Punk Rules! Ein Befreiungsschlag
Flyer für den ersten Glueams-Gig: Huri, Dorette, Marco (v.l.). (Bild: zvg)
Capital FM: Berner Rock 1978
Zuerst kam die Mode: Im November 1977 eröffneten Francis Foss Pauchard und Guy Froidevaux mit 40'000 geliehenen Franken auf 40 Quadratmetern an der Herrengasse eine Modeboutique. Sie hiess Olmo – und sie heisst auch heute noch so. «An der Vernissage erschien ein Häufchen von Coiffeuren und Künstlern», erinnert sich Foss. «Einige von ihnen hatten sich Sicherheitsnadeln durch die Wangen gebohrt – oder dies zumindest simuliert. Die Original-idee des Olmo war nicht Punk. Ich suchte einfach etwas Neues, Spezielles. Mitte der Siebzigerjahre hüpften wir Kreativen von Nische zu Nische.» Doch wer auf Mode stand, kam 1977 nicht am zerschlissenen, fluoreszierenden Look der Punks vorbei. Auch in London, der Mutterstadt des Punk, war die Boutique «SEX» vonVivienne Westwood und Malcolm McLaren das Epizentrum des Erdbebens gewesen. Foss importierte die schrillen Klamotten direkt aus London. «Nur die T-Shirts bastelte ich selber. Ich kaufte weisse Exemplare, zerriss sie, sprayte mit Franz-Carl-Weber-Kinderfarbe ‹Blutflecken› drauf und heftete alles mit Sicherheitsnadeln wieder zusammen.»
«Wir erkannten uns an der Kleidung», sagt Marco Repetto, einer der ersten Punkmusiker in Bern. «Das war wie ein ungeschriebener Code.» Repetto war 20 und fühlte sich schon etwas alt für den neuen Sound, erlag aber dessen unwiderstehlicher Anziehungskraft. «Die Limousinen und die Gitarrensoli der damals angesagten Rockmusiker wurden immer länger», erinnert er sich. «Die Konzerte waren teuer, es gab kaum noch direkte Kontakte zu den Musikern. Ich habe 1973 die Rolling Stones in der Festhalle gesehen: Sie waren weit, weit weg.» Der Alltag in Bern schien grau, es galt das Motto «No Fun» – die abgemilderte Form des «No Future»-Gefühls der englischen Vorstädte. Die rohe, respektlose, direkte Kraft des Punkrock wirkte wie ein Befreiungsschlag und bot neue Identifikationsmöglichkeiten.
Der einstige Hippie Repetto schnitt sich die Haare kurz und stachlig, tanzte im Gaskessel den Pogo, verkehrte im Olmo und organisierte im benachbarten Tearoom Flamingo Berns erste Punktreffs. «Ich fragte an, ob wir unsere Musik spielen dürften, und die Gerantin war sehr zuvorkommend. So montierten wir in einer Ecke einen Plattenspieler und spielten in voller Lautstärke unsere Punkplatten ab. Das ging ein, zwei Mal gut. Dann pisste mein späterer Bandkollege Christian ‹GT› Trüssel in ein Glas und stellte es auf den Tisch. Es war die Musik, die gewirkt hatte, sie war unser Motor. Die Reaktion der Wirtin blieb nicht aus: Wir wurden höflich, aber bestimmt ausgeladen.»
