«No Blues, Thommy!»
Nach dem «Metal Rendez-vous»: Der erste Krokus-Gitarrist Thommy Kiefer, backstage im Bierhübeli, zurück beim Blues. (Bild: zvg)
Capital FM: Berner Rock 1986
Doch vieles verband den sensiblen Musiker mit Bern und seiner Rockkultur: Die ersten überregionalen Konzerte spielte er hier, seine ersten Platten entstanden in der Berner Altstadt, mit seiner Thommy Kiefer Band kehrte er oft zurück – nicht zuletzt weil der Berner Rocker Jimy Hofer sein Sänger war. Es gab auch eine musikalische Verwandtschaft: Kiefers Herz schlug für den traditionellen Rock, für die grosse Karriere war er letztlich nicht gemacht. 2008 – 22 Jahre nach seinem Tod – gab die Band, mit der er seine grössten Erfolge gefeiert hatte, ihr grosses Comebackkonzert im Stade de Suisse. An Thommys Stelle spielte Mark Kohler.
«Wenn Thömu gespielt hat, dann richtig», sagt Jimy Hofer. «Aber er war zu gut für diese Welt und glaubte, alle Leute seien so ‹liebi Sieche› wie er. Dabei war es ganz simpel: Er hatte ein Talent, das die anderen aus-nützten.» Schon in seiner Kindheit war Thommy, Sohn eines Zeughausverwalters mit musischen Neigungen, der Gitarre verfallen. «Ab 12 Jahren gibt es keine Familienfotos mehr, auf denen man ihn ohne sein Instrument sieht», weiss sein jüngerer Bruder Dani. «Er war Autodidakt, hat jede freie Minute geübt. In der Schule musste er wegen der Musik wiederholen, doch schliesslich schaffte er die Matura und erwarb das Primarlehrerpatent.» Das waren Versicherungen, auf die Kiefer nur unwillig zurückgriff. Er war Vollblutmusiker. Frühe Einflüsse waren Eric Clapton und Jimi Hendrix mit ihrem «progressiven» Bluesverständnis. «Bis zum heutigen Tag bin ich bei dieser Musik hängen geblieben», gab Kiefer 1984 einem Journalisten zu Protokoll. «Ich habe meine Herkunft nie verleugnet, auch wenn ich mit Krokus Heavy Metal gemacht habe – obwohl ja anfangs auch dort die Wurzeln im Rhythm’n’ Blues lagen, nur ein wenig einfallsloser und lauter gespielt.»
Thommy Kiefer war Mitbegründer von Krokus, zusammen mit Chris von Rohr, der damals hinter dem Schlagzeug sass. 1975 spielte das Quintett sein Debütalbum für das Schnoutz-Label von Eric Merz ein, natürlich im Berner Sinus-Studio. Die frühen Krokus setzten auf Experiment und Vielseitigkeit, wohl auch, weil sie noch keinen eigenen Stil gefunden hatten. Schon lange bevor seine Band zum Top Act avancierte, hatte der labile Kiefer ein Drogenproblem. Spannungen führten dazu, dass Chris von Rohr die übrigen Musiker entliess und mit der Konkurrenzband Montezuma zu einer neuen Krokus-Formation fusionierte. Kiefer wurde bald zurückgeholt. «Chris wusste, was er an ihm hatte», glaubt Dani Kiefer, «und Thommy spielte gern mit Chris, der ein guter Drummer und ein Kollege aus alten Tagen war.» Ein akutes «Sängerproblem» wurde mit dem Beizug des Malteser Falken Marc Storace gelöst: Nun hatte die Band den Schreihals, der ihr den Weg zu einem gnadenlos geradlinigen Rock ermöglichte, der unüberhörbar von AC/DC inspiriert war.
