MacGyver für Nekrophile
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 26.04.2010 18 Kommentare
Jetzt wo das Jahrzehnt ausläuft, mehren sich die Rückblicke. Was machten die Nullerjahre aus? In Sachen TV-Unterhaltung ist die Antwort einfach: Castingshows und Ärzteserien - sowie das Ermittlerformat «CSI» (Crime Scene Investigation) und dessen diverse Ableger. Die Shows zählten zu den meistgesehenen Sendungen des amerikanischen Fernsehens und auch im deutschsprachigen Raum wurden mit modernster Technik Fussspuren, Fingerabdrücke, Lippenstiftreste, Patronenhülsen und DNS-Proben analysiert. Nach den Mystery-lastigen 90ern («Akte X», «Twin Peaks», «Outer Limits»), verschrieb man sich im neuen Jahrzehnt der Empirik. Statt «Die Wahrheit ist da draussen», hiess es nun «Die Wahrheit liegt unter dem Mikroskop».
Sogar Quentin Tarantino fühlte sich bemüssigt, als Gast-Regisseur ein paar «CSI»-Episoden zu drehen. Das war vor fünf Jahren. Inzwischen zeigen die Quotenkurven in den USA nach unten. Nach zehn Jahren Forensik-Hype haben die kunstvoll verstümmelten Leichen ihren Charme verloren. Auch die direkte Erzählweise, die zu Beginn der Serie im Jahr 2000 faszinierend war, ist nur noch repetitiv-öde. In jeder Episode wird zuerst ein Toter gefunden, worauf die CSI-Experten ausströmen und allerlei Beweismaterial ins Labor schaffen, wo dann mit Hilfe von unglaubwürdigem technischen und wissenschaftlichen Knowhow der Mörder überführt wird. Jeweils innert genau vierzig Minuten.
Realismus geht flöten
Nervig ist auch der streberhafte Quiz-Charakter der Serie, der in den Fällen zum Ausdruck kommt: Wie lange dauert der Todeskampf einer übergewichtigen Frau, deren Nylon-Nachthemd Feuer fängt? (Ein paar Stunden). Welche Art Rohr-Bombe schleudert Splitter am weitesten? (Eine, die galvanisiert ist). Gegenfrage: Wer ausser vielleicht MacGyver will das wissen? Fans der Serie verweisen freilich auf die realistischen Szenarien. Tatsächlich sitzen auf den Geschworenenbänken in amerikanischen Gerichten immer mehr «CSI»-Zuschauer. Da nützt es wenig, dass Justizdiener klagen, die Serie vermittle falsche Eindrücke ihres Handwerks.
Bei der Charakterzeichnung geht der Realismus dann definitv flöten. Vom Quoten-Latino über den blonden Lockvogel, der männliche Zuschauer bei der Stange halten soll, hin zum schrulligen Labor-Nerd, bedienen die Sendungen so ziemlich alle Klischees. Apropos Charaktere: Der Schauspieler, der die Hauptfigur in «CSI: Miami» verkörpert, hatte einst einen abendfüllenden Film der Serie angekündigt. Dafür dürfte es inzwischen zu spät sein: Mit den Nullerjahren stirbt wohl auch das Forensik-Format. Es ist höchste Zeit. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 26.04.2010, 16:42 Uhr
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