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TV-Kritik: Aussteiger in Alaska – seit 70 Jahren

Von Lukas Meyer-Marsilius. Aktualisiert am 07.06.2012 4 Kommentare

«DOK» erzählte gestern die Geschichte eines Schweizer Paars, dessen Kinder in Alaskas Natur aufwuchsen. Der versprochene Zusammenhang mit dem Philosophen Rousseau blieb allerdings unklar.

1/5 Wuchsen als Selbstversorger auf und leben teils heute noch so: Die Kinder der Familie Kilcher.
Bild: SRF

   

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Auch heute träumen viele von einem einfachen, aber glücklichen Leben in der Natur – das Schweizer Ehepaar Ruth und Yule Kilcher setzte diesen Traum schon vor 70 Jahren um. Acht Kinder zogen sie auf ihrem Hof an Alaskas Südküste gross. Sechs von ihnen wohnen immer noch dort in der Nähe. Monika Schärer vom Schweizer Fernsehen besuchte und befragte sie für einen Dokumentarfilm, der zusätzlich eine Verbindung zum Philosophen Jean-Jacques Rousseau zog. Rechtzeitig zu dessen 300. Geburtstag wurden seine Ideale zu Erziehung und richtigem Leben eingebaut.

Aufwachsen in der Wildnis

Die Kinder, heute alle um die 60, sind ganz unterschiedlich herausgekommen. Einige leben immer noch als Selbstversorger oder mindestens sehr naturverbunden – andere hat es dann doch in die Stadt gezogen. Bei der ältesten Tochter Mairiis geht die Naturverbundenheit sehr weit: Für sie ist die Natur der einzige Quell des Glücks. Eine jüngere Tochter hingegen fühlt sich eher einsam in der wilden Natur. Die Söhne leben immer noch als Selbstversorger – wobei das nicht heisst, dass sie restlos alles selber machen. Maschinen und Kleider kaufen sie, flicken sie aber selber und brauchen alles so oft wie möglich. Auch zwei Töchter leben in hüttenähnlichen Häusern am Waldrand.

Die jüngste Tochter dagegen wohnt in Anchorage, der grössten Stadt Alaskas. Sie arbeitet für die republikanische Partei. Hier sieht sie die Werte ihrer Eltern wie Eigenverantwortung am ehesten vertreten. In der Natur ist man auf sich alleine gestellt und ist zu einer effizienten Verwendung von Ressourcen und zu einer strikten Ordnung gezwungen.

200 Jahre zurück in der Zeit

Für die Kilcher-Kinder ist das «natürlich», es war normal, so aufzuwachsen. Erst als Teenager merkten sie, dass sie speziell sind. Doch niemand macht den Eltern darüber Vorwürfe – sie sind froh, so aufgewachsen zu sein. «Unsere Eltern sind etwa 200 Jahre zurück in der Zeit», sagte die eine Tochter. Sie lebten wie früher, ein einfaches Leben, machten fast alles selber und verzichteten auf viele Annehmlichkeiten.

Bis zur letzten Konsequenz gingen sie aber nicht: Der Vater war als Politiker immer wieder unterwegs und Annehmlichkeiten wie dem Bier mit Kollegen nicht abgeneigt, während sich die Frau zu Hause um die Kinder kümmerte. Nach 30 Jahren auf ihrem Hof trennten sie sich, die Mutter zog mit der jüngsten Tochter in den Süden der USA. Trotz der Einspielung von Sequenzen aus alten Porträts über die Eltern bleiben diese blass.

Warum genau haben sie sich für ein einfaches Leben mitten in der Natur entschieden? Aufgrund der Lektüre von Jean-Jacques Rousseau, wie der Film insinuierte? Immer wieder wurden Zitate des Philosophen eingebracht, die aber zusammenhangslos oder gar widersprüchlich wirkten. Die Kinder wurden nur einmal danach befragt und reagierten eher unwirsch. «Philosophie isch en Huufe Seich», meint der älteste Sohn Attila Kuno, genannt Atz.

«Philosophie isch en Huufe Seich»

Die Geschichte der Kilcher-Kinder ist ein guter Stoff. Er wurde in einem Mosaik erzählt, das sich nicht an allen Stellen zusammenfügte und einiges unscharf liess. Zum Beispiel wäre ein Hinweis auf die zwei nicht befragten Kinder interessant gewesen. Was ist mit ihnen passiert? Haben sie sich von der Familie losgesagt? Dass der Film neutral blieb und sich nicht um eine Lektion in Sachen Umweltschutz oder nachhaltigem Leben bemühte, war angenehm. Ohne zu moralisieren oder zu verklären, wurden auch die weniger angenehmen Seiten des Idylls in der Natur gezeigt.

Ob man den Rousseau wirklich gebraucht hätte? Klar, es ist ein Jubiläum, doch die philosophierende Erzählweise war unnötig. Sowieso gäbe es andere Autoren wie Thoreau, die diese «Into the Wild»-Ideologie besser auf den Punkt bringen und vor allem konkreter werden als der Kulturkritiker Rousseau. Vielleicht hatte man die – unbegründete – Angst, dass der Film ohne den philosophischen Hintergrund wie eine blosse Fortführung der momentan beliebten Auswanderergeschichten gewirkt hätte. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.06.2012, 10:40 Uhr

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4 Kommentare

Lucie Boillat

07.06.2012, 12:01 Uhr
Melden 5 Empfehlung 0

Der Zusammenhang mit Rousseau war bei dieser Doku sicherlich gegeben.
Seine, aus heutiger Sicht, banale und widersprüchliche Sicht- und Denkweise wurde im Lebensmodell der Familie gut aufgezeigt. Ein wenig mehr Fakten über die Kinder (alle) hätten mich allerdings auch interessiert.
Antworten


Patrick Bucher

07.06.2012, 13:21 Uhr
Melden 1 Empfehlung 0

Ein Sohn von Yule Kilcher ist Musiker und war viel auf Tournee und lebt meines Wissens nicht mehr in Alaska sondern innerhalb den USA selber . Die Tochter von ihm ist die berühmte Jewell Kilcher, welche in Amerika ein Star ist und bei uns in der Schweiz mit "Standing Still" ebenfalls bekannt wurde. Das dies nicht direkt zum Aussteiger-Image in solch einem Beitrag zusammenpasst, ist irgendwie klar. Antworten



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