«Hey, so etwas habt ihr noch nie gesehen!»
Ekstatisch: Bubi Rufener und die 1998 verstorbene Transsexuelle Coco, Bühnengast bei Bishop’s Daughter.
Capital FM: Berner Rock 1993
Man schrieb die 1990er-Jahre, der Berner Mundartrock boomte und spielte mit Einflüssen aus Country und Roots-Music. Auch Bishop’s Daughter war eine Berner Band, aber sie stand auf einen anderen US-Sound: auf neopsychedelische Orgien, den Noise-Rock von Sonic Youth und die ersten «Sub Pop»-Platten aus Seattle, die von den Betreibern des Berner Kellerladens und Labels «Record Junkie» importiert wurden. «Wir waren keine filigranen Techniker, aber wenn wir auf die Bühne standen, gingen wir ab», behauptet Bubi. Dieses Energielevel und ein intensiver, mitunter düsterer Rocksound verband Bishop’s Daughter mit Grunge. «Das war noch vor Nirvana», betont Kat Aellen, die Bassistin der Band, die als einziges Mitglied von Anfang bis Schluss dabei war. «Wir hatten eine eigene Tendenz zu diesem Sound.»
Den Samen hatte ein Zirkel um den Grafiker und Musik-Aficionado Dirk Bonsma gestreut, der Garage-Bands wie die Miracle Workers oder die Hard-Ons nach Bern holte. Bonsmas Comic-inspirierte Konzertplakate für diese Anlässe werden heute an Ausstellungen und in Büchern gezeigt – Berns Untergrund war weltweit vernetzt. Für das Vorprogramm des Garage-Punkers Sky Saxon formierte sich 1990 eine erste Formation von Bishop’s Daughter. «Wir spielten Covers von den Stooges und Velvet Underground», erinnert sich Kat, «und wir rockten – für Subtilitäten war kein Platz.» Bubi Rufener, damals Gitarrist bei den ungestümen Nickers aus Kerzers, war fasziniert von der Erscheinung der Band. «Hinten trommelte ein Typ namens Nic Bischof, vorn stand diese umwerfende Bassistin – das musste der Grund für den Bandnamen sein.» Dabei war die Sache simpler: Die «Tochter des Bischofs» hatte man sich bei einem Rolling-Stones-Text ausgeliehen. Diemusikalische Basis bildeten ausgedehnte Jamsessions, zu denen Kat bald auch Bubi einlud. Mit dabei war der Gitarrist und Trickfilmzeichner Didier Ludwig.
«Wenn wir zu viert spielten, ist etwas passiert», sagt Rufener, dessen ekstatischer Gesang den Bandsound mitprägte. «Wir kümmerten uns nicht darum, was unser Stil war, konnten uns nirgendwo anlehnen. Irgendeinmal spielte der Schlagzeuger diesen Break, und dann wechselten wir die Akkorde, auch wenn es vorher zwanzig Minuten brauchte. Das Wichtigste waren die freien Zwischenteile, in denen wir zur Soundorgie abheben konnten.» Aellen und Rufener gehörten als jüngste Mitglieder zu Berns Garage-Rock-Clan, obschon sie musikalisch ganz andere Ideen hatten. «Ich war ein Landei, ein Baby-Clash-Punk-Rocker mit Affinität für die Sixties, Hardrock und die Beastie Boys», meint Bubi. «Das Ganze war psychedelisch angehaucht. Andy Warhols Factory kommt mir in den Sinn. Wir waren eine Künstlerfamilie, eine Gang. Unter dem Namen‹Black Pampers›waren wir auch als Fussballmannschaftgefürchtet.» DasQuartett traf sich zu stundenlangen Sessions, arbeitete fiebrig an eigenen Songs. Coverversionenwaren jetzt kein Thema mehr, abgesehen voneiner 1-Akkord-Variante des Abba-Stücks «SOS»für den alternativen Sampler «Bescheuert» – die Antwort des Untergrunds auf die beiden offiziellen «BE Stand»-Sampler der Berner Szene von 1988/89.
