Kultur

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

Madame Rock und die Berner Giele

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 12.10.2009 8 Kommentare

«Die Journalisten und Szeneleute in Bern haben ein merkwürdiges Bild von mir», glaubt Natacha – «dabei konnte ich auch hier von Anfang an auf eine treue Fangemeinde zählen.»

Lederjacke  und Weichzeichner: Mundartsängerin Natacha posiert für die Kamera.

Lederjacke und Weichzeichner: Mundartsängerin Natacha posiert für die Kamera. (Bild: Rolf Weiss)

Capital FM: Berner Rock 1997

Worauf diese Ablehnung der Berner «Opinion Leaders» gründen mag, hat sich die Sängerin, die seit den 1990er-Jahren in den oberen Plätzen der Hitparaden anzutreffen ist, immer wieder gefragt. Und sie hat sich ihre Antworten zurechtgelegt. «Ich bin die erste Bernerin, die auf Mundarttexte gesetzt hat, und ich war auch die erste, die über die Liebe sang», resümiert sie. «Wenn man dies auf Englisch macht, findens alle cool. Wenn man aber auf Mundart singt, fühlen sich die Leute betroffen. Es geht ihnen einfach näher. Ich habe diese berndeutschen Liebeslieder immer amtlich und ernsthaft gesungen – ohne humoristischen Unterton – und bin deshalb angeeckt.»

Pionierinnen wie sie stossen in Männerdomänen oft auf Widerstand, ist Natacha überzeugt und wirft ein, auch die erste Juristin in Bern habe es damals schwer gehabt. Dass der Berner Rock extrem hohe Testosteronwerte aufweist – höhere noch als der in anderen Schweizer Städten – steht ausser Zweifel. Aber dass man Natacha in «Aufzählungen» und an Anlässen der Berner Rockszene vergisst oder gar bewusst übergeht, wie sie beklagt, das kann nicht allein mit ihrem Geschlecht erklärt werden. «Als ich angefangen habe mit der Musik, hatte ich zwei kleine ‹Giele› zu Hause und bin darum nicht um die Häuser gezogen, ich habe nicht gesoffen und gekifft.» Nun fehle ihr eben auch ein lokales Beziehungsnetz, konstatiert die Sängerin. «Ich war der Zeit immer voraus. Dass man eine Popkarriere mit der Mutterrolle vereinbaren kann, wusste man in den Neunzigern ja noch nicht, die Spice Girls und Madonna machten das erst später vor. » Sie hält kurz inne und schiebt dann nach: «Ich war übrigens auch die Erste hier, die mit Loops experimentierte.»

Vielleicht ist es dieses in kernigem Emmentaler Berndeutsch vorgetragene Selbstbewusstsein, mit dem sich Natacha von Moos (wie sie ledig hiess) von Anfang an ausgrenzte. Die Frau aus Burgdorf tickte immer anders als die Berner Rockszene: Sie schwärmte von grünen, gezackten Hardrockgitarren, die sie in ihrem ersten Projekt «Big Trouble with Natacha » (mit Gitarrist Marc Rossier) ausgiebig aufheulen liess, und war erstaunt über die «Bluesblase», die sie in Bern antraf. Sie war mehr Pop als Rock, mehr Michael-Jackson-Fan als Tom-Waits-Jüngerin, mehr Vorbild als Sexsymbol. Und sie neigte zum Pathos statt zur Kumpanei. Natacha gab optisch gern die wilde Rocklady mit blonder Löwenmähne, breitem Haarband, bemalten Lippen und gepudertem Gesicht. Sie inszenierte sich in den Trockeneisschwaden auf der Bühne als entrückte Popdiva, als ein Star, der seinen Fans eine Audienz gewährt und sie auf eine Berg-und-Tal-Fahrt durchs romantische Leben entführt.

«Ich finde es bemühend, wenn gewisse Leute sich über etwas Lippenstift aufregen können», insistiert sie, «man darf doch eitel sein.» Klar, darf man. Aber in einer kleinen Musikszene, die sich ihre Glaubwürdigkeit auch aus der Nähe zur Strasse holt, in einem Biotop, wo sich die Musiker traditionell «underdressed» bewegen, war Natacha – die sich optisch ständig neu erfindet und «mit den Jahren immer jünger aussieht», wie ein Spötter bemerkt – ein Alien.

