Grünspan hat Bock auf Rock und «Härdöpfustock»
Capital FM: Berner Rock 1975
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«Ich wollte Musiker werden, wie auch immer, es gab keine Strategie», meint Matthias «Matti» Kohli. Die drei gehörten zur Band Grünspan, die 1972 aus den Berner Formationen Delation und Lindbergh hervorging und alles auf die Karte Musik setzte. «Grünspan war die Crème von dem, was Bern damals in Sachen Rock zu bieten hatte», behauptet Bassist Stöffu Kohli, der mit seinem drummenden Bruder Matti die Rhythm Section bildete. «Wir glaubten fest daran, schon bald weltberühmt zu werden.»
Fast jeden Abend trafen sich die langhaarigen Musiker, bei denen sich Schöre Müller und Gualtiero «Boni» Bonaconza die Gitarrenläufe teilten und Dänu Stöckli am Mikrofon stand, in einem Berner Altstadtkeller, um zu proben. Die Zeit des Kopierens war vorbei. Grünspan wagte den «Versuch der Eigenständigkeit», wie ein «Bund»-Journalist damals konstatierte. «Wir wussten allerdings nicht genau, wie das mit den eigenen Songs ging», lacht Matti Kohli. «Unsere Musik war das Resultat von stundenlangen Jamsessions. Vorher hatten wir gemeinsam an einem grossen Chillum gezogen.»
Bands wie die Allman Brothers hatten es vorgemacht und sich aus den hektischen Städten in die Splendid Isolation aufs Land zurückgezogen, wo man mit Kind, Kegel und Haustieren lebte und musizierte. Auch die Schweizer Hippies zog es ins Grüne. Toni Vescoli, einst mit den Sauterelles das Vorzeigebeispiel des kommerziellen Beatsängers, versuchte es jetzt als Folkie und Selbstversorger im Tösstal. Für Grünspan winkte das Glück, als beim rituellen Abhängen auf der Münsterplattform ein junger Mann erschien, der von einem freien Bauernhaus in Arnisäge bei Biglen erzählte. «Wir fuhren dort subito im Bandbus vor – wer sich an die Freak Brothers erinnert, kann sich das Bild vorstellen», erzählt Schöre Müller. «Glücklicherweise lag der Bauer, dem das Häuschen gehörte, gerade im Clinch mit der Gemeinde. Er wollte eine grosse Scheune bauen, doch die Nachbarn versalzten ihm die Suppe mit Einsprachen. Also vermietete er aus Trotz uns ausgeflippten Städtern sein Bauernhaus auf der Hämlismatt.» Die Musiker brachen ihre Zelte in der Stadt ab, lebten zu fünft in vier Zimmern und bauten den Kartoffelkeller zum Übungslokal um. «Wir lebten den Kommunismus», sagt Schöre Müller. Bis auf Stöffu Kohli ging keiner mehr einer festen Arbeit nach. Wenn Not am Jüngling war, kam man dank Hochkonjunktur problemlos zu einem Temporärjob. Mit der Musik liess sich zwar kaum Geld verdienen, aber irgendwie spielte das keine Rolle. «Wir waren ja erfolgreich, weil wir endlich Musik machten», sagt Matti Kohli. «Und wir schafften es immerhin bis Florenz, so wie die Beatles es nach Hamburg geschafft hatten.»
Die Engagements im «Space Electronic», einer angesagten Disco mitten in Florenz, gehören zu den Höhepunkten der Grünspan-Geschichte. Das italienische Publikum mochte offensichtlich, was ihm die fünf Hippies aus dem Emmental vorspielten. Ansonsten wurde der beschauliche Alltag auf der Hämlismatt mit allnächtlichen Sessions im Keller nur von einigen Gigs in der Region (wo man jeweils Kerzen als Lightshow auf die Verstärker stellte) und dem jährlichen Ritual beim Bauern unterbrochen, wenn man zu Incarom-Kaffee und Wernli-Güezi den Zins und den Alltag verhandelte. Die Vorhänge sollten um acht Uhr früh offen und um acht Uhr abends gezogen sein. Das überschnitt sich zwar nicht zwingend mit dem Lebensrhythmus der jungen Freaks. Doch die Bevölkerung von Arnisäge blieb während der zehn Jahre, in denen die Exoten aus der Stadt unter ihnen wohnten, stets tolerant.
