ich dies lese, macht es mir wirklich Angst mit meinen jugendlichen Kindern in die Schweiz zurueckzukehren. Ich und viele Europaeer haben sich noch nie so sicher gefuehlt wie in China. Wie in der Schweiz, wissen die Taeter hier genau, wie ihnen geschehen wird. Ich verstehe nicht, weshalb in der Schweiz die Mehrheit unter diesen Typen leiden muss. Werden da nicht auch Menschenrechte ignoriert? Antworten


Ernst Bolliger

11.03.2010, 09:59 Uhr
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Gelten Menschenrechte nur für die einen ? Haben nicht ALLE Bürger in diesem Land das Recht auf Sicherheit - auch Nachts ? Das ist ein Menschenrecht und muss mit Nachdruck durchgesetzt werden - von Politiker, Richtern und Polizei. Wann ist endlich schluss mit diesem Täter-Wellness. Antworten



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