Kultur
Folter-Plausch zur Prime Time
Von Philippe Zweifel. Aktualisiert am 18.03.2010 12 Kommentare
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Ein wahrhaft elektrisierendes Show-Format. Der französische TV-Sender France 2 hat gestern eine Dokumentation über die fiktive Spielshow «Das Todesspiel» gezeigt. Darin bestrafen Teilnehmer ihre Gegenkandidaten mit Stromstössen, wenn diese falsche Antworten geben. Was die Show-Kandidaten nicht wussten: Die Opfer sind Schauspieler, die Stromstösse nicht echt und sie selber Teil eines Experiments. Über zwei Drittel der insgesamt 80 Testpersonen aus verschiedensten Milieus waren bereit, dem Gegenkandidaten zu foltern. Die anwesenden Zuschauer griffen nicht ein.
Seinen Ursprung hat die Sendung in einem ähnlichen Experiment aus den Sechzigern: An der Yale-Universität hatte der US-Psychologe Stanley Milgram männliche Testpersonen auf Autoritätshörigkeit und Gewaltbereitschaft getestet. Seine These: Ganz «banale» Menschen können anderen erhebliches Leid zufügen, es bedarf dazu keiner sadistischen Persönlichkeitszüge. Unter dem Vorwand, sie nähmen an einer Untersuchung zur Wirkung von Strafe auf das Lernvermögen teil, forderte ein Versuchsleiter seine männlichen Probanden auf, einem «Schüler» mit Elektroschocks wachsender Intensität beim Lernen von Wortlisten auf die Sprünge zu helfen. Auch damals bestraften zwei Drittel der Teilnehmer die Probanden. Selbst als diese schrien und verstummten.
Neuauflage des Milgram-Experiments
Bei allen der unter anderem in Australien, Jordanien, Österreich und Deutschland durchgeführten Rekonstruktionen war der gleiche Grad an «destruktivem Gehorsam» zu verzeichnen. Bei Frauen wie bei Männern. Aus ethischen Gründen wurde das Experiment dann während langer Zeit nicht mehr durchgeführt. Manche Fachleute mutmassten aber, die Menschen seien heute – etwa im Gefolge der antiautoritären 68er Bewegung – hellhöriger für die Gefahren blinden Gehorsams und würden sich daher eher widersetzen. Eine Neuauflage des Experiments hatte diese Vermutung jedoch vor zwei Jahren widerlegt.
Neben der ursprünglichen Versuchsanordnung wurde Milgrams Experiment auch immer wieder in Form von Theaterstücken, Romanen und Filmen wiederholt. Zuletzt machte ein gewisser Jason Mitchell von sich reden, als er sich vor laufender Webcam ein elektronisches Hundehalsband um den Nacken schnallte – und die Netzgemeinde dazu aufforderte, ihn zu foltern oder das Experiment zu verhindern. Die Pro-Folter-Stimmen überwogen.
Die Ära des verfügbaren Gehirns
Milgram selbst gab sich nach seinem Experiment zutiefst pessimistisch. «Ob ein bösartiges Regime in den USA ein Nazi-ähnliches System aufbauen könnte? Ich fange an zu glauben, dass sich die dafür nötigen Leute allein schon in einer einzigen Stadt rekrutieren liessen.»
