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Pesche, Pädu, Phibe – das Triumvirat hinter den Kulissen

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 14.12.2009

Livemusik sei wieder gefragt, hört man derzeit häufig. Nicht, weil die Leute heute mehr Zeit zum Ausgehen haben – auch wenn in Krisenzeiten das Bedürfnis nach Zerstreuung erfahrungsgemäss steigt.

1/7 Local Heroes: Die Veranstalter Peter «Mühli-Pesche» Burkhart, Pädu «MC» Anliker, Philippe «Phibe» Cornu (von links).
Bild: Urs Baumann

   

Zur Serie

Das Buch: «50 Jahre Berner Rock». Zytglogge, 240 Seiten, zahlreiche Abbildungen schwarzweiss und farbig.

Die Doppel-CD: «50 Jahre Berner Rock». Zytglogge, 46 Songs (div. bisher unveröffentlicht), Booklet mit Kurzbios.

Livemusik sei wieder gefragt, hört man derzeit häufig. Nicht, weil die Leute heute mehr Zeit zum Ausgehen haben – auch wenn in Krisenzeiten das Bedürfnis nach Zerstreuung erfahrungsgemäss steigt. Es sind die dramatisch eingebrochenen Tonträgerverkäufe, welche die Musiker wieder dorthin zwingen, wohin sie eigentlich hingehören: in den Club, den Konzertsaal, auf die Open-Air-Bühne. Für die Berner Rockbands mit ihrem kleinen CD-Markt standen Liveauftritte schon immer im Vordergrund. Sie können sich dabei auf eine solide «Homebase» stützen. Die Berner Rocklokale, die auch national am meisten ausstrahlen, bestehen alle schon mehr als 20 Jahre. Die Macher dahinter sind mindestens so alt wie der Berner Rock. Peter Burkhart (Mühle Hunziken), Pädu Anliker (Café Mokka Thun) und Philippe Cornu (Bierhübeli, Gurtenfestival) pflegen ein symbiotisches Verhältnis zur einheimischen Szene und sind ebenso sichere Werte wie Patent Ochsner und Züri West, die ihnen ihre Läden füllen. «Es gibt ein Leben nach dem Berner Rock!», insistiert zwar Peter Burkhart. Es ist allerdings fraglich, ob es sich für ihn noch auf diesem Planeten abspielen wird. An Aufhören mag jedenfalls keiner der drei Veranstalter denken, schliesslich hat man mit den grossen Namen des Berner Rock eine sichere AHV, wie Burkhart einräumt. Kommt da ein Nachfolgeproblem auf uns zu?

Die Stadt. Das Bierhübeli, das oben am «Stutz» Richtung Bern-Neufeld thront, war schon immer Treffpunkt der Tanzwütigen. In den 1950er-Jahren drohte das Dancing an den Wochenenden aus allen Nähten zu platzen, in den Sixties durften hier die Beat-Rabauken von The Black Caps losbrettern. Zum Rocktempel avancierte das «Hübeli» erst 20 Jahre später. Seither gilt der 1000er-Saal als Klassiker, auch wenn längst flauschige Lounge-Atmosphäre den abgetakelten Charme des alten Interieurs überdeckt. Die rund 100 Konzerte im Jahr werden nicht subventioniert, von ein paar tausend Franken für den Jazz abgesehen. Hinter dem Konzertbetrieb steht seit 2003 Philippe «Phibe» Cornu, der mit seinem Partner Carlo Bommes auch das Gurtenfestival organisiert. Der 50-Jährige wirkt ruhig und überlegt, behält stets die Zahlen im Hinterkopf. Doch da ist auch eine alte Leidenschaft für Musik: Vor 27 Jahren half Cornu mit, in Thun ein Schallplattengeschäft mit erlesenem Sortiment auf die Beine zu stellen: ZigZag Records trotzt der Krise und besteht immer noch. «Der Berner Rock hat mehr zu bieten als nur die Namen, die man schon kennt», sagt Phibe. «Die Mehrheit schweigt, weil sie nirgendwo spielen kann. Am Gurtenfestival programmieren wir einheimische Namen auf der kleinen Waldbühne. Wenn man neue, unbekannte Sachen machen will, muss man aber einen Club an zentraler Lage haben, der klein genug ist. Die Mühle Hunziken ist zu weit weg, im Bierhübeli ist der personelle und technische Aufwand zu gross.» «Ich leiste mir das zwischendurch», meint Peter Burkhart. «Der Berner Rocker hat ein Anrecht darauf, in der Mühle zu spielen, was der Zürcher oder Basler Rocker nicht hat – ganz einfach, weil ich ein Berner Club bin. Ehret einheimisches Schaffen!» Auch für Pädu Anliker ist die Förderung der lokalen Szene Ehrensache: «Die Plattentaufen und Label Nights mit Bezug zum Oberland sollen bei uns stattfinden. An unseren ‹Regionalmusikwochen› standen jeweils in einer Woche 50 Bands auf der Bühne. Die füllen den Laden und dann geht die Post ab.»

