Schwarzer Gesang, R’n’B, «I Feel Good!»
The Black Birds mit Biggy Schneider und Kurt Werren (stehend, Zweiter und Dritter von links.
Der letzte Schrei: Soul-Mann Polo Hofer 1967. (Bild: Kurt Werren, zvg)
Capital FM: Berner Rock 1967
50 Jahre Berner Rock - Black Birds
Der Godfather schrie sich in Ekstase – den Beatles wären da glatt die Pilzköpfe explodiert. Das war Musik für die, die etwas spürten. Samstagnacht im Apollo in Harlem: Davon träumten wir, das war die Vorstufe zum Paradies.» Im Berner Oberland traf sich in den 1960er-Jahren eine Clique, die nicht auf die «Yeah Yeah»-Musik der britischen Bands setzte, sondern in romantischen Gefühlen für die schwarze Musik schwelgte. Soul hiess der Sound der Stunde, und Aretha Franklin, Otis Redding und Sam Cooke waren das Echo ihrer Zeit. Während sich in der Stadt die Garagenbeatbands um die Vorherrschaft balgten, schwärmte man im Oberland von Blues und Spirituals.
Einer, der sich besonders gut mit schwarzen Platten auskannte, war der Handlitografenlehrling Urs Hofer. Er versorgte sich auf dem US-Soldatensender AFN mit Infos und war dabei, als 1962 das legendäre «American Folk Blues Festival» erstmals im Berner Casino gastierte. Alle kannten Urs unter seinem Pfadfindernamen Polo und als singenden Schlagzeuger von Interlakens angesagter Band The Jetmen. «Die Schreie der Schwarzen gingen mir unter die Haut, und ich habe mich auch darin versucht», sagt Polo zu seinen Ursprüngen. «Vergebens. Wer nicht von Kindheit an in der Gospelkirche dabei ist und ‹Jesus› skandiert, kann sich das nicht mehr aneignen.»
Hofers Nachbar Biggy Schneider machte mit seiner Revox-Maschine die ersten Aufnahmen von Polo und den Jetmen. «Das Resultat mischten wir mit Originalen von Wilson Pickett und Sam&Dave und steckten das Tape zu Testzwecken einer Barmaid zu, die es über die Hausanlage laufen liess. «Siehst du, wir sind wirklich gut!», frohlockte Polo laut Biggys Schilderung, «die Leute hören ja keinen Unterschied.» Es war die Zeit des Kopierens: «Wir schwammen im Strom der Popularität mit», erklärt Schneider. «Wenn eine lokale Band auftrat, die den Sound einer Platte draufhatte, dann assoziierten die Leute das mit dem Wenigen, das sie von den Originalen wussten. Je exakter man kopierte, desto besser. Man war froh, wenn man so tönte wie die Grossen.»
Biggy Schneider spielte das Saxofon bei den Black Birds, einer Formation aus Steffisburg, die von den Brüdern Hans und Fritz Schweizer gegründet worden war. Man hatte ihn für einen Wettbewerb engagiert, den Jungverleger Jürg Marquard von der Teenagerzeitschrift «Pop» lanciert hatte. «Pop» gab sich progressiv, verabschiedete sich vom «Balla Balla»-Sound und suchte nach den gemeinsamen Wurzeln von Beat und Jazz sowie der «qualitativ hochstehendsten Rhythm’n’Blues-Band» im Land. Im Berner Kursaal trat ein Haufen hoffnungsvoller Talente zur lokalen Vorausscheidung an, doch die Black Birds wiesen sie alle in die Schranken. «Niemand hatte mit diesem Erfolg gerechnet», sagt Sänger Kurt Werren, der die Black Birds zusammen mit Schneider auf «schwarz» getrimmt hatte. «Wir mussten morgens um halb zwei auf die Bühne, die Jury war schon fast eingeschlafen. Wir holten sie ab, weil wir anders tönten. Schon die Tatsache, dass bei uns ein Bläser spielte, hatte Seltenheitswert.» Dass die Black Birds sogar die Oberländer Platzhirsche von den Jetmen deklassierten, war Kurt Werren eher peinlich. Denn dort spielte sein Bruder Werner die Orgel.
Eine Woche später trafen Black Birds und Jetmen im Hazyland Zürich, erneut aufeinander, wo das finale «Pop R’n’B-Festival» stattfand. Keine der beiden Berner Bands landete ganz vorne – aber bei den Sängern kam es zum Duell Polo Hofer – Kurt Werren. «Die Emotionen des Soul haben mich gepackt», beschreibt Werren sein inniges Verhältnis zur Black Music. «Das heisere Schreien, das Jammern, der Liebeskummer: Das passte genau zu meinem jugendlichen Lebensgefühl.» Schliesslich gewann doch Routinier Hofer das «Arden for Men»-Set für den besten Sänger. «Schwarzer Gesang, R’n’B, ‹I Feel Good!›», jubelte «Pop». Denn Polo war wie seine schwarzen Vorbilder ein Kommunikator, der auf Tutti ging und es verstand, seinen Souladaptionen eine eigene Prägung zu geben. Dennoch war längst Feuer im Dach. Die Jetmen, die seit 1962 existiert hatten, lösten sich noch am selben Abend auf. Polo wechselte ins Profilager und begann, mit den Pop Tales als lebendige Jukebox durch die Dancings zu tingeln.
Die Black Birds hingegen genossen den kurzen, aber heftigen Erfolg und fuhren mit ihrem VW-Bus an Galas in der ganzen Schweiz. Man nahm die Sache ernst, zwängte sich in eine Bühnenuniform und reihte ohne Verschnaufpause Hit an Hit. Doch dann verabschiedete sich Kurt Werren nach Paris. «Ich hatte das Gefühl, dass ich da etwas vorbluffte», sagt der Sänger und erinnert sich an einen Veranstalter, der ihn schwarz anmalen wollte, um den weissen Soul glaubwürdiger zu machen. «Das ging mir dann doch zu weit», schmunzelt der Individualist, der später als Fotograf, Hundeführer auf der Jungfrau, Heimerzieher und Fahrlehrer arbeitete und in Büne Hubers erster Band mitwirkte. Die übrigen Black Birds hielten noch ein Jahr durch und spielten im Vorprogramm von Grössen wie Pink Floyd, bis es auch weitere ihrer Musiker ins Ausland zog. Werner «Biggy» Schneider, der zur ersten Generation von Schülern an der Berner Jazz School gehörte und immer noch Saxofon unterrichtet, hat den Spielrausch der frühen Tage nie vergessen. «Ich mag fröhliche Musik», sagt er, «nur blöd sein darf sie nicht. Darum ist der Blues so schön: Man weiss nie, ob das jetzt melancholisch ist, satirisch oder einfach lebensfroh. Musik ohne Blue Notes hat mich nie berührt.»
(Berner Zeitung)
Erstellt: 24.11.2009, 14:59 Uhr
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