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Sandy sings the Blues

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 17.08.2009

«All die ‹Gigeli›, die auf unserer Welt herumschwirren, wären nicht da, wenn es uns Frauen nicht gäbe», sagte Sandra Goldner 1991 in einem Radiointerview zum ersten Frauenstreik.

Mehr als ein Goldkehlchen: Sandra Goldner (1956 – 1991), Soulstimme und Mutterfigur der Berner Musikszene.

Sonja Kräuliger

Capital FM: Berner Rock 1989

Das war nur wenige Monate vor ihrem Tod. «Die Männer sind in unseren Bäuchen gewachsen, wir haben sie geboren.» Auf die Strasse gehen, wie das andere Frauen an diesem symbolischen Tag taten, wollte Sandra aber nicht. Mit ihrer voluminösen, heiseren Stimme erklärte sie sich: «Diese Hilflosigkeit, die sich an Demos zeigt, ist nicht meine Sache. Es tut mir weh, dass Minderheiten und Aussenseiter überhaupt auf die Strasse gehen müssen, um sich zu offenbaren. So wie ich arbeite, habe ich es aber nicht nötig zu streiken. Ich bin durchaus anerkannt.»

Anerkannt war Sandy vor allem in der Berner Musikszene. In ihrer Heimatstadt Zürich, wo die Familie ein Pelzgeschäft betrieb, war sie, die sich später als «Schlüsselkind» bezeichnete, in den 70er-Jahren in die Drogen abgerutscht und mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Damals hiess sie noch Claudia. Und wenn Claudia sich in der Szene am Zürcher Limmatquai bewegte, in wallenden Gewändern, mit umgehängter Gitarre, dann ging sie meist barfuss. So erhielt sie ihren Übernamen Sandy, aus dem später Sandra wurde – ohne Schuhwerk war nämlich auch die Sängerin Sandie Shaw aufgetreten, als sie 1967 den Eurovision Song Contest mit dem Hit «Puppet on a String» gewann.

Ende der 1970er-Jahre kam die drogenabhängige Sandy in eine therapeutische Anstalt in der Nähe von Bern. Als sie zwei Jahre später wieder entlassen wurde, fand man sie in den Treffs der sich formierenden Berner Jugendbewegung: im provisorischen AJZ an der Taubenstrasse, später in der Reithalle – und an Demos. «Sie hatte einen Draht zur Bewegung und wurde dort stark politisiert», erinnert sich Urs Frieden, Journalist und heutiger Vizepräsident des Berner Stadtrats. Im Auftrag der Behörden hatte er damals die «Schutzaufsicht» für Sandy übernommen und erledigte administrativen Kram wie die «Schuldensanierung» für sie.

Eines der Feindbilder der Bewegung war Polo Hofer. Mit einem kontroversen Statement zur Todesstrafe und dem Bewegungssong «Heisse Summer» hatte er sich laut Frieden bei den Politaktivisten keine Freunde gemacht. So traf sich der harte Kern der Bewegung 1981 am Gurtenfestival, wo Polo mit seinem SchmetterDing aufspielte. Man machte etwas Zoff, wie das damals zum Ritual gehörte. Sandy war an vorderster Front dabei, warf gar eine Bierflasche Richtung Bühne. Dass dieselbe Frau vier Jahre später im Duett mit Polo Hofer auf Platz zwei der LP-Hitparade stehen sollte, und dies erst noch mit einem Song wie «Giggerig», erscheint Frieden auch im Rückblick bemerkenswert.

«Sandra Goldner war eine leidenschaftliche Sängerin», sagte Polo Hofer nach ihrem Tod. «Ihr ganzes Leben, ihre Erfahrungen waren zu hören, wenn sie sang. Sie liess alles raus: die Fröhlichkeit, die Trauer. So hat sie die Leute berührt.» Dass sie eine ausdrucksstarke, instinktiv sichere Sängerin war, musste Sandra zuerst beweisen. In ihrer Drogenzeit war sie kaum noch aufgetreten. «Betäubungsmittel töten Gefühle», sagte sie später. «Musik besteht für mich aber nur aus Gefühlen.» Laut ihren Schilderungen hatte man sie früher als «Mahalia Jackson von Zürich», aber auch als «Schlagertussi» zu vermarkten versucht. In Bern profilierte sich Sandra erstmals in Ad-hoc-Bands wie Caduta Massi und Off the Hook, wo sie auch ihr einstiges Feindbild Polo Hofer persönlich kennen lernte. Er sass bei Off the Hook am Schlagzeug.

