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The Livings bringen die erste Berner Rock-LP

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 28.12.2009

«Manager sucht Pop-Band gegen Beteiligung, Anlage vorhanden.» Dieses Kleininserat im Bümplizer Lokalblatt sorgte dafür, dass in der Berner Rockszene der späten Sechzigerjahre ein kompetitiver Geist herrschte – fast wie im Fussball. Mit einem Film über «The Livings».

Video: zvg

Die Livings kurz vor dem Durchstarten: Philippe Knuchel, Beat Weibel, Giancarlo Buletti, Dänu Stöckli und Kurt Hauser.

Die Livings kurz vor dem Durchstarten: Philippe Knuchel, Beat Weibel, Giancarlo Buletti, Dänu Stöckli und Kurt Hauser. (Bild: zvg)

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Denn auf das Inserat meldete sich Daniel «Dänu» Stöckli, der mit ein paar Nachbarn und Kollegen eine noch namenlose Band betrieb und sich an den Konzerten der Platzhirsche über den aktuellen Stand der Dinge informierte. «Es gab zu dieser Zeit nur einige wenige Rockgruppen in Bern, die sich das Revier und die Fans untereinander aufteilten», sagt Stöckli. «Da waren die Black Lions, die wir bewunderten, weil sie immer das aktuellste Repertoire hatten. Da waren die Lives mit ihrem harten Sound. Und da waren The Delation, die auf der Bühne eine gute Figur abgaben und meisterhaft singen konnten.»

Der Mexikokeller im Tscharnergut

Bald wurde das Triumvirat der erfolgreichen Amateurbands durch die Livings zum Quartett erweitert. Georges Tanner, der eingangs erwähnte Manager, betreute eine Band, die unter diesem Namen spielte, sich aber eben in alle Winde zerstreut hatte. Nur noch Tanners Sohn war übrig geblieben und war eigentlich für die Neuauflage gebucht. Doch dazu sollte es nicht kommen. Denn Vater Tanner mochte das, was ihm Sänger Stöckli und seine Kollegen Philippe Knuchel (Gitarre), Beat Weibel (Keyboards), Giancarlo Buletti (Bass) und Kurt Hauser (Drums) vorspielten. Und diese waren beeindruckt von den Verhältnissen, die sie im «Mexikokeller» im Tscharnergut antrafen. «Da stand eine komplette Anlage mit Selmer- und Vox-Verstärkern, nur das Beste vom Besten, uns blieb die Spucke weg», erinnert sich Philippe Knuchel. Mit so viel Power im Rücken gaben die «neuen» Livings schon im Sommer 1969 ihr erstes Konzert im Freizeitzentrum Tscharnergut, kurz «Tscharni» genannt. Rasch schafften sie den Anschluss zu den viel beschäftigten Bands auf dem Platz und lieferten sich mit ihrer Lieblings- Konkurrenz von The Delation (wo auch die beiden späteren Span-Musiker Matthias und Christoph Kohli mitwirkten) einen Privatkrieg um die Publikumsgunst.

Die ersten Berner mit eigener Langspielplatte

Was mit Milchbüchlein-Rechnungen um Eintrittszahlen in der Tanz-Diele Matte begann, wurde auf der Berner Allmend mit anderen Mitteln fortgesetzt, wenn der FC Livings auf den FC Delation traf – lautstark angefeuert von den jeweiligen Fans. «Wir waren einen Zacken härter», glaubt Knuchel, und meint damit nicht nur den Fussballstil. Sänger Stöckli gefiel sich eher in der Rolle des leicht abgelöschten, mysteriösen «Lizard King» als in der des fröhlich strahlenden Animators. Hinter den Kulissen aber war er es, der die Strippen zog. Seinem Organisationstalent und einigen hilfreichen familiären Banden war es zu verdanken, dass die Livings schon bald die erste Berner Band mit eigener Langspielplatte waren. Davon konnte die Konkurrenz nur träumen, eine Plattenproduktion galt als unerschwinglich. Aus den ersten zehn Jahren Berner Rock existiert nur eine Handvoll Vinyl-Singles – und keine einzige LP. Gesponsert wurde das Berner LP-Debut von «Auto Senn», dessen Geschäft mit diversem Autozubehör dank zentraler Lage viel Zulauf hatte.

