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Züri West surft «uf dr Aarewälle»

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 13.07.2009

Stephan Eicher wunderte sich: «Das also ist das neue Radio», lautete sein leicht genervter Kommentar.

Radiopiraten am Sendepult: Roger Schawinski, Polo Hofer und Christian Heeb (von links). 

 

BR Radio 1984 B1

zvg

Züri West 1984: Kuno Lauener, Küse Fehlmann, Sam Mumenthaler, Peter von Siebenthal, Peter Schmid (von unten links im Uhrzeigersinn).

Züri West 1984: Kuno Lauener, Küse Fehlmann, Sam Mumenthaler, Peter von Siebenthal, Peter Schmid (von unten links im Uhrzeigersinn). (Bild: Flavia Schnyder)

Ein Mitarbeiter von Radio ExtraBE ( «D’Aarewälle uf 97,7 MHz») war geräuschvoll ins kleine Sendestudio geplatzt, wo Eicher gerade interviewt wurde. Die Schweizer Lokalradios waren noch jung: Seit Ende 1983 durften im Raum Bern zwei private Radiostationen die Bevölkerung mit lokalen Neuigkeiten, aber auch mit Popmusik versorgen. Letztere hatte bisher im Schweizer Äther kaum stattgefunden. Klar, dass auch die grosse Schwester SRG nicht abseits stehen mochte. Sie spielte auf ihrem «amtl. bew. Störsender» DRS 3 nun pausenlos Pop- und Rockhits. Die Schweizer Popmusiker mussten erst lernen, sich in den neuen Medien zu profilieren. Mysterienmeister Stephan Eicher etwa, der sich auf Geheiss seines Managers Martin Hess später aus Prinzip rar machte, hörte im Interview mit ExtraBE (heute: Capital FM) gar nicht mehr auf zu plaudern. Er erzählte von seiner Zeit als Punk, über sein romantisches Verhältnis zum «gähnenden» Bern und über Politik: «Wenn man zwischen warmer und kalter Scheisse wählen kann, wähle ich lieber gar nicht.» Nur das damals aktuelle Album «Les Chansons Bleues» ging im Palaver vergessen.

«Es herrschte Aufbruchstimmung», erinnert sich Peter Miles, der 1983 zum Gründerteam von Radio ExtraBE gehörte. «Medial wurde die Szene neu aufgemischt, und auch politisch war damals im Zaff und Zaffaraya Bewegung angesagt. Ich war in erster Linie ein Musikfan: 1984 stiess ich auf Züri West, eine Band, die politisch Stellung bezog. Ich war wie elektrisiert.» Züri West (zu denen der Schreibende zu dieser Zeit gehörte) existierten damals erst ein paar Monate. Die junge Mundartband setzte auf die aufmüpfigen Sturm-und-Drang-Texte ihres Sängers Kuno Lauener und einen vorwärts preschenden Rock’n’Roll. Im Frühling 1984 spielten die «Züris» eine Demokassette mit einer Hand voll Eigenkompositionen und einer wütenden Coverversion von Polo Hofers «Wägem Gäld» ein: «Rock vo Bärn, mängisch han i di gärn, es isch gmüetlech jedefalls», höhnte Lauener, «aber mängisch chöme mir die Businessfreaks, wo da so umerocke, quer i Hals.» Gut für die Band, dass bei den Lokalradios die Businessfreaks noch nicht das Sagen hatten: In der Lokalhitparade «Füüf Mutze putze», vom stoischen Ueli Zoss moderiert, stellte man die Kassette erstmals vor. Dank dem Einsatz von Publikum und Band landete sie rasch auf Platz eins. «Wenn zwanzig Leute je fünf Mal anriefen, war man ganz oben», schmunzelt Matthias Lauterburg, der erste Programmleiter von ExtraBE. «Unser Credo war es, dass auch die Musik ein lokaler Inhalt sein sollte.»