Das Tor zum Oberland. Das Café Mokka ist Thuns städtisch finanziertes Jugendzentrum und ein Kultlokal mit internationaler Ausstrahlung. Es wurde im November 1986 mit einem Konzert von Züri West eröffnet und war ein Kind der bewegten Achtziger: Gestandene Berner Acts wie Polo Hofer und Span galten damals als Mainstream und werden bis heute nicht gebucht. Dafür gastieren bis zu vier Mal pro Woche eigenwillige Newcomer aus Berlin oder Tokio im 200er-Club, der in der Nähe der Thuner Kaserne steht. Grössere Anlässe veranstaltet das «Mokka» im Sommer auf dem Thuner Mühleplatz oder in zugemieteten Sälen. Der 52-jährige Pädu Anliker ist die Seele und der «MC» des «Mokka», seine Gastfreundschaft ist legendär. Seit der Eröffnung des Lokals stemmt er sich mit viel Herzblut gegen alles Provinzielle in seiner Stadt, die ihn dafür schon mit einem Kulturpreis ausgezeichnet hat.

«Meine Hauptarbeit besteht darin, das Haus am Leben zu erhalten», sagt Pädu. «Ich werde durchschnittlich zwei Mal pro Woche von Jugendlichen verbal mit dem Tod bedroht.» «Wie lange musst du das noch haben?», wundert sich Peter Burkhart. «Bist du Masochist?» «Das ‹Mokka› ist Teil meines Lebens», poltert MC Anliker zurück, «wenn du mal aus deinem Heimatmuseum weg musst, bist du auch niemand mehr.» Philippe Cornu schaltet sich vermittelnd ein: «Ist es nicht so, Pädu, dass dir die Jungen genau so am Herzen liegen wie früher?» «Das mag sein. Aber sie beissen die Hand, die sie füttert. Viele der Jungen, die unser Haus frequentieren, können sonst nirgends mehr hin, weil sie überall Hausverbot haben.» «Wenn man gewisse Leute nicht in seinem Haus haben will, programmiert man einfach die entsprechende Musik nicht – so einfach ist das», glaubt Burkhart. Und wie hält es das «Mokka» mit der Musik? «Die Schweizer sind nicht offen, das muss man einfach sehen», beklagt sich Anliker. «Die neuen Sachen funktionieren meistens nicht wirklich – dabei gibt es immer noch sehr viel gute Musik. Wir machen 16 bis 18 Konzerte im Monat, vom Publikumsinteresse her könnten wir 12 weglassen.» «Warum lässt du sie dann nicht weg, wenn sie niemand hören will?», meldet sich Skeptiker Burkhart und stichelt: «Das kann sich nur einer leisten, der öffentliche Gelder hat.» «Via meinen Lohn fliesst etwas Geld auf die Bühne, aber sonst funktionieren die Konzerte ohne Drittmittel», kontert Anliker.

