Heisse Beat-Nächte im «Gamber»

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 24.11.2009

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Capital FM: Berner Rock 1965

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Heute weist nur noch das Tor eines Warenlifts von Möbel Pfister auf das einstige «Yeah Yeah»-Mekka an der Gurtengasse hin, vor dem sich im Sommer 1965 jeweils Hunderte von Jugendlichen drängten. Der Eingang zum «Gamber», wie Berns Beatjugend den rustikal möblierten Keller taufte, war das Tor zu einer anderen Welt. «Dieses Lokal hatte eine besondere Anziehungskraft», sagt Polo Hofer, der sich als Kunstgewerbeschüler gelegentlich hinunterwagte, «ein wahrer Hexenkessel!»

«Wir sprachen im Frühjahr 1965 bei Herrn Rovina vor, dem Wirt des Café de la Paix, zu dem der Gambrinuskeller gehörte», erzählt René Stoll. Stoll war Drummer bei den Black Caps, der bernischen Version der Rolling Stones. Mit ihren Lokführermützen hob sich die Band von den lokalen Beatles The Morlocks ab, mit denen sie sich die «One-Night-Stands» an Beatsoirées und Kunstvernissagen teilte. «Für den besonderen Anlass trugen wir braune Manchesteranzüge ohne Kragen, dazu Hemd und Krawatte. Wir sahen aus wie proppere Burschen, die niemandem ein Härchen krümmen könnten», lacht Stoll. «‹Wir haben da eine Band, die bei den Jungen ankommt, das könnte Sie interessieren›, köderten wir den Wirt. Bisher hatte es im Gambrinuskeller nur Oberkrainer und Ländler gegeben. Schliesslich willigte Rovina ein – ‹auf Probe›, wie er insistierte.» Gitarrist René Balsiger ergänzt: «Wir einigten uns darauf, auf eigene Rechnung 1 Franken Eintritt zu verlangen. Am ersten Abend kamen 400 Leute, Platz hatten eigentlich nur 150. Die Leute waren auf den Tischen, unter den Tischen – es herrschte das nackte Chaos. Noch am selben Abend erschien der Wirt mit einem Vertrag. Er offerierte uns 160 Franken Gage pro Abend. Und verlangte von nun an 2 Franken Eintritt. Man rechne: Da hat sich einer eine goldene Nase an uns verdient.»

Kam dazu, dass das Gambrinus-Publikum im heissen Sommer 1965, als die von Mundpropaganda angeheizte Euphorie um den Szenetreffpunkt ihren Höhepunkt erreichte, äusserst trinkfreudig war. Bier wurde vom Kellner Richu aus Prinzip nur im Halbliter-«Chübeli» serviert, und meist hastete er mit prall gefüllten Tableaus durch den dampfenden «Hexenkessel». Musiker wie die Black Caps waren in Sachen Alkohol denkbar schlechte Vorbilder für die Jugend von 1965. René Balsiger glaubt sich daran zu erinnern, wie die Band und ihre Entourage nach einem Auftritt in Zürich die Garderobe mit 160 leer getrunkenen Bierflaschen zurückliessen. «Alkohol war schon angesagt», bestätigt Benu Lehmann, Drummer der Morlocks, «gerade im ‹Gamber›. Ein Opfer unserer Exzesse war eine Maus: Sie hatte sich hinter einem Verstärker eingeklemmt. Als wir sie fanden, wies sie keine äusseren Verletzungen auf – sie war elendiglich in der Bierlache ertrunken, die sich unter dem Verstärker gebildet hatte.»

Auch Susi Stettler erinnert sich an «das Trinken von erstem Alkohol». Doch sonst sei alles gesittet abgelaufen: «Ein Flirt hier, ein Flirt da – aber gemessen an heutigen Verhältnissen war die Sexualmoral streng. Mit den Musikern gab es kein ‹Hin und Her›, und auch gekreischt wurde während der Auftritte nicht.» Die Musiker dagegen erzählen von den Bassfrequenzen, die die Mädchen «spitz» gemacht hätten, und von einem der «Gamber»-Originale, der sich am Fuss der Eingangstreppe hingelegt habe, um über die Unterwäsche des eintretenden weiblichen Publikums zu rapportieren.

Einer, der sich besonders für das interessierte, was sich im «Gamber» abspielte, war Herr Fischer von der Jugendpolizei. Er verfolgte die Musiker auf Schritt und Tritt und wartete nur darauf, dass sich diese mit minderjährigen Fans zeigten. «Wir waren noch jung und der Altersunterschied noch nicht markant», beschwichtigt Benu Lehmann. Für den Fall, dass er seine Haare schneiden liesse, habe ihm Fischer einmal ein grosses Bier angeboten. «Als es schliesslich so weit war, liess er mich im Regen stehen. Ohne Bier, leider.»

«Die Leute wollten nicht ‹lafere›, sie kamen wegen der Musik», glaubt der Aargauer Peter «Burki» Burkart, der mit seinen Mascots drei Monate nonstop im «Gamber» spielte. «Das ist der Unterschied zu heute. Der Keller war immer voll, auch an Montagen. Als Alternativen gab es das Kino, die Tanzorchester, mehr nicht.» Burki spulte allabendlich sein Programm ab. Neben den todsicheren Beatles-Songs setzte er auf den Sound der Stunde, Bob Dylans «Like a Rolling Stone» mit «Schnuregyge» und Zwölf-Saiten-Gitarre. Um nichts zu verpassen, bezirzte er eine Plattenverkäuferin im nahe gelegenen Loeb, notierte sich die neusten Hits heraus, probte sie mit der Band und brachte sie noch am gleichen Abend unters Volk.

Über das jähe Ende des «Gambers» ist wenig bekannt. In den Berner Medien, die den «Yeah Yeah»-Boom ohnehin ignorierten, fand es nicht statt. Fest steht, dass sich die Schlägereien unter den Besuchern, die inzwischen aus der ganzen Schweiz anreisten, häuften. Die Stadtpolizei holte immer wieder schulpflichtige Mädchen aus dem Keller. Am 2.November 1965 berichtete der «Blick»: «Im Untergeschoss des Café de la Paix hob die Polizei am Wochenende einen ‹Yeah Yeah›-Keller aus. Die zahlreiche Beatjugend der Bundesstadt hatte sich in Siedehitze gebeatet und war auf Stühle und Tische gestiegen. Das Mobiliar ging in Trümmer. Das junge Bern zerschmetterte Gläser und Flaschen.» – «Es war eine Art Revolution, wie bei den Rolling Stones», erinnert sich Burki. Wie er standen die Fans nun auf der Strasse. Zwar ging es mit dem Berner Beat schon bald im Tearoom Uhu weiter, doch mit der Euphorie des Sommers 1965 war das nicht vergleichbar. «Es war die Zeit vor 1968», sagt Benu Lehmann. «Und doch hat man im ‹Gamber› den Geist von 68 schon gespürt. Dort hat Bern den Anschluss an die übrige Welt gefunden.» Etwas träfer formuliert es Susi Stettler: «Eigentlich schade, dass die Stapo den Keller zugemacht hat», sagt sie, die dort ihren ersten Ehemann kennen gelernt hat. «Aber alles geht mal vorbei.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 24.11.2009, 15:00 Uhr


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