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Sinus: Ein Stinkkeller mit Hitpotenzial

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 30.04.2009

Touristen, die in den 1970er- und 80er-Jahren durch die herausgeputzte Berner Altstadt bummelten, ahnten nicht, dass sie nur ein paar Treppenstufen vom rockigen «Underground» trennten: Im Keller der Münstergasse 48 war das Sinus-Studio einquartiert.

Ein Video von Hörmi Baumberger

Kreatives Chaos: Die Tonmeister Peter MacTaggart (am Telefon) und Eric Merz im Sinus-Studio an der Münstergasse.

Kreatives Chaos: Die Tonmeister Peter MacTaggart (am Telefon) und Eric Merz im Sinus-Studio an der Münstergasse. (Bild: zvg)

Schlicht und schick: Originalprospekt.

Schlicht und schick: Originalprospekt. (Bild: Archiv S.M.)

Capital FM: Berner Rock 1974

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Technisch war das enge Lokal für damalige Verhältnisse auf dem neusten Stand: Es war eines der ersten 16-Spur-Studios der Schweiz. Doch es waren weniger die blinkenden Apparate, die dem Sinus sein besonderes Flair verschafften. «Dort unten stank es wie die Pest», sagt Eric Merz, der als Tonmeister im Sinus wirkte. «Aber es gab diesen legendären Aspekt. Wieso, kann ich mir eigentlich auch nicht erklären, denn die Akustik war nicht hervorragend. Vielleicht ging es um den Charme des Unvollendeten. Man musste einfach den Groove des Sinus spüren: Sex, Drugs, Rock’n’Roll und ein Stinkkeller, wo man die Sau rauslassen konnte.»

Für diesen Groove zuständig waren das Studiopersonal und die unzähligen Musiker, die den muffig-feuchten Keller frequentierten. Gegründet worden war das Studio vom Lehrer Kurt Zimmermann, der von der Invasion des Rock’n’Roll kalt erwischt wurde. 1972 erschien LSD-Papst Timothy Leary, der sich damals im Schweizer Exil dem Zugriff der US-Behörden entzog. Er wollte im Sinus seine Thesen von den sieben Bewusstseinsstufen vertonen. Für die musikalische Begleitung im Gespräch waren auch die einheimischen Rumpelstilz gewesen. Doch für Leary waren die «Stilz» zu poetisch, er wollte eine Band, die «wie Coca Cola» tönte. Tatsächlich hiess die fertige Platte, die Leary mit der Musikerkommune Ash Ra Tempel einspielte, dann auch «Seven Up». Man hätte sie allerdings genauso «Elmer Citro» taufen können: Nachdem die Sessions anfänglich wenig berauschend verlaufen waren, wurde eine Flasche Elmer mit LSD gespickt. Daneben gab es auch «unverseuchte» Flaschen, und niemand wusste, an welcher Version er nippte. Jedenfalls waren im Berner Altstadtkeller bald wilde Jamsessions im Gang, zu denen Leary von seinen Notizzetteln rezitierte.

Solche Experimente hätten Peter MacTaggart das Herz erwärmt. 1973 kam der erfahrene Toningenieur und studierte Physiker tschechischer Herkunft ins Sinus. Er freundete sich rasch mit der lokalen Musikszene an. «MacTaggart hatte den Sound in den Fingern», sagt der Produzent Patrick Linder, der im Sinus den ersten «Indie»-Rock-Sampler «Heavenly and Heavy» mit diversen Schweizer Bands einspielte und dabei nicht sparte. «Er hat uns sämtliche technischen Tricks angedreht, vom Phazer bis zum Flanger. Aber MacTaggart konnte sich das leisten: Er erschien in Bern wie ein Messias.» MacTaggart war tatsächlich ein ausgewiesener Kenner der Materie, der wie Captain Kirk im Raumschiff Enterprise hinter seinem Mischpult sass, mit technischen Begriffen wie «Kopfsteilheit» und «Phasenumkehr» um sich warf und zwischen den Effektgeräten umherhastete. 1974 empfing er gar den Stones-Gitarristen Keith Richards im Sinus, der ein paar Tracks für seinen Kollegen Jimmy Page aufs Band nudelte. Den echten «Nudel»-Jodel des Hanfliebhabers und Volksmusikstars Peter Hinnen drehte MacTaggart durch den Effektenwolf und machte daraus mit Unterstützung von Rumpelstilz-Gitarrist Schifer Schafer einen funkigen Mix aus Ethno und Techno, der seiner Zeit weit voraus war. Doch nicht alle waren begeistert von MacTaggarts Klangzaubereien: «‹Mister Absolute Sterile› war komplett besessen von der Philosophie, jeder Song müsse eine ‹Fuckin’ Soundcollage› sein, nur möglichst nicht so, wie die Band live im Probelokal tönte», schnödet Chris von Rohr, der 1975 das Debüt von Krokus im Sinus-Studio einspielte.

