Tinu Heiniger und der «Unterhaltigsbrunz»
1979, als diese autobiografischen Zeilen im Song «Heidle» erschienen, blickte Martin «Tinu» Heiniger schon auf eine lange Geschichte als Musiker und Liedermacher zurück. Seinen ersten Soloauftritt mit der Gitarre bestritt der Schreinerssohn aus Langnau noch als Teenager mit einem Repertoire aus Mani-Matter-Liedern. Im Emmental hatte er eine Kindheit erlebt, die erste musikalische Erfahrungen in einer «Beromünster-Welt» voll von Ländlern, Männerchören und Militärmusik bot. Mitte der 1960er-Jahre pflückte sich Heiniger Mani Matter aus dem Kollektiv der «värslibrünzelnden» Berner Troubadoure und wurde zum Fan. «Matter hatte ein politisches Flair. Zeilen wie ‹S’ länge, fürs z’spränge paar Seck Dynamit› hoben ihn von den anderen ab», sagt Heiniger. «Ich hätte mich nie getraut, ihn persönlich anzusprechen. Er stand hoch über uns.»
Ohnehin galt in dieser Zeit Bob Dylans Motto «The Times They Are A-Changin’»: Die Jugend war stets auf der Suche nach neuen Stimmen, neuer Musik, neuen Engagements. Für Heiniger waren das die Liedermacher aus Deutschland, zuerst Hannes Wader und Reinhard Mey und bald politischere Exponenten wie Franz Josef Degenhardt. «Ihre Themen wiesen weit über das Lokale hinaus», sagt Heiniger. «Ich wollte kein Berner Troubadour werden, auch kein Nachfolge-Troubadour». Also sang Tinu seine eigenen Lieder vorerst nur in der Hochsprache und spielte in den frühen 1970er-Jahren in Hamburg ein ganzes deutsches Album ein. «Aus dem erhofften Durchbruch im Ausland wurde allerdings nichts», grinst er. «Mein Produzent fand keine Plattenfirma. Man verstehe mein?Deutsch nicht, wurde mir ausgerichtet.»
«U i ha afa singe, bi uf d’Strass, ha proteschtiert gäg au die Gängschter i däm Staat, für ds Proletariat.»
In der Schweiz stiessen Heinigers Texte dafür auf umso mehr Echo, seit er nach dem Hamburger Flop langsam wieder zur Mundart zurückfand. Heiniger sang jetzt in seinem währschaften Langnauer Dialekt gegen alles an, was ihn störte. Und das war einiges: Bürgerliche Konven-tionen, Männerbünde, AKWs – aber auch kiffende Rockmusiker und die Selbstzufriedenheit der Alternativszene, in der Heiniger und seine Sangesbrüder Urs Hostettler, Walter Lietha und Aernschd Born sich bewegten. «Es schysst mi a» war der Titel seiner ersten LP, und der Titel war Programm. «Ich galt als Nestbeschmutzer», sagt Heiniger. «In meinen Liedern versuchte ich, das Private und Politische zusammenzubringen. In der linken Szene lernte ich Leute kennen, die eine grosse ‹Schnure› führten, aber eigentlich Beziehungsidioten waren. Mich interessierten auch Beziehungen, Frauen – mit all den Irrtümern und Widersprüchen, die damals dazugehörten. Man durfte alles. Wollte dann doch verheiratet sein, Kinder haben – und daneben weiterhin alles dürfen.»
«Am Morge wett mau äntlech wach wärsch, wirsch grad wider müeder, bim Nachbar louft dr Radio, u dert möögge d Eugschter-Brüeder, drüstimmig, volksnah ghörsch se Schnaps- u Bappe-Gfüehl verchoufe Das isch dä Unterhaltigsbrunz, wo hie us jedem Chaschte louft, wo sich so gschisse dünn und harmlos git und drum so guet verchouft.» Tinu Heinigers bekanntester und kontroversester Protest-Song erschien 1979. Er richtete sich gegen die eigene Zunft und brachte ihm eine «Superprovisorische Verfügung» des Richteramts III von Bern ein. «Den Gesuchsgegnern wird mit sofortiger Wirkung jegliche Verbreitung des Liedes ‹Unterhaltungsbrunz› des Herrn Martin Heiniger verboten, unter der Androhung der Straffolgen der Art. 403 ZPO und 292 StGB im Widerhandlungsfalle», verkündete Gerichtspräsident Dr.Minnig. Der Richter arbeitete in seiner literarisch angehauchten Begründung die Finessen zwischen «seiche» und «brunze» heraus und mahnte: «Kritik an der Banalität von Liedertexten ist sicher gestattet. Doch sollte man den Teufel nicht mit dem Beelzebuben austreiben und kritisch vor allem gegenüber den eigenen Produkten sein.»
