Kultur

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Wale Stettler, Berns erster Elvis

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 03.03.2009

Als bei den Berner Gemeinderatswahlen 2004 ein Kandidat der Grünen die Szene vor der Reithalle mit den Halbstarken der Fünfziger- und Sechzigerjahre verglich, protestierte ein Zeitungsleser heftig.

Wales Originaltranskript von Little Richards «Good Golly Miss Molly»

Wales Originaltranskript von Little Richards «Good Golly Miss Molly»

In echter St. Pauli-Montur: Wale Stettler mit seidener Bomberjacke, 1961.

In echter St. Pauli-Montur: Wale Stettler mit seidener Bomberjacke, 1961.

Sein Leserbrief berichtete aus dem Innern der damaligen Szene und stellte Werte wie Respekt und Anstand, die früher in den Jugendbanden geherrscht hätten, den Gewaltexzessen der modernen «Chaoten» entgegen. «Mann gegen Mann» habe man bei den Halbstarken damals noch gepöbelt, und zwar mit Herumlungern provoziert, aber niemanden ernsthaft verletzt, lautete sein Credo. Unterzeichnet war der Leserbrief mit «Wale Stettler, ehemaliger stadtbekannter Halbstarker von Bern». Das war klarerweise ein Understatement: Stettler war im Frühjahr 1961 vom damaligen «Berner Tagblatt» zum «Rock’n’Roll-König von Bern» gekrönt und 1985, 24 Jahre später, an einem generationenumspannenden Rockkonzert im Kino Splendid von den Medien zum «Abräumer des Abends» erklärt worden. Dort hatten auch die damaligen Newcomer Züri West gespielt.

«Als Jugendlicher wollte ich raus, wollte ‹öpper sy›», sagt Walter Stettler, den alle einfach «Wale» nennen, am Esstisch in seinem Einfamilienhaus im freiburgischen Sugiez. Die Hundertprozentstelle als Betriebsmaler bei «Energie Wasser Bern», die er auch während seiner erfolgreichsten Musikerzeit nicht aufgegeben hat, ist Geschichte. Stettler ist jetzt Pensionär. «Was ich mir vorgenommen habe, ist gelungen», findet er, «mit Vorbehalt: Andere sind Stars geworden. Ich wurde auf meine Weise glücklich.» Stettler wurde 1945 in einfachste Verhältnisse geboren. Er wuchs mit den Eltern in einer Zweizimmerwohnung in der Länggasse auf, ohne Bad und ohne warmes Wasser. Am schulfreien Mittwochnach-mittag musste der Junge, der sich mit Blick auf seine berufstätigen Eltern selber als «Schlüsselkind» bezeichnet, im nahen Bremgartenwald Holz zum Heizen sammeln gehen. Beklagen mag er sich nicht: «Das ‹Holze› im Wald passte, trotz der Armut, zu einem romantischen Lebensgefühl, das damals herrschte und das längst verloren gegangen ist. Die Leute spüren ja nichts mehr», glaubt er. Damals sei man stundenlang im Mondschein der Aare entlang spaziert und habe dazu Schmachtfetzen von Paul Anka gehört.

Doch Stettler, der den Stimmbruch bereits mit elf Jahren hatte, pflegte noch eine andere, exklusivere Romanze. Vor dem Spiegel probte er die Bewegungen und den Hüftschwung des Rock’n’Roll-Königs Elvis Presley, die er sich zuvor im Kino mit Filmen wie «Jailhouse Rock» und «King Creole» verinnerlicht hatte. Dass Stettler älter aussah, als er eigentlich war, zahlte sich hier aus, schliesslich waren die Presley-Filme ab 16 freigegeben, und Wale war erst 14. Es sei der Rhythmus des Rock’n’Roll gewesen, der ihn zuerst gepackt habe, meint er. «Ich war ein guter Tänzer, und ich hatte das innere Feuer. Wenn ich an einer Chilbi aufkreuzte, wurde ich sofort umringt und angefeuert. Auch in Hamburg, wohin ich nach dem Lehrabschluss 1961 per Autostopp getrampt bin, war ich ein Blickfang. Die deutschen ‹Chätzli› im Rocker-Club Top Ten auf der Reeperbahn wollten jedenfalls nur noch mit mir tanzen. Die Livemusik dazu spielten die damals noch unbekannten Beatles.»