So fanden sich The Livings im April 1970 in einem Aufnahmestudio im zürcherischen Küsnacht wieder, wo man an einem Wochenende zwölf gängige Coverversionen von «Yesterday» bis «Light My Fire» einspielte. Die Teenager aus dem Westen Berns waren sich sicher: Ihr Durchbruch stand bevor. «Wir übernachteten im Hotel und am Abend chauffierte uns Herr Senn ins Restaurant», erinnert sich Knuchel. «Unser Schlagzeuger verglich die Preise auf der Karte und wählte das teuerste Menu. Yeah!». Die Aufnahme-Sessions selber seien «dramatisch» verlaufen, relativiert Stöckli. «Ich konnte kein Englisch und trug zum ersten Mal in meinem Leben Kopfhörer.» Auch wenn der «Senn-Sound» der ersten Berner Rock LP «Livings Rock» für heutige Ohren ziemlich dünn tönt, waren die Musiker stolz auf das Ergebnis, das auch auf 8-Spur-Kassette erschien – und so von Senns Kundschaft im Auto zu Beschallungszwecken verwendet werden konnte.

Statt Drogen gab es Milch Grenadine

«Wir wollten durchstarten», sagt Knuchel. Doch trotz schimmerndem Vinyl, einer Autogrammstunde im Musikhaus «Krompholz» und noch grösseren Verstärkertürmen samt einer 500-Watt-Gesangsanlage machten sich Abnützungserscheinungen bemerkbar. Es war weniger der Rückschlag, den man einsteckte, als die Konkurrenz von The Delation sich den ersten Preis am Nationalen Amateurfestival auf dem Wankdorf holte. Es ging um Geldprobleme: Die Gagen der Livings, die im Jahr 1971 immerhin fast 60 Mal auftraten, flossen in die diversen Anlagen, die Georges Tanner nach dem Miete/Kauf-Prinzip angeschafft hatte. Die Musiker fühlten sich abgezockt, obschon man sich heute einig ist, dass der Manager auch erzieherische Funktionen wahrnahm. «Es gab wenig Sex, viel Rock’n’Roll und statt Drogen Milch Grenadine», grinst Knuchel. Der Eklat war dennoch unabwendbar. Im November 1971 zog der Manager den Stecker und konfiszierte die Anlage. Dazu hatte Organist Weibel das Aufgebot für die RS erhalten. So lösten sich die Livings noch schneller auf, als sie gegründet worden waren. Die einzelnen Musiker schlossen sich neuen Bands aus der Berner Szene an, doch ab Mitte der 1970er-Jahre verschwand einer nach dem andern in der Versenkung. Etwas Bitterkeit kann sich Dänu Stöckli rückblickend nicht verkneifen: «Es war gut, dass wir nicht zu viel Erfolg hatten», meint er. «Man hätte uns ausgenommen wie eine Weihnachtsgans.»

«Spielen, spielen, spielen»

Fünfundzwanzig Jahre später kam Knuchel über Nacht die Idee zur Reunion. Er kontaktierte Stöckli. Der erinnerte sich an sein Organisationstalent. Auftrieb gab ihm das erfolgreiche Livings-Comeback am ersten «Weisch No?»-Festival von 1996, für das sich auch die einstigen Widersacher von The Delation neu formiert hatten. «Ich wollte es der Szene noch einmal zeigen», sagt Stöckli. Seit über zehn Jahren touren er und Gitarrist Knuchel nun mit wechselnden Formationen und einem Cover-Repertoire unter dem Namen Roots 66 durch die Schweiz. Stöckli hat auch das Management von Polo Hofer übernommen, mit dem die Band auftritt. «Spielen, spielen, spielen!», habe das Credo nach dem Comeback gelautet – so wie in den Anfangszeiten der Livings. Und diesmal zahlt sich die Arbeit aus. «Wir haben da etwas etabliert», glaubt der Sänger, der sich zwischenzeitlich als Karatelehrer betätigt hatte. Ein Lächeln huscht über sein Gesicht. (Berner Zeitung)

Erstellt: 28.12.2009, 14:02 Uhr

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