Ausgelöst hatte den Rechtshandel das Trio Eugster, das sich von Heinigers Seitenhieben indigniert fühlte. Dass sich das fröhlich trällernde Gesangsunternehmen, das sich auch im Treuhand- und Immobiliengeschäft etabliert hatte, ausgerechnet beim Berner Troubadour Jacob Stickelberger juristischen Beistand holte, trug nicht zur Entspannung bei. «Unterhaltigsbrunz» sei aus Empörung entstanden, sagt Heiniger heute. «Die Eugsters waren die Protagonisten dieser pseudo-lustigen Showbiz-Welt, die mir so zuwider war – und immer noch ist. Überall wurde man beschallt, ob man nun wollte oder nicht.»
Dank der Intervention der Eugsters wurde das Lied, zu dem Rumpelstilz-Gitarrist Schifer Schafer die Musik geschrieben hatte, rasch zum Musterfall für die Medienfreiheit. «Farbe bekennen!» forderte Kulturredaktor Daniel Leutenegger in der Berner Zeitung, und stellte sich klar auf Heinigers Seite. Es hagelte seitenweise Leserbriefe. Nur Zürich schoss zurück. «Es ist eine verdammte Anmassung, zu verlangen, dass das Volk sich dauernd mit Politik befassen soll», fluchte Hans Gmür und Max Rüeger drohte im?«Blick» gar eine «Parodie auf die sogenannten Liederschreiber» an. Heiniger nahms gelassen. «Die Eugsters glaubten, sie hätten die ganze Schweiz hinter sich. Die Medien standen aber zu 80 Prozent auf meiner Seite und meinten: ‹Äntlech seits mal öpper!› Die Solidarität war gross, aber leider hatte ich das nötige Geld nicht, um den Fall durch die Instanzen zu ziehen.» So endete die Angelegenheit in einem schnellen Vergleich: Heiniger musste seine Platte zurückziehen und spielte den ‹Unterhaltigsbrunz 2› ein, der zwar keine Namen mehr nannte, aber nicht weniger ätzend war – und kaum noch Beachtung fand.
«S’ fägt u groovet, swingt, läbt u schnuufet, bringt mir d’Zyt zrügg, wo n’i Chris Barber Fan bi gsy.»
Auf dem Album «Läbe wie ne Chatz» erinnert sich Tinu Heiniger an seine musikalischen?Anfänge. Noch vor Matters Chansons hatten in den 1950er-Jahren der Jazz und insbesondere der britische Bandleader Chris Barber Heinigers Herz erobert: «Jazz war mehr als Musik. Es war eine Gegenwelt zu diesem engen Emmentaler Dorf. Das Jodeln hat mir auch gefallen. Die beiden Stile konnte ich erst viel später zusammenbringen.» Vorerst gründete Heiniger seine erste Jazzband, die Saratoga Swingers, die «us em Ranze use» spielten, aber nicht ohne Ehrgeiz. Heiniger spielte Klarinette, lernte später auch Saxofon. Zuerst kam die Musik, dann die Texterei. Parallel zu seinen Mundartliedern spielte Heiniger in den 70er-Jahren bei der Band Lost Peace, die «ambitiösen Jazzrock mit pfiffigen melodischen Wendungen, Tempo- und Rhythmuswechseln» im Programm führte, wie ein Kritiker vermerkte. Für Heiniger war diese Musik aber bald zu kopflastig. Er blieb den Bandkollegen zwar verbunden, spielte aber auch mit Rockmusikern, von Rumpelstilz über Büne Huber bis zu seinem Fan Stephan Eicher, der gleich zwei Alben für den Emmentaler Liedermacher produzierte. Er habe seine Lieder manchmal gegen die Fantasie Eichers verteidigen müssen, flachst Heiniger.
Zurzeit ist er mit dem holländischen Multitalent Reyn Ouwehand unterwegs, mit dem er die Platte «Bärg u Tal Sänger» eingespielt hat und der seine Songs jetzt mit grossem Orchester auf die Bühne bringt. «Heidle», dieser programmatische Song von früher, ist auch im Repertoire. «Die Themen meines Lebens sollen auch in meinen Liedern stattfinden. Das Gesellschaftliche, Politische, Private – aber auch das Musikalische mit Jazz, Chanson, Klassik, Jodel und Rock: Diese Welten zusammenzubringen, das ist das, was ich immer noch versuche.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 08.06.2009, 14:38 Uhr
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