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«Ufnäh, schicke!»

Von Samuel Mumenthaler . Aktualisiert am 16.11.2009

Gölä verabschiedete sich im Expo-Jahr 2002 gerade von seinen Fans und ging fischen. Polo hatte der Restschweiz den Rat auf den Weg gegeben, dass es «e Bärner» zum Erfolg brauche, und gab bald darauf seiner SchmetterBand den Laufpass.

Basisdemokratie mit Schülerbandcharme: Plüsch in ihrem langjährigen Übungsraum in Interlaken. Von links: Röschel, Bali, Ritschi, Simi, Hunzi.

Urs Baumann

Capital FM: Berner Rock 2002

Züri West und Patent Ochsner waren wieder mal auf Tauchstation. Fast schien es, als sei dem Berner Mundartrock der Schnauf ausgegangen – endlich war da wieder etwas Platz für andere Schweizer Musik. Die Konkurrenz war schon in den Startlöchern und summte Mash’s «Nid vo Bärn». Und dann das: Aus dem Nichts tauchten fünf saubere Oberländer Giele in den Charts und auf den TV-Bildschirmen auf. Ihr Softie-Image unterstrich-en sie mit dem Namen Plüsch, und sie spielten einen unbeschwerten, sportlichen Mainstreamrock, sangen vom «Heimweh» statt vom Abhauen: «U i ha Heimweh nach de Bärge, nach em Schoggi und em Wy». 130000 Exemplare verkauften Plüsch von ihrem unbetitelten, 2002 veröffentlichten Debut. Was sollte das jetzt? Bis anhin hatte der Berner Rock immer auch das Klischee der Revolution beschworen, und sei es nur der sexuellen. Man war aufgebrochen, und sei es nur zu CD-Aufnahmen in einem französischen Schloss, man war höchstens für die Legalisierung des Hanfkonsums und sonst meistens dagegen: gegen die Bünzlis, gegen die Banken, gegen die Armee.

Plüsch dagegen hatten ihren Plattenvertrag der Schweizer Armee zu verdanken. Nun ja, so stimmt das nicht wirklich. «Ich war gerade in der RS», erzählt Sänger und Bandsprecher Andreas «Ritschi» Ritschard. «Die wollten mich dort fürs Weitermachen, also erzählte ich, dass meine Band kurz vor dem Durchstarten sei. Wir hätten einen Plattenvertrag im Sack, schummelte ich, und rief meine Kollegen an, dass der Vertrag jetzt her müsse. Es hat dann auch geklappt, wir haben noch in der gleichen Woche unterschrieben», erinnert sich Ritschi. Und schiebt in seiner selbstironischen, schwer zu durchschauenden Art nach: «Das war der grösste Fehler unseres Lebens.» Zu dieser Zeit standen Ritschi und seine Bandkollegen Andreas «Hunzi» Hunziker (Keyboards), Simon «Simi» Ryf (Bass), Alexander «Bali» Balajew (Schlagzeug) und Roger «Röschel» Meier (Gitarre) bereits seit einiger Zeit im Kontakt mit dem Platten-Major Sony. Die Firma war zwar global vernetzt, setzte aber nach den Wahnsinns-erfolgen von Gölä, Züri West und Co. konsequent auf Mundartrock. Nach Vertragsabschluss wurden Plüsch zurück in den Übungskeller geschickt. Es gab noch kaum eigenes Material und für ein Album brauchte es 13 Songs. Die Früchte ihrer Arbeit schickte die Band regelmässig nach Zürich. Aus dieser Zeit stamme der Bandspruch «Ufnäh, schicke!», meint Bali. Am musikalischen Handwerk der fünf Interlakner Jungs gab es nichts zu kritteln – es ist so solid wie der Fels des Harder. Man kennt sich zum Teil schon seit Kindsbeinen, hatte erstmals in einer Schülerband zusammengespielt, in der Dorfdisco zu Polo Hofers «Giggerig» abgetanzt und wurde vom Singlehrer Tinu Heiniger ins real existierende Showbusiness eingeführt. Nach der Schule gründeten die späteren Plüsch ihre erste «richtige» Band V.I.P., mit der sie ausschliesslich Covers spielten, von Joe Cocker, Toto, Prince oder den Doobie Brothers. Mundartrock war noch kein Thema. «Ich werde noch heute auf V.I.P. angesprochen», sagt Hunzi, «auch von Leuten, die meinen, mit Plüsch könnten sie nichts anfangen, aber diese erste Band, das sei etwas gewesen.» Dank Balis Vater, der als Manager wirbelte, tingelte das knapp dem Teenager-Alter entwachsene Quintett «rund um beide Seen», und manchmal reichte es schon für einen Ausflug nach Davos oder in einen Zürcher Flugzeug-Hangar. Doch irgend-einmal stiess die Coverband an ihre Grenzen, hatte die Gastspiele vor besoffenen Ami-Touristen in Interlakner Bars satt. «It’s Time For A Change» sang Ritschi auf der einzigen, in einer 500er-Auflage gepressten V.I.P.-CD. Von nun an sang er berndeutsch.

