TV-Kritik: Die Superschweizer von anno dazumal
Von Linus Schöpfer. Aktualisiert am 10.02.2012 52 Kommentare
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Viele Schweizer haben derzeit bekanntlich ihre liebe Mühe mit den USA, weil die Amerikaner – quasi «by the way» – das Bankgeheimnis geknackt und das helvetische Selbstverständnis angeknackst haben. Da kommt ein Film wie «Drama am Gauligletscher», der die spektakuläre Rettung eines abgestürzten US-Passagierflugzeugs durch kühne hiesige Bergsteiger erzählt, gerade recht.
Und es ist ja auch eine packende Story aus den Schweizer Bergen, inklusive spektakulärem Setting (ein Passagierflugzeug bruchlandet in den vereist-verschneiten Alpen), Tiefs (der gewaltige Materialaufwand der Amerikaner verpufft) und Hochs (die Rettung glückt mit einem zierlichen Fieseler Storch) und, nicht zuletzt, einem unwahrscheinlichen Happy End (jedefrau und jedermann landen heil in der Talstation). Die «DOK»-Filmerinnen Cristina Karrer und Patricia Wagner hatten also einen exzellenten Stoff gewählt – und sie wurden ihm vollauf gerecht.
Glücksfall Alice McMahon
Die Macher changierten geschickt zwischen «Wochenschau»-Archivaufnahmen, Zeitzeugen-Interviews und Schauspiel-Inszenierungen. Letztere wirkten tatsächlich authentisch, was keineswegs selbstverständlich ist, scheitern doch sehr viele Dokumentarfilme an solchen «Reenactments», seis wegen unsorgfältigen Kostümierungen, seis wegen billiger Bildqualität oder wegen tapsigen Darstellern.
Auch die Wahl der Zeitzeugen erschien wohldurchdacht. Der Pöstler repräsentierte die Meiringer Dorfbevölkerung, der «Wochenschau»-Kameramann konnte vom beschwerlichen Aufstieg des Schweizer Trupps berichten, auch von Pilot Ralph Tate wurden Aufnahmen aufgetrieben.
Und da war noch die greise Amerikanerin Alice McMahon, ein wahrer Glücksfall für die «DOK»-Macher; sie war es, die das «Drama am Gauligletscher» erst zur Ausnahmeerscheinung werden liess. McMahon erlebte den Absturz als kleines Mädchen, anlässlich des «DOK»-Films kehrte sie in die Schweiz und an den Unglücksort zurück. Szenen wie jene, in der McMahon staunend die Archivbilder betrachtet oder jene, in der sie die Freude der ausgehungerten Besatzung über abgeworfene Nahrungsmittel zu schildern versucht, gehören wohl mit zum Eindrücklichsten, was bis anhin in einem SF-«DOK» ausgestrahlt worden war.
Fakten für sich sprechen lassen
Natürlich lebt das «Drama am Gauligletscher» auch von seiner klassischen David-Goliath-Konstellation: Nachdem die Amerikaner, die eben einen Weltkrieg gewonnen haben, trotz eines Detachements Gebirgsjäger, trotz Raupenfahrzeugen und trotz einem Flugzeuggeschwader kläglich gescheitert sind, fliegen die Schweizer elegant und clever mit einem fragilen Fieseler Storch die Alpenwände hoch und retten die Havarierten.
Die Sendungsmacher taten gut daran, die Fakten, den konkreten Verlauf der Rettungsmassnahmen für sich sprechen zu lassen. Der Triumph der Schweizer Bergführer (ebenso wie die Blamage der Amerikaner) war ohnehin offenkundig. Die Filmemacher vermieden es so, sich unnötig dem Vorwurf eines wohlfeilen Chauvinismus auszusetzen.
Emotionales Erlebnis, historisches Ereignis
Es blieben schliesslich nur Details zu bemängeln, etwa hätte man gerne mehr erfahren über Tates sehr eigenartige Flugroute, und weshalb gleich fünf Dutzend Schweizer, teils miserabel gerüstet, den Aufstieg zur abgestürzten Maschine unternommen hatten.
Insgesamt überwog die Faszination des in all seinen Facetten ausgeleuchteten Bergdramas allerdings klar. «Je älter ich wurde, desto mehr prägte mich das Erlebnis», sagte Augenzeugin McMahon zu Ende des Films. Es ist das Verdienst der «DOK»-Macher, dieses Erlebnis mit den zugehörigen Emotionen ebenso adäquat dargestellt zu haben wie das historische Ereignis, das in der Folge merklich zur Entspannung der politischen Beziehungen zwischen der Schweiz und den USA beitrug.
(Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 10.02.2012, 08:40 Uhr
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