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Teufelsgitarren und andere Schattengewächse

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 24.11.2009

Am 22.November 1963 wurde US-Präsident John F. Kennedy in Dallas ermordet. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer – auch in der Berner Musikszene.

Und sie tanzen einen Tango: Rolf Könitzer, Willi Grimm, Fräne Lüdi, Wale Stettler – die Teufelsgitarren (von links).

zvg

Fesch dank Fender: The Shadows, vorbild aller Gitarrenbands

Fesch dank Fender: The Shadows, vorbild aller Gitarrenbands (Bild: Archiv S.M.)

Capital FM: Berner Rock 1963

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«Wir hatten Bandprobe», erinnert sich Stefan Gardo, damals Bassist der Interlakner Band The Jetmen, «als unser Gitarrist kreidebleich den Übungskeller betrat. Kennedy sei tot, er habe es eben in den Nachrichten gehört. Wir haben trotzdem weitergemacht.» In Bern waren die Musiker der Morlocks auf «Beizenchehr», als sie die Neuigkeit erfuhren. Restaurants schlossen vorzeitig, Kinovorstellungen wurden unterbrochen. Die Frage: «Wo warst du, als Kennedy ermordet wurde?», steht für den Bruch im Lebensgefühl einer Generation. Für die Musiker dieser Zeit sei eine andere Frage ebenso wichtig, behauptet der englische Gitarrist Mo Foster: «Wo warst du, als du zum ersten Mal ‹Apache› hörtest?»

«Apache» war ein Instrumental mit dezentem Westerntouch und stammte aus der Feder des britischen Musikers Jerry Lordan. 1960 wurde es in London von vier jungen Männern mit sauberen Kurzhaarschnitten und synchronen Tanzschritten zum Welthit gemacht. Sie nannten sich The Shadows, begleiteten im Hauptamt den Sänger Cliff Richard und wurden zu den Vorbildern einer ganzen Musikergeneration. «Shadows», antworteten unisono die Schweizer Musiker jener Zeit, wenn sie nach ihrem damaligen Stil befragt werden. Wem der alte Rock zu ungehobelt und die Schlager von Peter Kraus zu brav waren, der versuchte sich an den eleganten Läufen der Shadows-Gitarristen Hank Marvin und Bruce Welch. «FBI», «Kon-Tiki» oder «Nivram» waren Folgehits, die – wie die Hawaiimusik und der Surfsound – mit dem Fernweh kokettierten. Wer Shadows spielte, sauste im Kopf mit dem James-Bond-Flitzer um die Welt.

«Wir waren 08/15 und wollten ja nicht auffallen», sagt Willi Grimm, der den Berner Shadows-Sound mitbegründete. Grimm und sein Schulkollege Rolf Könitzer waren als schlagerndes Teenagerduo gestartet, begannen sich aber bald für Gitarrenmusik zu interessieren. Dass die unschuldigen Burschen ihre neue Band, bei der Grimm den Bass übernahm, ausgerechnet «Teufelsgitarren» tauften, lag durchaus im Trend: In Frankreich, wo der Gitarrenboom wilde Blüten trieb, gab es schon die Guitares du Diable. Zwei weitere Teufelsgitarristen sorgten für Strassennähe. «Rolf und ich waren die Braven, Wale Stettler kam von den Halbstarken und Francis ‹Fräne› Lüdi aus den Bierkellern», lacht Grimm. «Unser musikalischer Hintergrund war der Schlager, die Neuen kamen vom Rock’n’Roll. Bei den Shadows haben wir uns getroffen.» Musikalisch dominierte Leadgitarrist Lüdi: «Ein Vollblutmusiker», schwärmt Grimm noch heute.

Die Auftrittsmöglichkeiten für eine Gitarrenband waren rar. So traten die Berner Schattengewächse dem «Amateurkünstlerverein» des Zauberers Manello bei und schrieben sich beim Nachwuchsklub der Plattenfirma Ariola ein. Bei den monatlichen Klubtreffs im «National» und dem damaligen «Schweizerbund» traf man Gleichgesinnte und konnte an Festivals vor grosser Kulisse auftreten.

Der Gitarrensound boomte kantonsweit, es gab Dutzende von neuen Bands: In Thun riefen die Gymeler von The Lightnings als Erste zu den Gitarren, in Interlaken spielten The Jetmen ihre Version von «Apache», in Biel wagten die Tornados einen «Guitar Tango». Der Vorteil des Instrumentalsounds war, dass man nicht einmal so tun musste, als könne man Englisch. Ein Problem war dagegen das archaische Equipment. Pionier und Leit-Puma Ischi Aschi erinnert sich an seine Verstärkeranlage, ein Koffermodell mit 18 Watt Leistung: «Darüber liefen die Gitarren, der Bass und der Gesang. Jede moderne Autoanlage ist potenter. Und doch erhielten wir Lärmreklamationen.» Ischi erlebte auch die Anfänge der E-Gitarren. «Als Erstes erstand ich einen Tonab-nehmer in Form eines Saugnapfs, den ich auf mein Instrument propfte. Später kamen die elektrischen Gitarren: Ich spielte Framus, Hagström und schliesslich meine Isana, eine italienische Fender-Kopie für 375 Franken.»

Fender! Das war die Zaubermarke der Kenner. Mit ihrem schlanken Design stellte die US-Gitarre die wild gezackten, mit Knöpfen übersäten Modelle aus Italien und Deutschland ins Abseits. Berns Fender-Pionier hiess Peter Weber. Er erschien 1962 bei Musik Bestgen mit einem Plattenumschlag, der die Shadows samt Fenders zeigte. Mit etwas Geduld fand man in den Katalogen das richtige Modell. 1800 Franken kostete die Stratocaster, ganz zu schweigen vom passenden Verstärker. Doch Weber, der als Maler 400 Franken Monatslohn hatte, liess sich nicht abschrecken. Er importierte drei Gitarren und einen Verstärker «als Geldanlage», wie er sagt. Dafür renovierte er das Haus des Ladenbesitzers und verdingte sich als Akkordbaukraft. Dann rüstete er die aufblühende Szene leihweise mit seinen «Rolls-Royces» aus und verlangte im Gegenzug, «mitchraue» zu dürfen.

Als um 1964 die lebenshungrigen Beatles die distinguierten Shadows wegfegten, verstummten auch die Teufelsgitarren. Wale Stettler und Fräne Lüdi hatten sich verabschiedet, die Nachfolgeband Mistrals wurde bald vom Winde verweht.

Die originalen Shadows feiern dieses Jahr ihr 50-Jahr-Bühnenjubiläum. Rolf Könitzer veröffentlichte 1972 die erste Berner Mundart-LP «En Ankeschnitte usem Läbe» und betreibt heute eine Musikbeiz in Schaffhausen. Willi Grimm wiederum behauptet, bei den Shadows stecken geblieben zu sein. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Grimm wanderte 1968 nach Australien aus, lebte eine Weile lang bei den Aborigines und importierte die ersten Didgeridoos in die Schweiz. Diesem archaisch-en Instrument ist er über dessen späteren Boom hinaus treu geblieben. «Tiefe Töne sind mein Schicksal», glaubt der einstige Teufelsbassist.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 24.11.2009, 14:59 Uhr

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