Einen gewaltigen Schritt nach vorn machte der Punk, als der Olmo Anfang 1978 an den Bubenbergplatz umzog. Dort entstand ein multikulturelles Zentrum, das den Zeitgeist aufsog. Neben den Olmo-Kleidern gab es die Galerie AK, die sich der modernen Kunst widmete. Im Erdgeschoss betrieben die Musikfreaks der British Records Organisation (BRO) ihren Plattenladen. Pierre Barbezat, damals der einzige Verkäufer im BRO, vergleicht seinen Laden mit dem Liebhaberbetrieb in Nick Hornbys Bestseller «High Fidelity». Barbezat war fasziniert vom Punk, konnte sich aber auch für die Folkfestivals auf dem Gurten erwärmen. «Was die Punks anging, waren wir tolerant. Aber es galt der Grundsatz: ‹Nid a Bode chodere!›» Das Schaufenster wurde von Francis Foss gestaltet, der mit dem Slogan «Plastic statt Jute» für erregte Diskussionen unter Berns Lauben sorgte. Im Kellergeschoss war der illegale Spex Club angesiedelt, wo regelmässig Bands auftraten. Zur Eröffnung am 2.Juni 1978 spielte die Zürcher Girlgroup Kleenex, später folgten Auftritte von Dieter Meier, Hertz, Neon, Grauzone oder der britischen Underground-Stars Pop Rivets mit der Kultfigur Wild Billy Childish.
Berns Punkbands liessen sich an einer Hand abzählen. Marco Repetto war der Drummer in der ersten und besten von ihnen, die sich – inspiriert von diversen bewusstseinserweiternden Klebstoffen – Glueams nannte. «Als ich die ersten Punk-platten hörte, wusste ich: Das kann ich auch. Es war sehr wichtig, in einer Band zu sein», sagt Repetto. «Das gab Sicherheit und Identität. Es war ja nicht ein bewährter Weg, den wir gewählt hatten, es drohte jederzeit der Absturz. Wir haben gespürt, ob jemand ein Punk war. Das ging nicht, wenn man wirklich ‹gut› spielen konnte. Energie, Riffs und ein treibender Schlagzeugbeat waren entscheidend.»
Neben den Glueams machten sich No Fun mit drei Clash-begeisterten Bäckerssöhnen und eine kurzlebige Frauenband namens Chaos einen Namen in der kleinen Berner Szene. «Musikalisch war das Ganze chaotisch», erinnert sich Francis Foss. «Ich kann mich an ein Punkkonzert am Berner Unifest erinnern. Das Repertoire der Band bestand aus vier Nummern, die in einem Affenzahn heruntergedroschen wurden. Die Sängerin war weit voraus und hatte schon das vierte Stück fertig, als die anderen noch beim dritten waren. Das war scheissegal. Das passte.»
Um 1980 machte die erste Punkeuphorie einer gewissen Ernüchterung Platz. Der Schein war bald wichtiger als das Sein. Punk wurde mittlerweile auch von der etablierten Kultur vereinnahmt: Im Juni 1979 gab die New Yorker Szenegöttin Patti Smith eine Lesung im Garten des Kunstmuseums, am Abend zuvor hatte sie zum ersten Mal die riesigen fotorealistischen Bilder gesehen, die Franz Gertsch von ihr gemalt hatte. «In seiner Anfangsphase war Punk sehr intensiv», erinnert sich Marco Repetto. «Es ging Schlag auf Schlag, wöchentlich passierte etwas Neues.» Man wartete gespannt auf die neusten Fanzines aus der Szene – in Bern war Paul Otts «Punk Rules» tonangebend –, fuhr nach London, um die neusten Trends aufzusaugen. «Rückwirkend kommen mir die Punkjahre 1978 und 1979 wie eine Ewigkeit vor. Doch dann stellte sich eine Art Uniformzwang und auch so etwas wie Langeweile ein. Die ‹echten› Punks spürten, dass eine neue, offenere Musik in der Luft lag, die noch spannender war, aber ihrer Grundhaltung treu blieb.»
Francis Foss zählte sich zu den Art-Punks, die Wert auf Stil und «Attitude» legten und mit dem derben Gebaren der Strassenpunks wenig zu tun hatten. «1980 begann ich mit der Band Starter selber Musik zu machen,» erzählt er. «Ich mietete eine Schlagzeugmaschine und einen Synthesizer. Damals kamen mit den Residents und Kraftwerk schon fast ausserirdische Klänge zu uns. Diese technoid pumpenden Basstöne waren mehr als Musik. Für uns waren sie ein neuer Herzschlag.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 24.11.2009, 15:26 Uhr
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