1975 erschien mit «Bärner Rock» die einzige Grünspan-Single und die erste Single auf dem Schnoutz-Label von Eric Merz, das dieser gegründet hatte, um die Rumpelstilz-LP «Vogelfuetter» unter die Leute zu bringen. Seit einiger Zeit hatten sich die Wege der beiden Bands oft gekreuzt. «Wir sangen im Gegensatz zu Rumpelstilz englisch und konstruierten unsere Texte mit Hilfe des Dictionnaires», sagt Matti Kohli. «‹Bärner Rock› war unsere erste berndeutsche Nummer, quasi im Schlepptau von Rumpelstilz. Dass die Stilze aus dem Oberland dann auch unter dem von mir erfundenen ‹Bärner Rock›-Slogan verkauft wurden, ärgerte mich ‹Einheimischen› trotzdem. Den Text hatten Dänu Stöckli und ich während eines langweiligen Bürojobs zusammengeschustert. Jeder musste einen Reim als Reaktion auf die Vorgabe des andern liefern. Also paarten sich Rock und ‹Härdöpfustock› und Roll mit Papa Moll. Musikalisch stellte ich mir einen monoton stampfenden Rhythmus wie bei «Goin’ Home» von Ten Years After vor. Den kriegten wir aber nicht wirklich hin.»
Der flott rollende, straff arrangierte «Bärner Rock» war ein Sonderfall. Er lag quer zum übrigen Repertoire, wo die Nummern schnell einmal die 10-Minuten-Grenze überschritten und sich abrupte Timingwechsel an Engelschören und zweistimmigen Gitarren rieben. Doch die Grünspan-Geschichte näherte sich ohnehin ihrem Ende. Gitarrist Boni Bonaconza und Sänger Dänu Stöckli verabschiedeten sich. «Für uns stellte sich die Frage nach Beatles oder Stones», sagt Matti Kohli. «Alle wollten singen, einen eigentlichen Frontmann brauchten wir also nicht mehr.» Als Ersatz zog Gitarrist Dänu Siegrist ein, mit dem man konsequent auf Mundart setzte, zum Beispiel im Song «335», der den Mietzins auf der Hämlismatt vertonte. Auf Siegrists Drängen verschwand das Grün aus dem Bandnamen, man nannte sich jetzt einfach Span.
Bald darauf stiess Housi Wittlin zur Band. Mit ihm begann man auch wieder englisch zu singen und übte ein Rock-’n’-Roll-Repertoire ein, bis es 1978 zur Übernahme durch Polo Hofer kam und Span auf Kosten des SchmetterDing auf die Hinterbänke versetzt wurde. Nicht für lange: Span steht mittlerweile im 34.Betriebsjahr.
Vieles aus der Grünspan-Zeit von 1972 bis 1975 hat sich buchstäblich in Rauch aufgelöst, doch die Musiker erinnern sich gerne an ihre unbeschwerten Anfänge: «Wir waren naiv, was morgen sein würde, hat uns nicht interessiert», sagt Matti Kohli. Sein Bruder Stöffu doppelt nach: «‹Jetzt dürfen die Jungen mal›, hiess es damals ganz im Geist von 68. Love, Peace und ‹eine dürezieh›: Alles war möglich, alles erlaubt. So haben wir Träumer einfach mal gemacht. Ich wiederhole es immer wieder gern: Hey, wir hatten eine geile Jugend!»
(Berner Zeitung)
Erstellt: 05.05.2009, 15:59 Uhr
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