TV-Kritik: Ghadhafis Glückstag
Von Denise Jeitziner. Aktualisiert am 08.03.2011 4 Kommentare
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Wie konnte Ghadhafi, der Erzfeind des Westens aus den 80er-Jahren und ein Drahtzieher des internationalen Terrorismus, zum international hofierten Staatsmann werden, dem die US-Amerikaner und die Europäer in Tripolis die Tür einrannten? Dieser Frage wollte der Dok-Film «Muammar al-Ghadhafi – Gefürchtet, verachtet ... umworben!» nachgehen.
Die Fernsehzuschauer zu Hause konnten sich eine Stunde lang die Augen reiben, während sich der SF-Dok auf Spurensuche bei verschiedenen Geheimdienstmitarbeitern, Diplomaten und Regierungsvertretern in Europa und den USA machte. Dabei erklärten, erläuterten und erzählten wichtige und noch wichtigere Leute von Tony Blair bis Condoleezza Rice, wie das genau war, damals mit Ghadhafi. Wer genau mit wem zusammenarbeitete, wer welche Interessen hatte, welche Deals Ghadhafi so anbot. Sie erzählten es teilweise mit einem Lächeln auf den Lippen, so, als würde der Opa von den neusten Streichen seines dreijährigen Enkels berichten.
27-jährig, gut aussehend, angriffig
Botschaft Nummer 1: Muammar al-Ghadhafi ist ein Schlitzohr, das genau weiss, was es will. Aber das wissen wir ja schon lange. Im Film sahen wir das libysche Staatsoberhaupt von seiner ersten Rede nach dem Militärputsch vor rund 40 Jahren bis zu einem seiner neusten Interviews mit einer amerikanischen Journalistin, die ihn fragte, ob er sich vorstellen könne, Libyen zu verlassen, falls die Unruhen weiter anhalten würden.
Ghadhafi lachte herzhaft. Genau wie auf einem der ersten Bilder Ghadhafis, das der Dok-Film zeigte. Auch darauf ist der damals 27-jährige Hauptmann fröhlich zu sehen und er sah – im Gegensatz zu heute – fast schon attraktiv aus mit seinem dunklen, kurzen Haar, das Gesicht noch glatt, die Augen noch wach.
Glückstag: 11. September
Danach wurden die wichtigsten Ghadhafi-Aktionen gezeigt, von diversen Bündnissen und verschiedenen Anschlägen mit vielen Toten bis hin zu den Uno-Sanktionen gegen Libyen, während Ghadhafis Gesicht je länger je aufgedunsener wurde. Die weibliche Erzählstimme spuckte so viele Infos von Ereignissen und Verbündeten und Taktiken aus, dass man kaum noch folgen konnte. Der Film musste aus aktuellem Anlass wohl schnell fertiggestellt werden. Zu viel wurde darin verpackt, es gab kaum Zeit, die vielen Informationen sacken zu lassen, das Tempo war besonders im ersten Teil zu hoch.
Ab dem Tiefpunkt mit den UNO-Sanktionen ging es für Ghadhafi – dank einiger Tricks – bald wieder aufwärts. Erst wickelte er die Amerikaner dank seinen Ölschätzen um den Finger, dann versuchte er es bei den Briten und dann kam der 11. September 2001, Ghadhafis Glückstag. Nun spielte sich der Libyer als grosser Helfer gegen die al-Qaida und den internationalen Terror auf. «Unsere Geheimdienste waren begeistert über die Informationen, die Ghadhafis Leute über die al-Qaida lieferten», erzählte Condoleezza Rice im Dok.
Botschaft Nummer 2: Die Amerikaner sind nicht nachtragend wegen ein paar Anschlagsopfern, wenn die Ölgeschäfte stimmen und der al-Qaida eins ausgewischt werden kann. Bis zur Aufhebung der Uno-Sanktionen war es nicht mehr weit. Ghadhafi war bald wieder oben. Die europäischen und amerikanischen Staatsoberhäupter rannten ihm in Tripolis das Zelt ein. «Ich fand, er war ehrlich», sagte Tony Blair.
Nicken und Kopfschütteln
Ghadhafi plante derweil schon wieder, sich am Westen zu rächen, lancierte einen unfairen Prozess an fünf bulgarischen Krankenschwestern und einem palästinensischen Arzt. Doch man liess ihn stets gewähren, auch dann, als er an der Uno-Generalversammlung die Uno-Charta auf den Boden warf. Die westliche Welt hat sich auf einen Deal mit Ghadhafi eingelassen. Seine Aufgabe: Sich vom Terrorismus fernhalten, gegen die al-Qaida helfen, im Ölgeschäft bleiben. Sein Lohn: Er wird als Staatsoberhaupt geduldet.
Vier Jahrzehnte Muammar Ghadhafi. Fast die ganze Zeit lang durfte sich der libysche Machthaber alle Freiheiten herausnehmen, weil die westliche Welt ihn gewähren liess. Das zeigte der Dok-Film deutlich. Erklärt wurde dies mit unzähligen taktischen oder wirtschaftlichen Gründen, die für die jeweiligen Regierungsvertreter und Diplomaten im Film zwar logisch erscheinen mochten, für manchen Fernsehzuschauer zu Hause jedoch für Kopfschütteln und wachsenden Ärger sorgte. Gut, dachte man sich, haben die Libyer die Sache nun selber in die Hand genommen, wenn es die Westeuropäer und Amerikaner schon nicht tun.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 08.03.2011, 10:04 Uhr
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4 Kommentare
Der DOK-Film von gestern zur mitternächtlichen Stunde ist eine Lektion «Politik und Geld». Im Nachhinein haben es alle gewusst. Es gelingt aus Schweizer Sicht sehr gut, die «Fehler» des Auslandes aufzuzeigen, obschon wir ja «neutral» sind und schweigen sollten. Welche Rolle wir dabei spielen, ist keine Szene wert. Wieviele Milliarden der Diktator hier deponierte wird erst jetzt kleinlaut bekannt. Antworten
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