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Rock Around The Clock im Dancing National

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 03.03.2009

Junge Leute, die nach dem Schlagermotto «Gib Gas, ich will Spass!» lebten, hatten im Bern der Fünfzigerjahre keine grosse Auswahl. Die «hippen» unter ihnen, meist aus gutem Haus und mit gymnasialem Rucksack ausgestattet, schwärmten vom Jazz und verschlauften sich in schummrigen «Existenzialisten-Kellern».

Unmittelbar vor dem Rock-Erdbeben: Das Schlagerorchester Carinas mit Kuno Laueners Vater Willy (ganz rechts) und Saxofonist Hans Rufener (ganz links).

zvg

«E Spinncheib»: Berner Kinoinserat für den Elvis-Film «King Creole», 1959.

«E Spinncheib»: Berner Kinoinserat für den Elvis-Film «King Creole», 1959. (Bild: zvg)

Capital FM: Berner Rock 1959

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Die werktätige Jugend, der solches Treiben zu nonkonformistisch war, traf sich am Wochenende zum «Schwoofe». «Es war die Zeit der grossen Dancings», erzählt Hans Rufener, der ab 1957 das Saxofon für die Medleys blies, eines der typischen Amateurorchester der Bundesstadt. «Im National, Bierhübeli, Jardin, Kursaal und Casino gab es jeden Samstag und Sonntag Tanz, am Samstag bis um 3 Uhr früh. Dazu kamen die gehobeneren Lokale wie das Mocambo, Chikito und Perroquet, wo die Profiorchester gastierten.»



Rufener erlebte mit Jahrgang 1934 noch Zeiten, als das Tanzvergnügen staatlich rationiert war. «Jedes grössere Dorf hatte seinen Saal, wo die Wirte viermal im Jahr ihre ‹Tanzsunntige› abhalten durften, wenn sie die behördliche Bewilligung erhalten hatten – es war wie bei ‹Ueli, der Knecht›», erzählt er. «Nach dem Krieg kamen die Amerikaner und mit ihnen der Swing und lockerere Sitten.» Der Sanitärinstallateur-Stift hatte sich das Saxofonspiel weit gehend selber beigebracht und weiss noch, wie er und seine Kollegen ihre Anlage samt Schlagzeug zu Fuss mit dem Leiterwägeli von Bümpliz in die Stadt transportierten, wenn dort ein Engagement winkte. Etwas professioneller ging es 1956 mit dem Schlagerorchester Carinas weiter. «Mit einer ausgezeichneten Besetzung und einem reichhaltigen Repertoire: Gesang, Humor, Volkstümlich, Modern – wir verhelfen Ihnen zu einem Grosserfolg», verkündete der Werbeprospekt. «Zu dieser Zeit führten wir keinen Rock’n’Roll im Repertoire», sagt Rufener, «das war auch nicht verlangt.» Immerhin gab es bei den Carinas einen familiären Link zum Berner Rock: Saxofon und Klarinette spielte Willy «Willu» Lauener, der wie später sein Sohn Kuno besonders beim weiblichen Publikum punktete.



Die Berner Tanzmusik-Szene war kurzlebig. Nach einem beruflichen Abstecher ins Welschland kam Rufener zu den Medleys, mit denen er während zehn Jahren Aufstieg und Fall des Berner Tanzbooms erlebte. «Unser Repertoire bestand ausschliesslich aus Schlagern», sagt Rufener, «so wie das der anderen Amateurorchester auch.»