Ob der Mensch von Natur aus autoritätsgläubig ist, soll auch im Anschluss der französischen Doku-Show diskutiert werden. Auf der Website von France 2 findet aktuell eine Debatte mehrerer Experten statt, heute folgt die Dokumentation «Die Ära des verfügbaren Gehirns». Sie rollt die Geschichte von Grenzüberschreitungen im französischen Fernsehen seit den achtziger Jahren auf. Zu diesem Thema haben die Sendungsmacher auch ein Buch veröffentlicht. «Die Erfahrung des Extremen», eine Anklage über die Macht des Fernsehens über unser Bewusstsein und die Perversionen des Reality-TV. Das Fazit der Autoren: «Die letzte Schritt zur Gewinnung der Zuschaueraufmerksamkeit wird der tatsächliche Mord sein.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 18.03.2010, 13:24 Uhr
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12 Kommentare
@Hennes Horkheimer: Kann ich verstehen, diese Haltung. Deshalb funktioniert die Unterdrückung, weil man aus Angst, anzuecken, ausgegrenzt zu werden, in das "Gruppen-Lemmingverhalten" flüchtet. Nicht dass "Gruppenverhalten" per se schlecht sei, aber wenn es mit herrschen um beherrscht zu werden zu viel wird zu tun hat, kann man auch einmal auf den Tisch hauen: So nicht! (im Rahmen der Möglichkeit) Antworten
Täglich werden Menschen von Mächtigen (Eltern, Lehrern, Vorgesetzten, Polizisten etc.) wegen minimalstem Ungehorsam schikaniert. Solange wir keine wirksamen Kontrollen gegen Machtmissbrauch einführen, ist die Autoritätsgläubigkeit ein sinnvoller Überlebensmechanismus. Antworten
@Marcel Zufferey: Solche Barbaren-Gedanken einer versklavten Menschheit existieren und vieles wurde schon erreicht, bis hin zur Sexualität welche in der Öffentlichkeit stattfinden soll. Siehe: The new Order of Barbarism ( zu finden unter: was sie mit uns vorhaben, Alles Schall und Rauch ). Da das Gros der Menschen viel zu wenig an eigener Identität besitzt, krankt es an "Kadavergehorsam". Antworten
Natürlich sehen wir es nicht gerne, wenn das "cruel face" des Menschen gezeigt wird. Der Umstand, dass dieses Experiment zig mal rekonstruiert wurde und immer wieder die gleichen Resultate hervorbrachte ist bemerkenswert. Und genau deshalb ist es auch wichtig solche Informationen zu verbreiten und darüber zu diskutieren. Zusatz: die Versuchspersonen leiden deutlich beim Verabreichen des Schocks! Antworten
Die Unfähigkeit zu denken, sich eine eigene Meinung - auch wenn sie den Konventionen nicht entspricht - zu bilden, ist schon länger nicht gefragt. Unterdrückte Ansichten gehören nach Jahren der ertragenen Bildungs- und Gesellschaftsgehirnwäsche zur Norm. Blinder Gehorsam wird zelebriert und nicht hinterfragt Daher ist das Resultat des Milgram Experimentes nicht weiter erstaunlich. Antworten
Ich wage zu behaupten, dass die meisten Menschen unter autoritären Regimes Angst um ihre Existenz/Leben haben. Das macht sie zu Mitläufern. In autoritären Regimes sind die meisten nicht selbst Folterknechte sondern wagen sich nicht zu widersetzen. Same thing mit Mobbing. Man hat Angst, selbst in die Situation des Opfers zu kommen und schweigt deswegen. Mitgegangen mitgehangen...Leider Realität. Antworten
Die Richtung scheint vorgegeben. Es liegt an uns allen, sie zu ändern. Bei der derzeit feststellbaren Passivität der meisten Menschen wird vieles denkbar, was vor kurzem noch undenkbar war. Der Zivilisationsprozess scheint nicht unumkehrbar zu sein: Man stelle sich ein hochtechnologisiertes Mittelalter vor, in dem die Menschen sich gegenseitig behandeln, wie im 12. Jahrhundert... Planet der Affen. Antworten
Das wundert mich nicht. Schon im tagtächlichen Mobbing, das man über sich ergehen lassen muss, sieht man diese Tendenzen klar und deutlich. In unserer Gesellschaft ist es normal, missliebige zu elimieren, oder anders denkende zu disziplinieren. Es wird wohl auch nicht besser werden, nun da wir die Psychobanker als nachahmenswertes, weil erfolgreiches, Vorbild präsentiert erhalten haben. Antworten






Heinz Gerber
Die Geschichte wiederholt sich immer wieder. Wir sind nicht besser als vor 1000, 2000 oder 4000 Jahren. Wer glaubt die Menschheit ist heute humaner ist ein Utopist. Antworten