TV-Kritik: Die Jungsflüsterin
Aktualisiert am 14.05.2012 35 Kommentare
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So ein grosser, düsterer Wald ist eigentlich genau das richtige Setting für eine Kommissarin wie Lena Odenthal (Ulrike Folkerts). Die dienstälteste Ermittlerin bringt alle Voraussetzungen mit, um eine Situation, wie Drehbuchautorin Dorothee Schön sie für sie ausgedacht hat, mit Bravour zu meistern. Mit einer starken Physis ist sie bestens vorbereitet für den Gewaltsmarsch durchs Unterholz, den sie als Geisel einer Handvoll schwer erziehbarer Jugendlicher bewältigen muss – die gerade ihren Erzieher umgebracht haben. Aber Odenthal hat auch die Psyche, um mit der Situation fertig zu werden und die Jungs im Alleingang zu domestizieren.
Die ganz harten Jungs
Der Ausgangspunkt ist eine Leiche im Wald. Odenthal, obschon nicht im Dienst, sieht sich die Sache an und stapft schon bald durchs düster raschelnde Unterholz. Allerdings ist es nicht der Klabautermann oder der böse Wolf, dem sie sich stellen muss, sondern eine missratene Pfadfindertruppe Halbstarker, die sie kurzerhand als Geisel nimmt. Anführer Tom (Frederick Lau) warnt sie: «Wir sind die ganz harten Jungs, du solltest dich mal besser vor uns fürchten.» Das ist allerdings etwas zu viel versprochen.
Es beginnt eine Hetzjagd durch den Wald, in deren Verlauf die Entführer einer nach dem anderen die Krise schieben. Odenthals Kollege Kopper darf vom Büro aus ihre Rettung organisieren. In seiner hölzernen Art braucht er zwar eine ganze Weile, bis er bemerkt, dass seiner Kollegin etwas zugestossen sein könnte. Dafür fahndet er danach umso eifriger und unter Mithilfe aller Einsatzkräfte. Die Kommissarin ist derweil ganz auf sich allein gestellt.
Fantastische Kulisse
Der Wald, das dräuende Gewitter, die einsame Burg, in die sich die Gruppe flüchtet, das alles bietet eine fantastische Kulisse für die Hetzjagd, bei der Odenthal ihre Qualitäten voll zur Geltung bringen kann. Übergriffen hält sie tapfer stand, und bald zeigt sich auch, dass die Jugendlichen mit der Situation vollkommen überfordert sind. Als auf dem Marsch der Zusammenhalt in der Gruppe immer weiter erodiert, gewinnt sie langsam die Oberhand, sodass ein Bursche, genannt «Baby», der sich als Bettnässer entpuppt, nur noch zu sagen weiss: «Guck nicht so mitleidig, du Opfer.»
Das nimmt der Sache aber auch die Spannung. Die Jungs sagen Dinge wie: «Scheisswald, Scheissnatur, hab echt kein Bock mehr.» Oder: «Ich hab echt kein Bock, vom Blitz beim Scheissen erwischt zu werden.» Mit dabei ist auch ein völlig unglaubwürdiger Drogenkonsument, der sich zunächst mit Poppers aufputscht, um sich dann mit ein paar zufällig gefundenen halluzinogenen Pilzen abzuschiessen. Eine Steilvorlage für Odenthal, die dem sich in Krämpfen windenden Jungen das Mami macht.
Konflikt und Eskalation flachen ab, der Schluss bleibt versöhnlich. Schliesslich sind die Jugendlichen Täter alles Opfer, jeder bringt seine eigene Geschichte mit. So mutig das Setting ist, am Schluss mündet das Ganze in Plattitüden wie «Wenn man das Leben in den Griff kriegen will, schafft man es auch», bei denen sentimentale Menschen vielleicht eine Träne verdrücken, denn wir haben uns ja alle lieb gewonnen auf der Reise. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.05.2012, 09:16 Uhr
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35 Kommentare
Es guter Tatort, realistätsbezogen. Arme Jugend leidet am Meisten unter dem schwindenden Familienleben mit Liebe und Geborgenheit. Auswüchse der vermaterialisierten Wirklichkeit. Hauptsache Mutter macht Karriere und verdient Geld oder die Eltern stecken selbst noch in den Problemen aus der eigenen Jugend. Antworten
Tatsächlich grossartige Kulisse! Die Gegend muss ich mal besuchen (Werbung hat gewirtk). Die Kameraführung war nicht überall perfekt und die "Bösen" als Einzelcharaktere zu wenig aufgebaut. Ein relativ simpler aber spannender Tatort. Gute Unterhaltung auf mittlerem Niveau und auch nach all den Jahren ist Lena Lena geblieben, nur die langen Haare stehen ihr nicht. Antworten
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