TV-Kritik: Hooligans mit Gefühlen
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 27.01.2012 25 Kommentare
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«Was ist eigentlich geworden aus...?» ist eine beliebte Rubrik für gealterte Showbiz-Stars, die einst ruhmreiche Zeiten erlebten und inzwischen längst von der Bildfläche verdrängt wurden von jüngeren, attraktiveren Stars. Wie ist es ihnen ergangen? Was ist übrig geblieben vom einstigen Nimbus? Wie gehen sie damit um, dass ihr Glanz längst verblasst ist und sie keinen Deut besonderer sind als alle anderen?
Penalty, bis es spritzt
Auch die vier Basler Schläger, die der Filmemacher Alain Godet gestern in seiner Doku «Narben der Gewalt» portraitierte, waren früher so etwas wie Stars. Die «glorreichen Vier» waren in den Neunzigern der Kern der berühmt-berüchtigten Basler Ultra-Bewegung, die auf alles eindrosch, was sich ihnen in den Weg stellte. Sie versenkten ihre Penaltys, als das Fussballspiel längst abgepfiffen war – für die Ultras ist ein Penalty, ein wehrloses, am Boden liegendes Opfer mit Fusstritten zu traktieren. Alain Godet war 1993 schon mit der Kamera dabei, fünf Jahre später ebenfalls. Die Ultras trugen orangefarbene Bomberjacken und Docs, ihre Körper waren ein einziges Schlachtfeld aus Tattoos.
Inzwischen sind längst neue, jüngere Hooligans im Stadion, die ihre Petarden zünden und sich anschliessend prügeln. Die Ultras von damals sind weit über 40 und vom Radar der Stadionpolizei verschwunden. «Was ist eigentlich geworden aus...?» – das interessiert eigentlich niemanden bei dieser anonymen Masse von Gewalttätigen, von denen nichts kommt, ausser Hiebe, Hass und Gebrüll. Alain Godet jedoch suchte die «glorreichen Vier» nach zwanzig Jahren wieder auf. Sie willigten ein, Rechenschaft abzulegen über ihre Taten und noch mehr. Eine interessante Rückschau.
Entblösste, formlose Körper
Alain Godet liess jeden seiner vier Protagonisten mit blossem Oberkörper auf ein Podestlein stehen, das sich im abgedunkelten Raum langsam im Licht des Schweinwerfers drehte. Breitbeinig, die Arme vom Oberkörper abstehend standen sie da und drehten sich, während wir Geschichten von damals zu hören und sehen bekamen, als sie das «Zentrum der Macht» waren, von «Penaltys, bis es spritzte», von «Schwedenküssen» (jemandem mit einem Kopfhieb die Nase einschlagen). Ihre Tattoos haben die Form verloren auf den gealterten, schwabbeligen Körpern. Erstaunlich, dass sich die vier Schläger von einst in dieser entblössend anmutenden Art und Weise filmen liessen.
Alain Godet schaffte mit seiner einfühlsamen Art aber noch mehr: Lang dauerte es nicht, bis der erste Ex-Ultra von seinen Gefühlen übermannt wurde. Selbst der selbstbewusste Nevio, der der Gewalt inzwischen abgeschworen hat, brach beim Namen seiner Mutter in Tränen aus. Mit zitternden Lippen sassen sie da, erzählten von der schweren Kindheit, die sie alle hatten. «Wenn mein Vater nicht gewalttätig gewesen wäre, dann wäre alles anders geworden», sagte etwa der wuchtige Jimmy mit den fehlenden Vorderzähnen, der gerne volkstümliche Musik hört. Bis heute kann er es nicht überwinden, dass sein Vater seine geliebte Appenzellerhündin und drei Welpen vor seinen Augen erschossen hat, als Jimmy ein kleiner Junge war. Auch Gök hat «viel Scheisse» erlebt, wie er sagt.
Täter und Opfer in einem
So wurden die vier Täter von einst plötzlich allesamt Opfer im Alain Godets «DOK», in denen die eigentlichen Opfer gänzlich fehlten. Als Opfer betrachteten die vier Ultras ihre damaligen Gegner, die «Sauhunde», sowieso nie. Reue? Keine. «Ich bereue nichts, ich wollte das und habe viel daraus gelernt», sagte Nevio bestimmt, der heute nur noch auf Sandsäcke einprügelt.
Geht das, was Alain Godet da mit seinem Film tut? Darf er die brutalen Ultras von einst auf diese zerbrechliche, fast schon sanfte Weise zeigen und die Opferseite gänzlich ausblenden? Werten die heutigen Aufnahmen der verletzlichen Körper auf den Podestchen die damaligen Aufnahmen der Gewalt und der Krawalle auf?
Ist es nicht etwas gar einfach, die schwere Kindheit als Erklärung für Gewalt gelten zu lassen und das gleich bei allen Vieren? Ganz geheuer scheint es dem Filmemacher auch nicht gewesen zu sein. «Ich habe im Laufe der Jahre gelernt, vieles zu verstehen. Aber heisst vieles verstehen auch, vieles zu verzeihen?», sagt er als Abschlusssatz und lässt den Zuschauer mit einem ähnlich zwiespältigen Gefühl zurück.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.01.2012, 09:54 Uhr
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25 Kommentare
Doch - man darf etwa "schwere Kindheit als Erklärung für Gewalt gelten lassen". Aber nur als Erklärung und nicht als Entschuldigung für die Gewalt! Diesen Fehler wurde (zu) lange etwa von Sozialarbeitern und Gerichten gemacht. Jeder ist für seine Taten verantwortlich - mit oder ohne schwerer Kindheit!!! Antworten
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