Als Liveact waren Bishop’s Daughter in der ganzen Schweiz gefragt, spielten in Szenetreffs wie dem Fri-Son und der Roten Fabrik, überquerten regelmässig den Röstigraben und bald auch die Landesgrenzen. Eine erste Single wurde von Franz Treichler (Young Gods) produziert. Doch Bishop’s Daughter gehörten auf die Bühne. «Unsere Gigs wurden zum Voodoo», sagt Kat. «Wir verteilten Perkussionsinstrumente ans Publikum und bauten einen Fakir in unsere Show ein. Wenn wir nach seiner Einlage wieder mit den Gitarren einstiegen, waren die Leute ganz anders drauf, waren süchtig geworden. Mein Traum war, dass man dem Publikum die Show übergibt und abhaut, ohne dass jemand etwas merkt. Bei unserem allerletzten Gig im belgischen Gent hat das funktioniert.»
Mal besorgten Kat und Bubi Hühnerknochen im Schlachthof, die sie als Bühnendekor verwendeten, mal holte man Lightning Beatman oder die Travestie-Show «Der Die Das» mit Coco, Jean und Carmilla auf die Bühne. «Die Schwulenszene liebte uns, obwohl niemand von uns ein bekennender Homosexueller war. Wir machten komische Sachen auf der Bühne, und die machten noch komischere», sagt Rufener lachend. Da war auch diese Anziehungskraft zwischen ihm und Kat, die auf der Bühne die Gitarrenhälse aneinanderrieben. «Ich hatte damals Mühe mit meiner Männlichkeit», gesteht Bubi. «Das kompensierte ich im Übungsraum und auf der Bühne: Unsere Musik hatte für mich ganz klar etwas Sexuelles.» Kat pflichtet bei: «Musik ist die beste Form von Sex. Dass wir aufeinander einsteigen, uns zu Wechseln stimulieren konnten, das kam der Sexualität sehr nahe.»
Während der Produktion der einzigen LP «Divine and Moral Songs for Children» begann es trotz veränderter personeller Konstellation zu kriseln. Mit dabeiwaren jetzt der frühere Miracle Worker Robert Butler sowie Schlagzeuger Pit Lee. Grunge hatte eingeschlagen, und «Bishop’s Daughter passten ins Beuteschema der Plattenfirmen»,wie es Bubi formuliert. Doch die Anfrage einer Majorfirmawurde nicht einmal beantwortet. «Für mich hat das mit Freiheit zu tun», sagt Kat. «Wenn man Kunst mit Emotionen darbietet, kann man keinen Deal eingehen, der einem etwas vorschreibt.» Bubi nickt: «Ich lernte, dass man sich niemals verkauft. Andererseits war ich überzeugt, dass wir reich und berühmt werden würden. Alle sollten meine Lieder über die schlechte Welt und den Tod hören.»
1994 war der Spuk vorbei. Kat Aellen hatte die aufreibende Arbeit für das bandeigene «Black Pampers»-Label satt, ihre Bandkollegen engagierten sich in anderen Projekten. Bubi Rufener gründete mit Boni Koller die Hip-Hop-Combo Revolting Allschwil Posse, sang in Partybands wie den Sugarbabies und startete sein Projekt Boob. Aellen spielte weiterhin in Bands, unter anderem bei den Mad Cowgirl’s Disease und arbeitet als Soundmischerin in der Reithalle. «Bishop’s Daughter war meine energetischste Zeit», sagt sie zu Rufener. «Unsere Performance war oft so intensiv, als würden wir zum letzten Mal auf der Bühne stehen», bestätigt dieser – «und die Botschaft lautete bis zum allerletzten Ton: ‹Hey, so etwas habt ihr noch nie gesehen!›».
(Berner Zeitung)
Erstellt: 14.09.2009, 09:06 Uhr
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