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Hans Ueli Schmutz entdeckt das Killervirus

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 24.11.2009

«Dass einer kam und den Rock’n’Roll ohne Gitarre spielte, galt in den frühen Sechzigerjahren als Ding der Unmöglichkeit», sagt Hans Ueli Schmutz, den seine Freunde Ueli und die meisten heute einfach Jacky nennen.

Den Rock im Blut, das Piano im Köfferchen: Hans Ueli Schmutz alias Jacky bricht zu einem Konzert auf.

Den Rock im Blut, das Piano im Köfferchen: Hans Ueli Schmutz alias Jacky bricht zu einem Konzert auf. (Bild: zvg)

Capital FM: Berner Rock 1962

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Gitarren standen im Zentrum des neuen Musikstils: Das Holzbrett mit Saiten war das musikalische Werkzeug des armen Mannes und einfach zu transportieren. Ueli aber setzte auf das Klavier. In der elterlichen Wohnung an der Könizstrasse in Bern stand ein schönes Exemplar, das Vater Schmutz seiner Frau einmal geschenkt hatte, «als er ein besonders schlechtes Gewissen hatte», wie der Sohn erst nach dem Tod des Vaters erfuhr. Dieser «Père» war einer, den man kannte in den Bars der Stadt, «ein Cary-Grant-Typ». Nächtliche Streifzüge durch Bern waren Ueli von Kindheit an bekannt.

Das Klavier war das Markenzeichen des Rhythm’n’Blues, jenes schwarzen Musikstils, der seine Wurzeln auch im Boogie und Ragtime hatte: Jackie Brenstons «Rocket 88» von 1951 wurde von Ike Turners wildem Piano vor sich hin getrieben; Fats Domino war nicht nur der «Fat Man», sondern auch «The Piano Man», und Little Richard traktierte das Klavier mit der gleichen Energie, die auch seinen überdrehten Rock’n’Roll-Stil prägte. Doch davon wusste Ueli nichts, als er seine ersten Versuche auf dem Instrument machte, einfach nach dem Gehör spielte und die Tasten drückte. Noten lesen kann er bis heute nicht – und er ist ein stolzer Ignorant geblieben. Als Junge erfreute sich Ueli an Ländlermusik und liess die Schellackplatten des Vaters mit flottem Nachtclub-Swing der Berner Erfolgsmusiker Teddy Stauffer und Hazy Osterwald unberührt.

Eine Ferienreise an den Starnberger See 1958 sorgte für eine radikale musikalische Umbesinnung. «Im Hotel stand eine Rock-Ola-Musikbox, ausschliesslich bestückt mit Elvis Presley und frühem Rock’n’Roll», erzählt Ueli Schmutz. «Die Jukebox war mein Babysitter. Wenn die anderen an den See spazierten, blieb ich an ihr kleben und liess mich von ‹Heartbreak Hotel› und ‹Jailhouse Rock› durchschütteln. Als der Boxenaufsteller vorbeikam und sämtliche Platten auswechselte, brach für mich eine Welt zusammen.» Doch das vermeintliche Drama entpuppte sich als Glücksfall: Der Vater erstand die Singles zum Discountpreis – und Teenager Ueli besass ab sofort eine der bestsortierten Rock’n’Roll-Sammlungen in Bern. Als es einige Jahre später um die Entscheidung Musik oder Beruf ging, folgte Ueli dem Rat des Vaters und machte eine Lehre – die kürzestmögliche als Verkäufer im Lebensmittelfach. «Gfrässe wird immer», hatte ihm der «Père» mit auf den Weg gegeben.

Doch das ist vorgegriffen. Zunächst liess sich Ueli in einer Intensivkur von Elvis Presley aufpeitschen und begann das Unerhörte auf dem Klavier umzusetzen. Als ihm ein Cousin seine erste Jerry-Lee-Lewis-LP schenkte, wurde er vom Virus erfasst: Das war genau die Art von Rock’n’Roll, die Ueli sich erträumt hatte. Er wurde zum fanatischen Schüler des «Killers», wie sie den Piano-Rocker auch nannten, und setzte sich in den Kopf, diesem einmal die Hand zu schütteln. 1973 war es so weit, und es sollte nicht die letzte Begegnung sein. Dass er heute als «Schweizer Jerry Lee Lewis» gilt, kontert Ueli selbstbewusst: «Jerry Lee kann höchstens der amerikanische Jacky sein».

Mit Schlagzeuger Hansjürg «Güggu» Gerber begann Ueli ein Programm zusammenzustellen. Es war wieder der Vater, der dem «Rock Piano Schmutz» Anfang der Sechzigerjahre ein erstes Engagement im Restaurant Sternen in Belp vermittelte. Als der Vertrag unterschrieben war, musste Ueli feststellen, dass sich der Wirt offenbar gegen das junge Duo entschieden hatte – in einem Inserat wurden The Jackys angekündigt. Auf Uelis Protest hin meinte der Wirt: Doch, doch, das Engagement stehe, er habe nur einen Namen gesucht, der amerikanisch töne. Eine nachhaltige Notlösung: Auch bald 50 Jahre später tingeln The Jackys noch durch die Festzelte.

Für Ueli folgte ein Abstecher zu den Crossspiders, der Vorgängerband der späteren Beat-Heroen The Black Caps. Vor einem geplanten Engagement in Italien drückte ihm der Vater wortlos ein Päckchen Kondome in die Hand; damit war auch das Thema Aufklärung abgehakt. Bald darauf lernte Jacky einen jungen Mann kennen, der Elvis perfekt imitierte und sich auf sein Drängen hin bereit erklärte, von der Handorgel zum Schlagzeug zu wechseln. Im Duo mit Hansruedi «Pufi» Fellmann ging es bei den Jackys langsam, aber stetig bergauf – man harmonierte nicht nur gesanglich. In den Siebzigerjahren profitierten die Jackys vom grassierenden Rock’n’Roll-Revival und tourten als Begleitband von Tanzwettkämpfen durchs In- und Ausland. «Für den Aufschwung sorgte wieder der liebe Elvis, mit seinem Tod 1977», sagt Jacky. «Plötzlich wollten alle wissen, wie originaler Rock’n’Roll tönt.» Nachdem EMI-Talentsucher Laico Burkhalter sie unter die Fittiche genommen hatte, veröffentlichten die Jackys eine Handvoll LPs und heimsten 1981 gar Gold ein. Einmal verschlug es das Berner Boogie-Duo ins Vorprogramm der damals wenig bekannten AC/DC – dort flatterten nicht nur die Nerven, auch die Hosenbeine.

Als Berufsmann Pufi die Tingelei satt hatte, machte Jacky solo weiter und wurde Profi. Seither trifft man ihn an Barfesten, Fasnachtsbällen und Countryfestivals; 2005 feierte er vor grossem?Publikum im Kursaal den Sechzigsten. Seinem Stil ist er treu geblieben: «Erst faszinierten mich die Melodien des Rock’n’Roll», sagt er, «dann auch der Lebensstil. Das heisst nicht, dass man ein Gesetzloser sein muss. Rock’n’Roll heisst Respekt haben vor den Leuten – aber vor niemandem Angst.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.11.2009, 15:01 Uhr

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