Zurück in Bern, wollte Wale es richtig wissen, nicht nur als Tänzer, auch als Sänger und Gitarrenspieler. Das passende Kostüm hatte er in?St.Pauli erstanden: eine Bomberjacke aus Seide mit einem grossen aufgestickten Adler auf dem Rücken. So etwas hatte Bern noch nie gesehen. Erste Erfolge hatte der Berner Elvis mit seinem vier Oktaven umfassenden, vibrierenden Belcanto da schon gefeiert. Bereits mit 14 stand er auf der Bühne der Jekamis, die Conférencier Ferdinand Bärtschi jeweils in den Herbstferien auf dem?Gurten organisierte – eine Art «MusicStar» mit bescheideneren Mitteln und «100 Prozent live». Auftretende und Publikum waren kindlich bis jung, Siebtklässler Stettler mit seinen Adaptionen von «Tutti Frutti», «Good Golly Miss Molly» und einer hausgemachten Rockversion von Nat King Coles «Mona Lisa» bald das Idol der Jungen. Was er sang, wusste der Länggässler nicht – er beherrschte kaum das Mattenenglisch. Die Texte notierte er sich phonetisch: «Gel», «Wel» «Tell» oder so. Er selber nannte sich vorübergehend R’n’R Wel – Wale tönte dann doch zu wenig amerikanisch. Für die Mütter, die ihre pubertierende Brut ans Jekami begleiteten, hielt R’n’R Wel ein Zückerchen parat – das Wiener Lied «Mamatschi». «Da wurden dann jeweils die Nastücher gezückt», grinst er. Am Amateurfestival von 1961 im Kursaal, welches das «Berner Tagblatt» zum eingangs erwähnten Krönungspsalm inspirierte, sang Stettler seine Version von «Brauner Bär und Weisse Taube» – Rock im Slow-Fox-Tempo, frei nach Gus Backus. Auch ohne Englischkenntnisse reichte es immerhin für den englischen Akzent im deutschen Text.

Mit den Gitarrenbands im Stil der Shadows, die ab 1960 mit ihren eleganten Melodien am Thron von King Elvis rüttelten, konnte Wale Stettler gut leben. Mit dem, was nachher kam, wurde er nicht mehr warm: «Als die Beatles und die Stones auf der Szene erschienen, war mit dem urchigen Rock’n’Roll blitzartig Schluss», sagt Stettler. Und weil damals auch die Schlagerwelle anrollte, wechselte er das Metier. Mit dem Trio Butterfly’s lief es gut, man spielte fleissig, wurde häufig vom damaligen Stadtpräsidenten Reynold Tschäppät engagiert und gewann manchen Wettbewerb. 25 Jahre lang spielten die Butterfly’s in derselben Formation, in der auch Wales Frau Elsbeth mitwirkte. Seit 43 Jahren sind die beiden nun verheiratet.?Dabei hätte damals niemand auch nur ein Fränkli auf die «Halbstarken-Ehe» gesetzt.

«Bern war in den späten 1950er-Jahren nicht gerade ein Rock-’n’-Roll-Pflaster», bilanziert Stettler. Es brauchte einen, der das hierher gebracht hat. Das war ich. So ist es halt gewesen. Als Gitarrist habe ich nie viel getaugt, auf der Berner Bestenliste würde ich es kaum weiter als auf Platz 250 bringen. Aber hinstehen und das Ganze verkaufen, das muss auch einer können. Und darin war ich immer die Nummer eins.» Immer? «Ich fürchte auch heute keine Konkurrenz. Alle, die in Bern singen, können gegen mich antreten. Ich weiss, das ist hoch angegeben», räumt Wale Stettler ein, «aber es ist so.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.03.2009, 11:49 Uhr

0

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

Noch keine Kommentare

Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre


Grandioses Berg-Erleben.

Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

FÜR IHRE FREIZEIT

Für Ausgehtipps in der Region, nutzen Sie einfach unsere Agenda.

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.