«I bi bir Polizei, aber nume ir Kartei»
Capital FM: Berner Rock 1988
Als Housi Wittlin in den späten 1980er-Jahren seine erste LP mit Mundarttexten wie diesem veröffentlichte, reagierten die Medien wohlwollend irritiert. Was sollten sie auch schreiben über einen schmalen Berner mit schrägen Reimen, der oft unangemeldet auf der Bühne stand, die Augen geschlossen, als spiele er im Schlaf und doch immer im direkten Kontakt mit seinem Publikum. Der «Züri-Tip» fand heraus, dass Housi «das wahre Original der Berner Rockszene» sei, die «SonntagsZeitung» bezeichnete ihn als «Prachtsexem-plar eines ewigen Hippies» und doppelte nach: «Von wegen Stil. Den hat er.»
Dass es Stil braucht, um auf der Musikbühne zu bestehen, wurde Housi Wittlin erst später bewusst. Am Anfang – Mitte der Sixties, als der «Dropout» sich mit Haut und reichlich vorhandenem Haar definitiv dem Rock verschrieben hatte – ergab sich das instinktiv. Die Black Lions, bei denen der Gitarrist in den poppig-bunten Kleidern die aktuellen Hits nachspielte, waren Berns Beat-Platzhirsche. «Wir sahen gut aus, stellten etwas dar und konnten bluffen», meint er lakonisch. «Musikalisch muss es bessere gegeben haben.» In den frühen Siebzigerjahren, als der Beat dem «Progressivrock» gewichen und nicht mehr alles «hippie-happy» war, wurden Drogen zu einem bestimmenden Thema für die Musikszene im Allgemeinen und für Wittlin im Besonderen: «Zuerst konnte ich nicht Nein sagen – interessiert hat mich der Rausch aber schon immer. Ich habe nichts ausgelassen.»
Schon 1967 begann der experimentierfreudige Individualist als Strassenmusiker aufzutreten, mit englischen Songs, akustischer Gitarre und «Schnuregyge» – wie die Beatniks in den europäischen Grossstädten. In Bern war er damit allein auf weiter Flur. «Zuerst gingen die Passanten starren Blicks an mir vorbei», erinnert sich Housi. «Vor 1968 waren die ‹normalen› Leute noch eingeschüchtert und wollten sich nicht in etwas reinziehen lassen, das sie nicht kannten.» Dennoch wurden die Zuschauer-Kreise, die sich um den einsamen Strassenmusikanten zogen, immer grösser. Dann verabschiedete sich Wittlin in eine vorübergehende «Retraite» aufs Land. Mit 20 war ihm eine Erbschaft ausbezahlt worden. Damit erwarb er ein Bauernhaus auf dem Hornbachberg bei Wasen, wo er mit Frau und Kind einzog. Die Erbschaft war bald unter die Leute gebracht, Housi hielt es nicht lange in der ländlichen Abgeschiedenheit. «Ein Musiker muss zu den Leuten, die Leute kommen nicht zu ihm», begründet er. Er trampte durch die Welt, versuchte es wieder als Strassenmusiker. Doch die Konkurrenz wurde stetig grösser. So heuerte er 1977 für eine dreijährige «Lehre» bei den Mundartrockern Span an – die erste Ausbildung, die er auch abschloss.
Auch wenn er es als sein Hauptverdienst ansieht, dass er den «Spänen» ein Repertoire aus englischen Rockklassikern eingepaukt hat, fallen auch Wittlins erste veröffentlichte Mundarttexte in die Span-Phase: Der «Ornigssong» etwa («Du chasch doch nid eifach derhärcho, u säge, was i da singe, da sigsch du dergäge»), oder der politisch unkorrekte Nonsens in «Arosa Rosa», der Wittlin viel weibliche Schelte sowie eine Abreibung von Tinu Heiniger eintrug und ihn zum Schluss kommen liess: «Äbe gäu, es paar gsehs schampar äng». Sein erstes berndeutsches Demo, das ihm der damalige Musikchef Toni Vescoli mit dem Vermerk «kein Bedarf» retournierte, hatte er 1971 ans Schweizer Fernsehen geschickt. Wittlin blieb dennoch bei der Mundart hängen. «Man stösst im kleinen Rahmen auf mehr Echo, wenn man berndeutsch singt», begründet er. «Doch wenn es um den Beat und ums Singen geht, passt Englisch besser.» So pflegte Housi beides: In zusammengewürfelten Bands mischte er die Stones und die Beatles mit seinen dialektischen Dialektliedern. Er war überall: in der Beiz, in der Reithalle, an der Aare, im Kino (wo er in Bernhard Gigers «Pendler» einen Junkie spielte). «Ich hatte die Street Credibility», sagt er rückblickend.
1988 wurde Wittlin als einziger «Senior» auf den Sampler «BEStand 88» eingeladen, wo sich sonst junge Szenebands wie Züri West und Mod-On tummelten. Wittlins Instant-Rock «Polizei» («I bi bir Polizei, aber nume ir Kartei») – der einzige berndeutsche Song auf der Platte! – traf mit seinen präzis platzierten Wortspielen den unruhigen Geistder Zeit. Housi wurde als Integ-rationsfigur gefeiert. «Als Texter versuche ich, nicht zu negativ zu sein», sagt er. «Jemanden anklagen, das bringt es nicht. Damit macht man sich selber unglücklich, das ist zu einfach. Alles ist Projektion, habe ich in meiner Psychoanalyse gelernt.»
Im Sog seines Szene-Erfolgs spielte Housi Wittlin zwei Dialekt-LP mit seinen Lebensweisheiten ein, war mit der Jodlerin Christine Lauterburg in der ganzen Schweiz unterwegs. Elvis und den Stones blieb er stets treu. «Ich bin nicht motiviert, eine neue Platte zu machen», sagt der 62-Jährige zum aktuellen Stand der Dinge. «All Eyes on Me: Es gibt zu viel, das Aufmerksamkeit erheischt. Ich muss da nicht auch noch hinten anstehen.» Seinen Tag verbringt der Nachtmensch mit Gitarrespielen, er notiert alles, was um ihn herum geschieht und geht auf Anfrage solo oder mit der Sixties-Band The Repeatles unter die Leute. Und er arbeitet weiter an seinem Motto «Weniger isch meh», vertraut immer häufiger auf die Direktheit des Talking Blues. «In Musikerkreisen hat man mich auch schon wegen der Einfachheit meiner Drei-Akkord-Melodien kritisiert», sagt Housi Wittlin. «Dabei machte ich die nur, weil ich nicht fähig war, Zwei-Akkord-Songs zu schreiben.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 10.08.2009, 10:13 Uhr
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