Wann genau der Rock’n’Roll das Licht der Showbiz-Welt erblickte, darüber streiten sich die Musikhistoriker. Vielen gilt «Rocket 88» von Jackie Brenston aus dem Jahr 1951 als erste Rock-Platte, andere verweisen auf Elvis Presleys Single «That’s All Right Mama» von 1954. Doch das ist Insider-Geplänkel. In der Schweiz bekam man weder von den ersten Unterleibszuckungen des King noch von den sexstrotzenden Platten der schwarzen Rhythm-’n’-Blues-Sänger etwas mit. Woher auch: Mitte der 1950er-Jahre prägte Radio Beromünster die musikalische Früherziehung der Schweizer Jugend. Die Mittelwelle spielte Marsch, Folklore und E-Musik, und manchmal etwas Big-Band-Swing und Schlager-Häppchen. Zum ersten Mal ertönte der Schweizer Rock’n’Roll denn auch in der blankgebohnerten Version der Schlagerorchester: Die Geschwister Schmid jodelten 1956 den «Moonshine Rock» und der 14-jährige Peterli Hinnen doppelte mit dem «Tinga-Tänga- Rock» nach. Harmloser gings nimmer. Schon etwas flotter röckelte der Berner Orchesterleiter Hazy Osterwald, der mit seinem Sextett vom Jazz in den Unterhaltungssektor gewechselt hatte und nun bei der grossen deutschen Plattenfirma Polydor unter Vertrag stand. Nebst seinem Millionenseller «KriminalTango» veröffentlichte Osterwald schon früh Rock’n’Roll-Persiflagen wie «Hometown Rock», «Da haben wir uns was einge-(b)rockt», «Rebel Rouser» oder «Rock Right».



Solcher Lauwarm-Sound machte die wahren Rocker im Land nicht heiss. Die sogenannten «Halbstarken», die in den späten Fünfzigerjahren auch im Kanton Bern auftauchten, stellten sich in ihrer «Montur» – Jeans, Lederjacken, «Entenschwanz»-Frisuren – dem helvetischen Biedermann in den Weg und hörten nur Original-US-Rock von Elvis, Little Richard oder Jerry Lee Lewis. Vor allem auf Jahrmärkten wie der Berner «Schützenmatte» vermischte sich der aufpeitschende Rock-Sound mit dem Hau-den-Lukas-Gebimmel und dem Gekreisch der Leute auf der Himalaya-Bahn.

Unweit davon zeigte das Berner Kino «Alhambra» Anfang 1959 den Film «Die Halbstarken» und pries ihn sensationslüstern an: «Überall, auch in der Schweiz, sind sie plötzlich aufgetaucht, mit ihren Lederjacken, bandenmässig und mit langen Haaren!» Allerdings wurde die Halbstarken-Kluft schnell mehrheitsfähig: In der Berner Innenstadt verkaufte «Sam» schon früh Bluejeans als «Original Texas Hosen» und Loeb bot seine «James-Dean-Hosen» mit dem Vermerk an: «Die Jugend ist begeistert!» Das Kino «Elite» im Liebefeld zeigte einen Film, «der zu gewagt war, um am Filmfestival von Venedig gezeigt zu werden». Nun ja: «Saat der Gewalt» war die Tribüne für Bill Haley, einen pummeligen Mann mit Schmalzlocke, der mit dem Hit «Rock Around The Clock» bei gewissen Jugendlichen wahre Hor-moneinschüsse bewirkte. Bald wünschten die Rock’n’Roller, die sich schnell zu den besten Tänzern auf dem Platz entwickelt hatten, die Nummer beim Samstags-Schwoof im Dancing.«Ende der Fünfzigerjahre kam der Rock’n’Roll ins Spiel», sagt Hans Rufener. Bill Haley und seine Comets waren Vorbilder für uns. Mehr als Elvis, den man in der Schweiz zuerst als ‹Spinncheib› belächelte. Unser Sänger hat allerdings auch zu den Haley-Nummern eine hemmungslose Show abgezogen. Die Wirte hats gefreut. Der ‹National›-Saal war stets bumsvoll. Und uns haben sie schlechten Wein zum Trinken gegeben. Wir verdienten erst 40, dann 60 Franken und spielten bis zu sieben Stunden.» Seine Zeit als Dancingmusiker möchte Rufener dennoch nicht missen. Bevor wenig später die Beatbands dasKommando übernahmen, lagen Dancingorchester wie die Medleys im Trend und tön-ten urban, verglichen mit Kapellenwie den Bossbue-be aus Grindelwald. Deren Stück «’s Träumli» war 1959 der grösste Schweizer Hit – eine einflussreiche Nummer für den Berner Mundartrock. Doch das ist eine andere Geschichte. (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.03.2009, 11:51 Uhr

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