Eine andere Philosophie pflegte Eric Merz, der schon als Schüler im Sinus herumhing und sich kundig machte. «Mein Ansatz war es, die Seele derjenigen rüberzubringen, die spielen. Die neusten Trends interessierten mich weniger. Ich war mehr der homöopathische Tonmeister, wollte nie grell schminken oder überbeleuchten. Ich war sozusagen das Medium.» Vorerst war Merz aber noch der Aschenbecherleerer und Zudiener, bis er seine Handelsschule fertig hatte und «vollkant» ins Studio einstieg. Richtig ins Geschäft kam er mit Rumpelstilz, die sämtliche ihrer Studio-LPs im Sinus aufgenommen haben. Nachdem Merz für die «Stilze» sein eigenes Label Schnoutz Records gegründet und damit auch das finanzielle Risiko übernommen hatte, setzte er sich auch selber hinter die Regler. «Ich war MacTaggarts Lehrling und gleichzeitig die Schallplattenfirma», erzählt er, «die Rolle des Produzenten war damals nicht definiert. Es brauchte einen, der etwas Ordnung ins Chaos brachte und aufs Budget schaute. Musikalisch hatte die Band das Sagen. Die Instrumentals, die sie mitbrachten, gefielen mir gar nicht so. Die überliess ich MacTaggart, der seine Effekte drüberlassen durfte. Mich interessierten Nummern wie ‹Kiosk› oder ‹D’ Rosmarie und i›. In diesem Sinne war ich schon kommerziell orientiert. Gezwungenermassen: Das lief ja alles ohne Subventionen.»

«Ich verbrachte Hunderte von Stunden in diesem Keller», sagt Rumpelstilz-Drummer Küre Güdel, «und mindestens so viele in den umliegenden Altstadtbeizen. Wenn wir wieder eine Platte fertig hatten, stellten wir ein paar Stühle hin, holten ein paar Freaks von der Gasse und spielten ihnen die Aufnahmen vor – das war unser Ritual.» Mit dem Erfolg von Rumpelstilz wuchs auch die Anziehungskraft des Sinus. Wer in der Szene etwas auf sich hielt, nahm dort auf: Die international erfolgreichsten Schweizer Hits neben den «Stilzen» verbuchten Peter, Sue & Marc und später Andreas Vollenweider. Doch das Sinus war nicht nur Hitfabrik, es war auch ein Dreh- und Angelpunkt, der wesentlich zur Erfolgsgeschichte des Berner Rock beigetragen hat. «Damals war man offen wie in den Anfängen des Silicon Valley», sagt Housi Wittlin, der mit Span ins Sinus kam. «Jeder, der eine Idee hatte, brachte sie vor, und man hat das aufgegriffen. Es war eine fruchtbare Zeit. Das Sinus war der einzige Ort, wo Rockmusik aufgenommen wurde. Also hat man sich dort getroffen.»

Gegen Ende der 1980er-Jahre begann die Legende zu bröckeln, und die Vögel flogen aus. Die Konkurrenz der gut ausgerüsteten Studios hatte zugenommen und ein Nachbar machte den Sinus-Leuten das Leben schwer. Eric Merz, der sich einen Grammy für seine Arbeit als Tonmeister von Andreas Vollen-weider geholt hatte, jobbte mittlerweile als Freelancer. 1989 machte das Sinus dicht. Peter MacTaggart arbeitet heute als Computerspezialist, Eric Merz bereitet nach einer kreativen Pause seine Rückkehr ins Tonmeistergeschäft vor. Die Vergangenheit verklärt er nicht. «Ich weiss noch, wie einmal Vollenweiders US-Manager die Stufen hinunterstieg, um das Sinus-Studio zu besichtigen. Er sagte nur einen Satz: ‹Are you joking?›»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 30.04.2009, 17:01 Uhr

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