Nie war Thommy Kiefer so weit weg von Bern wie in dieser Phase. Mit ihrer «Metal Rendezvous»-LP von 1980 wurden Krokus zur Erfolgsband, die in England und den USA auf Tournee ging. Der Gitarrist genoss zwar den grossen Durchbruch und die Horizonterweiterung. «Sein Traum war es, mit der Musik durchs Leben zu kommen», sagt Dani Kiefer. Doch ein Verkäufer war Thommy nie. Er wandte sich ab, wenn er spürte, dass die Leute zwar tobten, aber nicht zuhörten. Kam dazu, dass Kiefer nach «Metal Rendezvous» (auf das er stolz war) auch musikalisch an Halt verlor. «Die Originalität, die anfangs noch zu spüren war, verlor sich, weil man immer mehr kopierte», sagte der Gitarrist, der jetzt notorisch unterbeschäftigt war. Für den Solisten, der einen singenden Bluessound favorisierte, war Heavy Metal keine Heimat. Das Drogenproblem wurde akut. «Den Tourstress hätte er wohl durchgestanden», glaubt Dani Kiefer. «Aber die Krokus-Welt war nicht mehr Thommys Welt. Als introvertierter Mensch konnte er seine Zweifel nicht mitteilen. Und mit der Musik konnte er sich nicht ausdrücken, weil es nicht die seine war.»
Vor ihrer zweiten USA-Tournee feuerten Krokus den labilen Leadgitarristen. Man betonte, dass man weiterhin «aus dem gleichen Caquelon Fondue esse». «Eine Freundschaft unter den Musikern konnte ich nie feststellen», meint Dani Kiefer skeptisch, «dazu waren die Typen wohl zu unterschiedlich.» Die Trennung findet er zwar legitim, denn sein Bruder sei oft unzuverlässig gewesen. «Krokus war ja mittlerweile ein Unternehmen. Aber für Thommy war es bestimmt nicht einfach. Er war während fünf Jahren mit diesen Jungs durch die Turnhallen gezogen, hatte den Sound und den Aufstieg der Band wesentlich mitgeprägt. Und dann übernahm einfach ein anderer.»
Eine Weile lang sah es so aus, als könne Kiefer auf der grossen Bühne bleiben. Gianna Nannini engagierte ihn für ihre Band The Primadonnas – «als Arbeiter», wie Kiefer nicht ohne Bitterkeit konstatierte. Er musste sich auf die Rhythmusgitarre beschränken. «No Blues, Thommy!», soll Nannini den Gefühlsgitarristen immer wieder ermahnt haben. Nach dem Ende einer dreimonatigen Tournee hörte er nichts mehr von ihr.
So waren Thommy Kiefers letzte Jahre vom Rückzug geprägt. Er arbeitete wieder als Lehrer oder als Korrektor, um sich über Wasser zu halten. «Wenns ums Fressen geht, bleibt mir nichts anderes übrig», sagte er in einem Interview. Die Heroinabhängigkeit zeichnete ihn zunehmend. «Das merkte man gut, das war bitter», erinnert sich Dani Kiefer. «Doch Thommy hat immer seine Würde behalten. Er ist nicht zerfallen, war nie verwahrlost. Und er blieb ein Träumer bis zuletzt.» Mit der Thommy Kiefer Band zog er seit 1983 durch Pubs und Beizensäle und schwelgte mit Jimy Hofer in alten Rockklassikern wie «Born To Be Wild» und «Let’s Work Together». Als Gitarrist konnte er immer noch zu Höhenflügen ansetzen und sich die Finger blutig spielen, wie an einer denkwürdigen Jam-Sessionzusammen mit Housi Wittlin am Silvester 1980. Doch dann kam Ende 1986 die Nachricht von seinem Suizid. «Wenn ich den Spass an einer Sache verliere, ist sie für mich gestorben», hatte er einmal gesagt. Solche Floskeln hört man oft. Aber Thommy Kiefer spürte, was er spielte. Und er meinte, was er sagte. (Berner Zeitung)
Erstellt: 27.07.2009, 15:18 Uhr
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