Plüsch seien «eine Schülerband, die aus Versehen erwachsen wurde», schrieb der Musikkritiker Bänz Friedli in einem Porträt der Band. Tatsächlich hat sich das Quintett trotz mittlerweile rund 300000 verkauften Tonträgern viel vom naiven Aufbruchsgeist der frühen Jahre bewahrt. Die Basisdemokratie ist nach wie vor unverhandelbar. Alle reden überall mit. Auch die frühen Songtexte, manchmal unbedarft und immer frei von gesellschaftlichen Problemen, zusammengezimmert aus einfachen Sätzen, die ohne Subtext und ideologischen Apparat auskommen, wurden von allen Bandmitgliedern beigesteuert. «Die Texte sind wichtiger geworden», sagt Ritschi im Rückblick. «Der Text ist ja mein Instrument.» So übernahm er diesen Job für das bisher letzte Plüsch-Album «Früsch gwäsche» (2006) weitgehend allein – das Resultat waren etwas ausgefeiltere, aber auch selbstzweiflerische Zeilen, die auffällig mit dem unverbindlichen Gute-Laune-Gebaren des Frontmanns kontrastieren. Dass man sie für ihre Gebrauchslyrik kritisiert, lässt die Musiker kalt. Gerade gestern habe er an einer Jam Session wieder Wilson Picketts «Mustang Sally» gespielt, erzählt Drummer Bali. «‹Heimweh› ist dagegen richtiggehend intelligent.» CDs sind für Plüsch ohnehin nur Mittel zum Zweck. «Um ehrlich zu sein: Mir gefällt keine einzige unserer CDs», erklärt Klangtüftler Hunzi, während Ritschi die Augen rollt. «Aber live hat diese Band einfach etwas.» Auf der Bühne sind Plüsch fünf Jungs mit Bodenhaftung, die etwas bieten fürs Geld, die spielen, statt zu posieren und sich am Schluss unter die Fans mischen. Mit ihrem Image als «nette Oberländer» leben sie ohne Probleme. «Ich bin ja Oberländer», kommentiert Simi trocken. «Und nett bin ich auch.»

Einfach zu «den Netten und den Linkischen» darf man Plüsch aber nicht abschieben, damit würde man ihnen nicht gerecht. Das Berechnende geht der Band ab. «Wir liessen uns von niemandem dreinreden, waren mit bandinternen Diskussionen voll ausgelastet», meint Ritschi. «Einer war immer anderer Meinung, und so wurde alles hinterfragt.» In der Musikindustrie eckten Plüsch mit dieser selbstverwalteten Anarchie an. Als die Band zur Verleihung eines «Prix Walo» nicht erschien, weil nicht alle dabei sein wollten, nahm man das den Newcomern übel. Doch auch den Vorwurf, nicht genug professionell zu sein, nimmt man bei Plüsch gelassen. «Das einzige was bei unserer Plattenfirma gleich geblieben ist, sind wir», schmunzelt Ritschi. Die Basisdemokratie hat die Band aber mitterweile auch zum Stillstand gebracht. Die fundamentale Frage, ob man nun eine Profiband sein will oder ob es noch anderes, ebenso wichtiges gebe neben der Musik, blieb bis heute unbeantwortet. Seit mehr als einem Jahr pausieren Plüsch nun, Sänger Ritschi hat eine Solokarriere gestartet. Für ihn ist klar, dass sich Plüsch irgendeinmal wieder zusammentun, schliesslich schulde man der Plattenfirma noch ein viertes Album. Aber wann es soweit sei, das lasse man sich nicht vorschreiben. Dass er mit Plüsch «eifach nume Schwein» gehabt hat, wie der Titel eines Songs lautet, mag Ritschi so nicht stehen lassen: «Wir haben immer auch für den Erfolg gearbeitet», beteuert er. «Meistens ist einfach die Türe aufgegangen. Aber wir mussten auch hindurchgehen.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 16.11.2009, 15:42 Uhr

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