Bunker-TV auf SF ist eine «affige Idee»
Von Reto Hunziker. Aktualisiert am 27.01.2009 19 Kommentare
Fragwürdig und geschmacklos?
Nicht nur Historiker haben bezüglich der geplanten SF-Doku Bedenken. Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israeltischen Gemeindebunds, hält eine «Unterhaltungsshow, die auf dem Zweiten Weltkrieg basiert» als «fragwürdig». Und Frédéric P: Weil, Generalsekretär der Israelitischen Kultusgemeinde Zürich, sagte im «Sonntag»: «Ich hoffe, dass das nur ein sehr schlechter und geschmackloser Scherz ist.» Über die Vorwürfe der Gemeinschaften sei SF etwas überrascht gewesen, so Sprecher Durrer. Man habe sich gefragt, ob diese korrekt über das geplante SF-Projekt informiert worden seien. «‹Alpenfestung – Leben im Reduit›» sei überhaupt keine Unterhaltungsshow. SF sei sich des heiklen Themas bewusst und werde das auch entsprechend angehen. Bei der geplanten Fernsehsendung gehe es lediglich um eine dokumentarische Aufarbeitung des damaligen Geschehens.
Nach den Pfahlbauern und den Zuppigers zu Gotthelfs Zeiten wagt sich das Schweizer Fernsehen für seine neue Doku-Show an eine heiklere historische Epoche. Es will den Zweiten Weltkrieg aufleben lassen: In «Alpenfestung – Leben im Reduit» sollen Menschen wie zur Zeit der Anbauschlacht leben, verschanzt in einem Militärbunker, versteckt im Reduit.
«Lächerliche Reduit-Mythologie»
Mit dieser Versuchsanordnung können sich nicht alle anfreunden: Nachdem sich bereits Israelitische Gemeinden kritisch äusserten (siehe Kasten), melden nun auch Historiker Bedenken an.
«Das klingt grauenhaft», sagt der Basler Historiker Mario König über das Vorhaben des SF. «Es ist abartig, eine solche Situation nachzuspielen.» Er hält die Versuchsanordnung für grotesk und ohne historischen Wert. «Das ist eine affige Idee. Diese Spinneraktion gehört für mich in die Kategorie ‹Scherzartikel›».
Derselben Auffassung ist auch Hans-Ulrich Jost, Historiker und Professor der Universität Lausanne. «Diese ganze Reduit-Mythologie ist lächerlich, eine kindische Idee von verhinderten Pfadfindern. Das kann ich nicht ernst nehmen.» Auch die Vorstellung, sich in vergangene reale Situationen versetzen zu können, sei absurd. «Das ist totale Fiktion. Man weiss ja, dass man jederzeit wieder gehen kann, wenn es einem nach ein paar Tagen nicht mehr gefällt.» Einen Lerneffekt sieht der Historiker dahinter nicht. «Das ist nicht mal ein Abenteuer. Da kann man gerade so gut die Vorhänge zu Hause zuziehen und die Heizung abschalten.»
Bedenken entkräftet
«‹Alpenfestung – Leben im Reduit› ist keine Bunkershow», verteidigt sich SF-Sprecher Urs Durrer. Mit der Doku wolle man lediglich den Alltag der Schweizer Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg rekonstruieren. Um die Judenverfolgung gehe es dabei nicht. Zentral sei es, die damalige Zeit erlebbar zu machen.
Bereits über 600 Anmeldungen von Interessenten sind beim SF eingegangen. Rund 25 Männer werden in der Festung arbeiten. «Sie sind aber nicht eingesperrt», so Durrer. Die Frauen und Kinder leben auf dem Bauernhof.
Das SF habe viele Reaktionen – auch von Zeitzeugen - auf das geplante Doku-Format erhalten. «Die meisten waren positiv. Aber es gab natürlich auch Bedenken», sagt Durrer. Diese habe man aber grösstenteils entkräften können.
Nicht verharmlosen
Erwin Koller, Dr. theol., Journalist und Medienethiker, hält die geplante Sendung für relativ unbedenklich. «Ein Bunker im zweiten Weltkrieg ist ein Bunker im zweiten Weltkrieg – da ist noch nichts dabei», so Koller. Auf Anhieb sehe er nichts Unethisches. «Werden jedoch Kriegssituationen verharmlost oder bekommen Spielcharakter, ist das eine andere Geschichte.» Das Leiden und die Schwere des Zweiten Weltkriegs dürfen auf keinen Fall bagatellisiert werden. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.01.2009, 13:57 Uhr
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Für einmal tanzt das Staatsfernsehen aus der Reihe der Linksintellektuellen Besserwisser. Reflexartig bekommt es Haue dafür. Man versucht, sich an eine schwere Zeit zu erinnern in einer Zeit, wo die Zeitgenossen aussterben. Wenn der Jost von Reduit-Mytologie schwafelt, so gibt er höchstens Auskunft über seine eigene politische Gesinnung. Antworten
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