Dieses Fremdsein bei den Gitarre spielenden Giele tut Natacha immer noch weh, auch wenn die «Madonna aus dem Emmental», wie man ihr in den Medien beikommen wollte, immer auf ein grosses und treues Publikum zählen konnte. Nach dem Achtungserfolg des Albums «Orlando» (das laut Natacha das erste Berner Lied über lesbische Liebe enthielt) schaffte sie 1997 den Durchbruch. Als erster Schweizer Sängerin gelang Natacha mit «Stärntaler» der Sprung von null auf Platz eins in der Hitparade, die CD hatte rasch Platinstatus erreicht. Seither verkaufen sich Natachas CDs – allen Unkenrufen zum Trotz – gut, ihre Schweizer Karriere stagnierte auf einem Niveau, von dem viele aufstrebende Konkurrentinnen und Konkurrenten nur träumen können. «Mein Publikum reicht von Kindern bis zu Managern», berichtet die Sängerin. Ihre romantischen, aus dem Leben gegriffenen Texte richten sich direkt an ein Publikum, das irgendwo in der Schweiz einen Alltag zwischen Schule, Familie, Job und Liebe lebt und sich allfällige Sehnsüchte und Gefühlswallungen fürs Wochenende oder den Last-Minute-Urlaub aufspart.

Musikalisch passen Natachas straff arrangierte Songs in die durchhörbaren Programme der Lokalradios: «Ich liebe das Zusammenspiel von harten Gitarren, Zärtlichkeit und meiner Stimme», sagt die Sängerin. Ihre Stimme – eine warme, dunkle Stimme mit Überzeugungskraft – hat ihr auch international viele Türen geöffnet. Tony Carey – als Sänger von Ritchie Blackmore’s Rainbow einst das Jugendidol von Natacha – produzierte diverse Alben mit ihr, Tina-Turner-Ehemann Erwin Bach setzte sich persönlich für ihre Karriere ein, und neuerdings arbeitet die Bernerin mit dem belgischen Texter Jan Savenberg zusammen, der ihr helfen will, im französischen Markt Fuss zu fassen. Nachdem Altmeister Johnny Hallyday die Natacha/Savenberg-Kollaboration «We de geisch» gehört und sie als «Si tu pars» in sein Repertoire übernommen hat, scheint alles ein bisschen einfacher.

Die neuen Erfahrungen in Frankreich, wo sich Natacha als Nobody behaupten muss, wo ihr nach ihrer Einschätzung aber auch mehr Respekt entgegengebracht wird als zu Hause, gaben der Sängerin Aufwind. «Ich habe mich befreit, auch wenn in Frankreich noch nichts Konkretes läuft. Berndeutsch bleibt meine Sprache, die Sprache, in der ich träume», sagt Natacha. «Das Abenteuer aber klingt französisch.» Auch musikalisch ist die Sängerin mutiger geworden: Flockige Elektrobeats lockern den schwülen Romantikrock auf. «Bei mir läuft das mit der Karriere gerade umgekehrt», sagt die Mittvierzigerin. Die Kinder sind flügge, die Zeit für einen nächsten Karriereschritt scheint ideal. Die alten Wunden, die sie sich als unerfahrene Musikerin im Umgang mit Geschäftspartnern und Medien zugezogen hat, scheinen langsam zu verheilen. Jetzt will sich Natacha auch beim Berner Publikum in Erinnerung rufen.

«Als Musikerin und Texterin halte ich mich für genau so wichtig wie Polo Hofer», sagt sie. «Ich komme aus einer anderen Generation, singe meine Lieder aus der Perspektive der Frau. Die Frau verkörpert die andere Seite des Lebens – weder die bessere noch die schlechtere. Dafür stehe ich ein: Ich bediene mit Leidenschaft diese andere Seite.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.10.2009, 18:12 Uhr

8

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

8 Kommentare

Simon Werren

12.10.2009, 13:27 Uhr
Melden

Natacha macht Schlager. Nicht rock. Deshalb wurde sie kaum beachtet. Nicht wegen dem Lippenstift. Antworten


emanuel Utiger

12.10.2009, 20:48 Uhr
Melden

hallo zusammen superbericht über Natacha mega spannend,würde gerne noch mehr über die künstlerin wissen Antworten



Kultur

Populär auf Facebook Privatsphäre


Grandioses Berg-Erleben.

Weltberühmte Berge und 100 Jahre Jungfraubahn: Sommerurlaub vor der schönsten Kulisse der Welt!

FÜR IHRE FREIZEIT

Für Ausgehtipps in der Region, nutzen Sie einfach unsere Agenda.

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.