Kultur

Stunde der Schwafler

Das neue SF-Sendungsformat mit Roman Kilchsperger lässt vermuten: In naher Zukunft wird jeder Daherplapperer ins TV-Quiz dürfen.

Die neue Quizshow des Schweizer Fernsehens mit Roman Kilchsperger im Oktober wird so aussehen: Es gibt einen Kandidaten, und es gibt Gäste. Weiss der Kandidat etwas nicht, kann er die Antwort von einem Gast einkaufen. Freilich, das ist der Clou, darf dieser Gast auch flunkern und das Blaue vom Himmel herunterlügen; Hauptsache, er tut es überzeugend. So weit eine Meldung der Zeitung «Sonntag».

Im hiesigen TV-Quizwesen tritt somit bald Blabla an die Stelle traditioneller Bildungsverbindlichkeit. Es schlägt die Stunde der Behaupter und der Irgendetwas-Daherplapperer.

In einer früheren Epoche hatte das Schweizer Fernsehen Wissens-Stars hervorgebracht statt Instant-Schwätzer. Medizinstudent Thomas Walser dominierte 1973 monatelang «Wer gwünnt?», er schien unstürzbar. In jener Show und in der Vorgängerin «Dopplet oder nüt» hatten die Kandidaten – oft Nichtakademiker – Spezialgebiete. Der arbeitslose Strassenwischer wusste alles über Opern. Der Elfjährige war ein derart ausgebuffter Kenner der antiken Sagenwelt, dass als Experte ein Uni-Professor aufgeboten werden musste. Der Bauer aus dem Solothurnischen entpuppte sich als Gotthelf-Koryphäe, darauf pilgerten Gotthelf-Touristen carweise zu ihm.

Das Ende des Schulwissens

Heute ist Schulwissen – Dinge, die man lernen kann – verschrien als Ausdruck seelenloser Büffelei. Damals aber galt es viel. Der Kult darumherum war irgendwie sexy. Und er gab tolles Fernsehen her. Die Zuschauer hatten in den Sechzigern und Siebzigern wenig Ahnung von dem, was später Mode wurde: vernetztes Denken, emotionale Intelligenz. Dafür glitzerten auf der Stirn des Kandidaten in der Plexiglaskabine Schweissperlen. Er hatte sich seine Kenntnisse in harter Arbeit angeeignet, nun fürchtete er die Blamage. Siegte er, rückte er zur Respektsperson auf.

So war das einst. In naher Zukunft aber wird jeder Schwafler ins TV-Quiz dürfen. Dort räumt ab, wer mit Verve etwas vorbringt – sei es auch der totale Quatsch. Der Gast einerseits, der etwas brabbelt; der Kandidat anderseits, der fremde Hirnware für sich zu nutzen und die Spreu vom Weizen zu scheiden sucht: Als Fastblinde tasten sie sich vorwärts. Wie daraus gute Fernsehunterhaltung entstehen soll, werden wir im Herbst sehen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.03.2010, 15:26 Uhr

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6 Kommentare

Hildegard Müller

11.03.2010, 08:19 Uhr
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Die Sendung ist noch nicht mal gelaufen und wird schon vorverurteilt. Antworten


ruth leemann

10.03.2010, 20:50 Uhr
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Jetzt kommt die Stunde der Wahrheit, wo man auf andere Sender umschalten muss. Die SF-Unterhaltungs-Verantwortlichen haben die Zeichen der Zeit nicht erkannt, dass neue Moderatoren mit mehr IQ gefragt sind - und nicht Schwafler die zum Gähnen langweilig sind. Antworten


Max Sutter

10.03.2010, 15:50 Uhr
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Wenn jeder am Fernsehen das machen soll, was er am besten kann, dann ist Roman Kilchsperger mit seiner Schwaflerei eine Idealbesetzung, egal, wie die entsprechende Sendung heisst. Er ist aber damit beim Schweizer Fernsehen beileibe nicht der Einzige. Beni Thurnheer, Sven Epinay und Andere sorgen in seiner Paradekategorie für Konkurrenz. Wir alle bezahlen für diese öffentlich-rechtliche Verdummung. Antworten


Ruth Chartrand

10.03.2010, 15:12 Uhr
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SFDRS scheinen auf der gleichen Wellenlänge zu reiten wie unsere Politiker. Das Volk für dumm verkaufen. Nun ich weiss jetzt schon was ich mir auf keinen Fall ansehen will. Ansonsten schliesse ich mich der Meinung von Rolf Iseli an. Antworten


Marco Keller

10.03.2010, 14:59 Uhr
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Wiso wird beim SF nicht das Video on Demand eingeführt? Keine Gebühren mehr und man zahlt nur, was man wirklich sehen will. Antworten


Rolf Iseli

10.03.2010, 12:49 Uhr
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Wenn eine Sendung dem Niveau des Moderators entsprechend konzipiert werden muss wünscht man sich nur den totalen Bildausfall und die Rückerstattung des Konzessionsbeitrages. Antworten



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