Die Pampa. Die alte Futtermühle in Rubigen bei Bern, irgendwo im Niemandsland zwischen Bern und Thun, bestreitet mittlerweile ihre 34. Saison. Seit 1976 haben hier Tausende von internationalen und einheimischen Musikern gespielt, stilistisch konzentriert man sich heute auf Rock, Blues und Weltmusik. Der mehrstöckige Holzbau ist ausstaffiert mit Antiquitäten, Kunst und skurrilen Nippes und gehört trotz seines vergleichsweise geringen Fassungsvermögens von nur 400 Zuschauern zu den bevorzugten Tourstopps manches Weltstars. Unzählige Livealben von Schweizer Bands sind hier entstanden. Peter Burkhart stellt das Programm als Einzelkämpfer zusammen, seine Familie ist in den Betrieb eingespannt. Der 67-Jährige gilt als eigenwilliger und streitbarer Zeitgenosse, der immer wieder auch die bernische Subventionspolitik kritisiert. Die Mühle Hunziken bezieht nur minimale Unterstützung, Burkhart und die Mühle wurden aber verschiedentlich geehrt – zuletzt mit dem Kulturpreis der Burgergemeinde Bern.

«Die Kulturpolitik ist elitär», behauptet Pesche. «Jazz und Tanz kommen heute an die Fördergelder, an die vor 100 Jahren die Oper gekommen ist. Jetzt müssen die Kinder schon im Kindergarten tanzen lernen, damit sie es nicht verpassen. Das ist alles gut und recht, aber es werden Bedürfnisse geschaffen. Man könnte zum Beispiel auch Rock und Hip-Hop fördern.» Als Veranstalter fühlt sich Burkhart verunsichert. «Früher konnte ich auf ein breiteres Spektrum setzen, heute muss ich mich in der Nische bewegen. Es gibt mehr Clubs, auch staatlich unterstützte, welche Sachen programmieren, die ich früher gemacht habe. Das führt zu einer Verfälschung von Angebot und Nachfrage.» «Früher waren wir aber auch offener, weil das Ganze für uns noch aufregender war», wirft Pädu Anliker ein. «Wir werden älter. Heute muss ich meine Kräfte einteilen, mit der Band um vier Uhr nachmittags einen Whisky zu heben liegt nicht mehr drin.» Der Aufwand für das Buchen von Konzerten sei grösser geworden, ist man sich einig. Und was denken die drei Veranstaltungsprofis über die Zukunft des Berner Rock? «Unter dem Strich kommt es doch einfach darauf an, ob jemand den Song schreibt, den alle hören wollen», glaubt Philippe Cornu, «und solche Songs wird es immer geben.» Pädu Anliker schwärmt vom handwerklichen Niveau der neuen Musikergeneration und glaubt an eine Internationalisierung der Szene. Und Peter Burkhart, der stolz darauf ist, dass er nur das engagiert, was ihm persönlich auch gefällt: «Ich glaube, in zehn Jahren wird es noch genau gleich viele Bands geben wie heute. Aufs Risiko hin, mir keine Freunde zu machen: Der Berner Rock ist Hobbyrock. Die Musiker machen es gut und mit viel Herzblut. Aber jeder hat noch einen Beruf nebendran. Die, die vom Berner Rock leben können, kannst du an einer Hand abzählen.» Vielleicht braucht es doch zwei Hände? Dem Berner Triumvirat, das hinter den Kulissen wirkt, geht es jedenfalls auch dank der Vitalität des Berner Rock nicht wirklich schlecht.

Einer, der backstage mindestens ebenso heftig an den Fäden zieht wie Cornu, Anliker und Burkhart, dabei kräftig zupackt und doch nie ins Scheinwerferlicht drängt, soll in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben: Werner «Wernu»?Christen. Was wäre die Berner Musikszene ohne den Mann, der mit der 1976 gegründeten P.A.-Firma «Livesound» für die Konzertbeschallung sorgt? Der sich nie um eine «fadengrade» Kritik drückt und doch stets fürsorglich um das Wohl der Musiker besorgt ist, die er betreut? Für viele Berner Newcomer der letzten 20 Jahre war Werner Christen, «Herr der schwarzen Kisten», so etwas wie eine Vaterfigur. «Die Zeit geht weiter, mich treibt es zu neuen Ufern», sagt er. «Früher war es anders, aber nicht besser. Musik ist meine grosse Liebe geblieben, sonst wäre ich schon lange nicht mehr dabei in diesem Zirkus.»

(Berner Zeitung)

Erstellt: 14.12.2009, 09:30 Uhr

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