«Uwenn i z’ Bärn am Fänschter stah u d’ Sunne grad im Meer versinkt, u mys einsame Härz schmärzt so fescht»: «Züri West», dieser wild-romantische Titelsong einer noch jungen Band war nun im Tagesprogramm von ExtraBE zu hören, obschon man dort nur über eine einzige, abgenudelte Demo-Kassette verfügte. «Auf Radio DRS hatte eine Band ohne professionellen Tonträger keinen Zutritt zum Tagesprogramm», sagt Lauterburg. «Bei uns erhielten die lokalen Newcomer eine Chance.» Nicht nur für Züri West, auch für viele andere Formationen wie Tschou zäme oder die Worber Band Bluff (mit Resli Burri) war das Lokalradio ein Sprungbrett. «Wir spielten, was uns gefiel», sagt Peter Miles, der dem britischen Kult-DJ John Peel nacheiferte und seine Studiogäste – unter ihnen Stephan Eicher – gerne in lange Gespräche verwickelte. Beim Konkurrenzsender Radio Förderband (heute: Radio BE1), dem «ersten Kulturradio der Schweiz», konnten die spontanen Talkrunden mit Berner Musikern sogar die ganze Nacht dauern. Schliesslich hatte man das Studio oberhalb des Szenetreffs im Bierhübeli eingerichtet und betrieb dort ein Open House.

Einer, der virtuos auf der Klaviatur der neuen Radiomedien spielte, war Polo Hofer. Er sang im Auftrag von Radio DRS den «UK-Fee Song» und liess sich dann vom Piraten Roger Schawinski und dessen Radio 24 für eine Werbe-Melodie anheuern. Das eingängige Reggae-Lied schaffte es 1980 bis auf Platz zwei der Schweizer Hitparade und musste zähneknirschend auch von Radio DRS gespielt werden. «Was Schawinski machte, war zukunftsweisend», sagt Polo Hofer. «Dafür galt ich in gewissen Kreisen wegen des Radio-24-Songs plötzlich als kapitalistisches Schwein.» Auch wenn in der allgemeinen Aufregung über den «kommerziellen Ausverkauf» schon mal Eier flogen: Polo Hofers Karriere blieb eng mit dem Radio verbunden. Er versuchte sich auch selbst als Radio-entertainer: Seine thematisch gestaltete Musiksendung ging – ein Anwendungsfall der Schweizer Neutralität – sowohl auf ExtraBE wie auf Förderband über den Äther. Heute ist sie als «Pop, Perlen und Polo» auf DRS 3 zu hören. Für Radio Förderband wagten sich auch andere Berner Rocker ans Mikrofon: Dänu Extrem mit «Vollmondmusig», der Bieler Kassetten-Papst Hotcha mit «Stupid Stupid» oder Jüre Hofer mit «On the rocks».

Auch eine bestandene Berner Band konnte vom Lokalradio-boom profitieren. Matthias Lauterburg vergab den Auftrag für einen «ExtraBE-Song» an Span. Die B-Seite der Werbesingle war interessanter: Hier platzierten die Erfinder des «Bärner Rock» eine Westcoast-Ballade mit dem Titel «Louenesee», die bereits auf LP erschienen war, aber noch keine grossen Wellen geschlagen hatte. Im Programm von ExtraBE und anderen Lokalradios mauserte sich «Louenesee» langsam, aber sicher zum Hit – heute hat der Song Volksliedstatus erlangt.

Weniger krisenresistent war das Musikprogramm der Berner Lokalradios. «Aus heutiger Sicht war das kriminell, einen solchen Mix könnte man heute selbst auf einem Alternativradio kaum noch spielen», glaubt Matthias Lauterburg. So folgte ExtraBE bald dem Vorbild von Stationen wie Radio 24 oder Basilisk, die ihr Programm längst konfektioniert und dem «Hörergeschmack» angepasst hatten. Radio Förderband blieb länger am Puls der Berner Rockszene, doch auch hier meldete sich der Quotendruck. Viele der jungen Berner Talente, denen die Radiopioniere den Teppich ausgelegt hatten, waren mittlerweile Stars. Züri West und Stephan Eicher verkauften richtig viele Platten. Ihr Medium waren jetzt die nationalen Programme wie DRS 3, mit denen sich ein grösseres Publikum ansprechen liess. Dass die Lokalsender gleichzeitig Kurs auf seichtere Gewässer nahmen, machte die Scheidung einfacher.

Und doch darf man die Publikumsnähe der Lokalen weiterhin nicht unterschätzen: Der kometenhafte Aufstieg eines Bauarbeiters aus Oppligen hatte drei Radiopaten: Radio Berner Oberland (BEO), Radio Emme und Radio Extra-Bern (das frühere ExtraBE) spielten im Frühjahr 1998 Göläs Debütsingle «Keini Träne meh» durchsichtig. Die nationale Konkurrenz verwendete die CD höchstens als Lachnummer. Doch auch hier bestätigte sich ein alter Trend: Was auf lokalen Wellen begann, überflutete bald die ganze Deutschschweiz. (Berner Zeitung)

Erstellt: 13.07.2009, 14:19 Uhr

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