Das Réduit national - von einer Alpenfestung zum nationalen Mythos
Das Réduit wurde zum Inbegriff des Widerstandes der Schweiz gegen das Dritte Reich. Angesichts der vollständigen Umschliessung der Schweiz durch die Achsenmächte nach der Niederlage Frankreichs im Frühsommer 1940, angesichts deutsch-italienischer Angriffspläne sowie der eigenen militärischen Schwäche beschloss die Armeeführung unter General Henri Guisan den Rückzug der meisten Truppen in die Alpenfestung.
Guisan erläutere diese Strategie am Rütli-Rapport vom 25. Juli 1940 rund 500 Armeekadern. Die Alpen mit ihren strategisch wichtigen Übergängen sollten verteidigt, die für einen Gegner wichtigen Bahn- und Strassenverbindungen im Notfall zerstört werden. Der «Eintrittspreis» in die Schweiz sollte für einen Feind so hoch wie möglich sein.
Der Rest des Landes, vor allem das bevölkerungsreiche Mittelland mit seinen Wirtschaftszentren, wäre nur durch schwache Truppenverbände hinhaltend verteidigt, also praktisch dem Feind überlassen worden.
Kein völlig neues Konzept
Die Réduit-Strategie stützte sich auf bereits bestehende Verteidigungskonzepte sowie auf die Ende des 19. Jahrhunderts errichteten Berg-Festungen Sargans, St. Gotthard und St. Maurice. Diese wurden nun zu einem riesigen Stellungs-, Lager- und Tunnelsystem zwischen Genfersee und Alpenrhein ausgebaut.
Erst 1943 wurde der Ausbau abgeschlossen. Er soll damals gegen 700 Millionen Franken, nach heutiger Kaufkraft etwa acht Milliarden, gekostet haben. Die Réduit-Strategie erlaubte es, den Armeebestand von 450'000 auf 150'000 Mann abzubauen. Die Wehrmänner lösten sich turnusmässig in der Alpenfestung ab und konnten ansonsten ihrer zivilen Arbeit nachgehen.
Die Alpenfestungen blieben auch nach 1945 erhalten. Erst nach Ende des Kalten Krieges wurde das Gros der Festungen aufgegeben und ihre Geheimhaltung aufgehoben.
Kritik am Réduit-Mythos
Obschon bereits während des Zweiten Weltkrieges vereinzelt Kritik am Alpenfestungskonzept laut wurde, wuchs das Réduit national zum nationalen Widerstandsmythos der Schweiz heran. Die Verschonung der Schweiz 1939-45 sei in erster Linie der Abschreckungswirkung des Réduit zu verdanken, so die lange vorherrschende Meinung.
Bei der Aufarbeitung der Weltkriegsgeschichte in den neunziger Jahren äusserten Historiker vermehrt Zweifel an diesem Mythos. Zur Schweizer Weltkriegsstrategie hätte neben dem Widerstandswillen auch die weitreichende wirtschaftliche Zusammenarbeit mit Deutschland und Italien gehört. So musste die Schweiz im August 1940 ein Handelsabkommen mit Nazideutschland schliessen, das umfangreiche Lieferungen kriegswichtigen Materials an die Achsenmächte erlaubte. (rb/sda)
Erstellt: 27.07.2009, 15:25 Uhr
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