Nicht nur Sandras ausdrucksstarke Stimme sorgte für Aufsehen. Ihre Glaubwürdigkeit rührte auch daher, dass sie dem Typ der klassischen Bluessängerin entsprach. Sie war eine schwere Frau mit breitem Rücken und resoluter Art. Sobald sie eine Bühne betrat, war diese ihr Territorium. Die Aufmerksamkeit mit anderen teilen zu müssen, ertrug Sandra Goldner nur schlecht. Bei Polo Hofer war das etwas anderes: Ihm fühlte sie sich von dem Moment an verbunden, als man die gemeinsame Liebe für schwarze Soulmamas wie Etta James und hemdsärmlige Pubrocker wie Huey Lewis entdeckt hatte. Hofers enzyklopädisches Popwissen und seine Musikbegeisterung beeindruckten Sandra. «Er war mein Lehrmeister», sagte sie später. 1985 trafen sich Hofer und Goldner für das Duett «Giggerig», den Titelsong des Albums, das zu Hofers grösstem Erfolg seit «Kiosk» werden sollte. Sandra mimte mit ihrem «züritüütsche» Dialekt das schnurrende Kätzchen, dass sich von den sexuellen Avancen des Katers Polo stimulieren liess – «Giggerig» machte Spass.

Bald war Sandra Goldner aus der Berner Musikszene nicht mehr wegzudenken und trotz des eigenen Schutzbedürfnisses eine Art Mutterfigur geworden. Der Erfolg von «Giggerig» hatte ihr Selbstvertrauen gestärkt: Ihr Leben, das sich lange um die Bewegung, Drogen und Musik gedreht hatte, verlief in stabileren Bahnen. Sandra trat mit Polo auf, doch ebenso traf man sie an Konzerten von hoffnungsvollen Jungtalenten wie Züri West an. Dort machte sie Komplimente und teilte aus, und am Schluss stieg sie mit «ihren» Jungs auf die Bühne und gab etwas von «guten Frauen» wie Tina Turner oder Bette Middler zum Besten. Mit Phon Roll sang sie auf der Single «Vagabond Moon», und auf ihren Beitrag zum Rockmusical «De Stifeliryter» war sie besonders stolz. Nach Beizenschluss rollte Sandra spätnachts die Joints für rockende Männerzirkel, sie hörte zu, ohne viel von sich preiszugeben, und half manchmal denen, die glaubten, ihr zu helfen. Sandra war wie ihre Stimme: anschmiegsam, aber stets auf der Hut. Aus dem Schnurren konnte schnell ein Fauchen werden – etwa dann, wenn eine andere Frau im Raum auftauchte und ihr die Show zu stehlen drohte.

Für Urs Frieden war Sandras Leben wie ein Hollywood-Film: «Sie kam aus gutem Haus, stürzte ab, war ganz unten, rappelte sich wieder hoch und wurde zum Star.» 1989 fand die Sängerin ihre eigene Band, die früher mit dem Hardrockstarlet Steve Thompson durchs Land getingelt war. Jetzt hatte sie vier ausgewiesene «Goldjungs» (Goldner) aus dem Zürcher Oberland an ihrer Seite, die am selben Strick zogen wie sie. Man spielte das Album «Drink to the Lady» ein und ging auf Tour. Die Zukunft schien rosig. Doch der Hollywood-Film war noch nicht zu Ende. Nach einem Konzert in Oberhofen brach die Sängerin zusammen. Vermeintliche Rückenprobleme entpuppten sich als schwere Krebserkrankung. Sandra Goldner kämpfte, denn sie hatte schon zu viel durchgemacht, um aufzugeben. Wenn es ihr Zustand erlaubte, trat sie weiter auf. Und sie wollte sich – wie im Film – noch einen Traum verwirklichen.

Begleitet von Musikern und Freundinnen reiste Sandra 1991 nach New Orleans, wo sie ihre musikalische Heimat vermutete. Marianna Polistena, eine andere grosse Dame des Berner Rock, hatte ihr da schon den Song «New Orleans» zugesteckt. «Sie war eine wunderbare Sängerin», sagt Polistena über Goldner. «Ich habe den Song auf ihre Anregung hin geschrieben. Wir fühlten uns beide aus tiefstem Herzen mit dieser Stadt verbunden, noch bevor wir dort waren.» Drei Monate nach der Rückkehr aus New Orleans war Sandra Goldner tot. Sie wurde 34 Jahre alt. An ihrem Grab stand auch ein Kranz von den Neville Brothers, der «Royal Family» in New Orleans’ Musikszene. (Berner Zeitung)

Erstellt: 17.08.2009, 08:45 Uhr

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