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«Die Quote ist erodiert»

Interview: Philippe Zweifel. Aktualisiert am 01.06.2010 39 Kommentare

SF-Serienchef Michel Bodmer über das Ende von «Lost», illegale Serien-Downloads und warum das Schweizer Publikum immer noch auf Derrick steht.

1/6 Was da wohl kommt? Szene aus der sechsten Lost-Staffel, die noch nicht auf SF zu sehen war.

   

Michel Bodmer leitet beim Schweizer Fernsehen die Redaktion «Film und Serien».

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Die US-Kultserie «Lost» ist zu Ende. Auf Tagesanzeiger.ch/Newsnetz haben wir über den Schluss berichtet – was einige Leser verärgert hat, weil sie die Serie auf SF schauen, wo sie noch läuft. Andere, die die Serie im Web verfolgten, waren dankbar.
Das ist genau das Dilemma. Wir haben die Serie teuer eingekauft und zeigen sie einem Publikum, das Gebühren zahlt. Die sind mit Recht genervt, dass man ihnen das Ende verrät, das auf SF erst in einem Jahr ausgestrahlt wird. Natürlich ist mir klar, dass man die Realität Internet nicht ausblenden kann. Gerade weil die Serie von Fans im Internet verfolgt wurde, haben viele Sender das Serien-Finale synchron ausgestrahlt. Im deutschen Sprachraum war das aber nicht möglich.

Spüren Sie die Konkurrenz des Internets an der Quote?
Ja, heftig. Die Quote ist erodiert. Nachweislich schauen mehr Leute «Lost» und «Heroes» online als im Fernsehen. Für das Fernsehen ist das fatal, weil die Werbeeinnahmen wegfallen und so irgendwann kein Geld mehr vorhanden ist, um solche Serien zu produzieren.

Könnten Fernsehstationen mit eigenen Webangeboten reagieren?
In Amerika bieten die Sender ihre Serien auf speziellen Webportalen an. Wir dürfen auf Weisung des Bakom nichts ins Internet stellen, was wir vorher nicht im Fernsehen ausgestrahlt haben. Ausserdem: Wieviele Leute sind wirklich gewillt, gegen Geld, etwa auf iTunes, Serien herunterzuladen? Der Grossteil der Serien-Freaks foutiert sich um solche Kanäle und holt sich die Serie als illegale Downloads auf den Computer.

Braucht es überhaupt eingekaufte Serien im gebührenfinanzierten Fernsehen? Wo liegt da der Mehrwert?
Die Frage ist: Für was zahlt man Gebühren? Die einen für Inhalte, die sie sonst nirgends zu sehen bekommen. Die anderen für populäre, unterhaltsame Sendungen. Mir ist es wichtig, dass man nicht nur für die Mehrheit Serien zeigt, sondern auch Angebote für eine Minderheit, die im Mainstream-Markt nicht auf ihre Kosten kommt.

Solche wertvollen Serien laufen bei Ihnen allerdings zur Geisterstunde…
Das ist das Gesetz der Prime Time, wo die breite Masse bedient werden will. Da liegt ein weiteres Dilemma: Wenn wir zu abgehoben sind, reklamieren jene Zuschauer, die unterhalten werden wollen. Sind wir zu populär, heisst es: Was unterscheidet euch eigentlich von den privaten Sendern? Wir kommen nicht darum herum, diesen Spagat zu machen.

Wie viel bezahlen Sie für eine Serie, zum Beispiel «Lost»?
Wir können solche Zahlen nicht herausgeben. Wir zahlen aber einen Bruchteil von dem, was in Deutschland dafür bezahlt wird. Im Zusammenhang mit dem SRG-Budget heisst es immer wieder, man könne bei den Serien viel Geld sparen. Das ist Quatsch. Die Kosten pro Sendeminute bei eingekauften TV-Serien gehören immer noch zum Billigsten, was wir im Programm haben.

Sie waren eben in Los Angeles, um neue US-Serien zu sichten. Offenbar ist eine von Martin Scorsese gedrehte Serie im Angebot. Etwas fürs SF?
Wir haben dieses Jahr in Los Angeles sehr viele neue Serienpiloten gesehen, darunter zahlreiche handwerklich sauber gemachte und brauchbare Produktionen. Der ganz grosse, innovative Hammer fehlte aber. Was von diesem Serienjahrgang dereinst ins SF kommt, wird sich frühestens in einem halben Jahr weisen, wenn diese neuen Serien sich im US-Fernsehen bewährt haben und sich die Auswahl der deutschen Sender herauskristallisiert.

Wie wählen Sie die Serien aus?
Wichtige Kriterien lauten: Was kommt neu auf den Markt und überzeugt? Hat die Serie Zukunft? Wird die Serie in Deutschland synchronisiert? Kann SF sie vor Deutschland ausstrahlen?

Was sind die inhaltlichen Kriterien?
Das hängt stark vom Sendeplatz ab. In den letzten Jahren haben wir den Montagabend als Serienabend für Mainstream-Produktionen wie Ärzteserien oder Dramedys etabliert. Dann schalten sich viele Frauen ein. Weil der Freitagabend immer wieder von Sportsendungen unterbrochen wurde, haben wir den zweiten Serienabend auf den Mittwochspätabend verlegen müssen. Da besteht das Publikum vor allem aus Männern. Deshalb laufen dann vor allem Action, Krimis und Comedy.

Hat der Schweizer Serienfan spezielle Präferenzen?
Mehr noch als der Deutsche scheut der Schweizer Fantasy oder Sciencefiction. Wir sind ein materialistisches, utilitaristisches Volk. Wir haben mit Hirngespinsten und Fiktion wenig am Hut. Wir schauen, was Sache ist, was uns nützt und was uns beruhigt. Also bevorzugen wir nüchterne Serien, etwa deutsche Krimis, bei denen am Schluss alles wieder in Ordnung ist. Zum Beispiel «Derrick »und andere ZDF-Krimis. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 01.06.2010, 13:35 Uhr

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39 Kommentare

Christian Sterch

01.06.2010, 14:56 Uhr
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Ein Vorteil wäre, wenn SF vor DE Serien mit UT statt Synchronisation ausstrahlt. Das Verschieben von Sendeplätzen oder Unterbrechen von Staffeln führt dazu, das man sich das Gewünscht anders besorgte Mehr Mut wäre wünschenswert - meistens läuft das Gleiche in DE, AT und CH, mit dem Vorteil, dass es in CH und AT mit Originalton läuft. US-Sender stellen die Folgen selber ins Internet (nach Sendung). Antworten


Roland Knecht

01.06.2010, 14:55 Uhr
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In der Schweizer Single-Hitparade sind zu 99% nur noch digitale Songverkäufe (iTunes & Co) vertreten. Verkäufe - nicht Downloads aus illegalen Quellen! Wie kommt M. Bodmer da zum Schluss, dass man Serien über iTunes nie und nimmer verkaufen könnte? Aber so lange die Anbieter sich weigern, mit kundenfreundlichen digitalen Angeboten mit den Tauschbörsen zu konkurrieren, bedienen letztere den Markt. Antworten



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