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Grauzone und das Lied vom kalten Polar

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 15.06.2009

Kürzlich erkor das «Tagblatt der Stadt Zürich» die LP von Grauzone zu einem der «20 besten Zürcher Alben». Eine erstaunliche Wahl.

Neue Berner Welle: Grauzone starteten mit «Staubsauger Sound» und landeten gleich einen Smash Hit. Von links: Stephan Eicher, Marco Repetto, Christian «GT» Trüssel und Martin Eicher.

zvg

Capital FM: Berner Rock 1980

Zwar erinnert der monoton treibende Grauzone-Sound an Grossstadtbeton und in seiner Urbanität irgendwie an den Limmatquai. Doch Grauzone waren definitiv eine Berner Band. «Im Herbst 1979 zog es mich nach London, wo ich eine Szene erlebte, die mehr zu bieten hatte als unser Zwei-Akkorde-Pogosound», erzählt Marco Repetto. «Ich war Drummer bei der Berner Punkband Glueams, doch wir steckten in der Krise. In London sah ich die Punks zu den elektronischen Klängen von Fad Gadgets ‹Back to Nature› tanzen. Alles war viel offener als bei uns.» Folgerichtig lösten sich die Glueams Ende 1979 auf. Marco Repetto und der Bassist Christian «GT» Trüssel beschlossen, zusammenzubleiben. Sie holten Martin Eicher zurück, der kurze Zeit bei den Glueams mitgespielt und mit seinem signifikanten Gitarrenspiel ihre zweite Single «Mental» geprägt hatte. «Wir wollten vermehrt mit Gefühlen arbeiten», sagt Repetto. Das hiess auch, dass das Trio seine Lieder kaum zweimal gleich spielte. «Wir hatten den bierseligem Punk und das Gegröle satt. Es gab in dieser Zeit ein Meer von Musik, das den herkömmlichen Rock wegspülte.»

In einem Keller am Bollwerk arbeitete das Trio an seinem Repertoire und suchte einen Namen. «Film war für uns allgegenwärtig», sagt Repetto. «Zuerst wollten wir uns ‹Das Kino› oder ‹Ciné› nennen, doch dann hatte GT mit Grauzone die beste Idee. Den gleichnamigen Film haben wir aber nie gesehen.» Mit dem Beizug von Martin Eichers Bruder Stephan, der damals die F&F-Kunstschule in Zürich besuchte, kam man dem angestrebten Status einer «Art Band» immer näher. Jedes Wochenende holte das schwarz gekleidete Berner Trio den Exil-Berner am Bahnhof ab, und Stephan schwärmte laut Repetto von der «schönsten Band weit und breit».

Grauzone waren eine experimentelle Gruppe. Stephan Eicher brachte die Performance und die Super-8-Filme, er folgte dem Vorbild von Velvet Underground. Ebenso gut zum Zeitgeist passte der Einsatz von Synthesizern und Drum-Maschinen, auch wenn niemand richtig damit umzugehen verstand und man meist mit repetitiven Tonschlaufen arbeitete. Entfernt hörte man den Einfluss von Bands wie The Cure, Joy Division und der Neuen Deutschen Welle. Doch für Marco Repetto bedeutete Grauzone auch die Rückkehr zum «blumigen, verflashten» Sound, den er als Teenager aus der Jukebox in den Gastarbeiterbaracken gehört hatte, die seine Eltern verwalteten. Martin Eicher wiederum war mit den Beatles gross geworden. Von solchen vergleichsweise konventionellen Einflüssen hört man im Grauzone-Sound aber wenig: Klare Basslinien, monotone Beats, gläserne Gitarren und Martin Eichers wehmütige Stimme prägten die Songs, die knappe Titel wie «Raum», «Animals» oder «Moskau» trugen. Grauzone konnten ebenso destruktiv wie feinfühlig tönen, und immer traf man auf die «neukühle» Stimmung, wie der Künstler Max Kleiner die anbrechenden Achtziger beschrieb. Der verstorbene Produzent Martin Byland, auf dessen Label Off Course die Grauzone-Platten erschienen, formulierte es griffiger: «Die ersten Grauzone-Demos tönten, als würde man einen Staubsauger laufen lassen.»

Im Sommer 1980 machten die Berner ihre ersten Aufnahmen für einen Sampler, auf dem sich die Schweizer Punk-Elite versammelte. Die Saxofonistin Claudine Chirac ergänzte das Line-up. «Viele Punks wurden mit uns nicht warm, weil wir mit Synthis und Discobeats experimentierten», sagt Repetto. Als einzige Band überzogen Grauzone ihr Zeitbudget massiv, als sie den Song «Eisbär» im legendären Sunrise-Studio von Kirchberg umzusetzen versuchten. «Die ersten Aufnahmen tönten wie eine Kopie von The Cure», erinnert sich Marco Repetto. «Schliesslich war es die Wut über unsere eigene Limitiertheit, die uns zu dem machte, was wir eigentlich waren.» Die Gitarren wurden schriller, die Eicher-Brüder spielten seltsame «Biip-Biip-Biip»-Einwürfe und Störgeräusche auf dem Synthesizer. Dazu kam GTs dominate Bassmelodie und der erste Drum-Loop der Schweizer Musikgeschichte. «Das geschah mehr aus der Not heraus, weil ich kein besonders guter Drummer war, wenn die Musik über Punkrock hinausging», erzählt Repetto, «aber die Bandschlaufe mit dem tanzbaren Rhythmus sollte sich als revolutionär erweisen.»

Der Sampler «Swiss Wave – The Album» mit dem «Eisbär» und seinem einfachen, eindringlichen Text, der sich aus einem Albtraum Martin Eichers ableitete, fand vorerst nur wenig Beachtung. Grauzone schoben die Single «Moskau» mit einem morbiden, von Stephan Eicher kreierten Cover nach. Dann verabschiedeten sich Repetto und GT wegen musikalischer und persönlicher Differenzen. Die Eichers führten das Projekt weiter, obschon auch ihr Verhältnis nicht einfach war. Anfang 1981 geschah Wundersames: «Ich sass zu Hause in meiner 16-Quadratmeter-Bude, als das Telefon klingelte», berichtete Martin Byland. «Es meldete sich ein Typ aus München, der bei einem Dancefloor-Label arbeitete: Er wolle den ‹Eisbär› auf EMI herauszubringen. Das war natürlich ein Sakrileg: Wir als Independent-Label sollten einen Titel an die Industrie verkaufen! Wir hatten aber viel Geld in unsere Platten gesteckt, der Kleinkredit war nochoffen. So unterschrieben wir einen 20-seitigen Lizenzvertrag. Und dann ist es passiert: Es hat geknallt! Als die «Eisbär»-Single erschien, wurde sie sofort von den DJs gespielt. Sie war ein richtiger Smash-Hit.» Offiziell verkaufte sich die Single 450000 Mal und schaffte es in Deutschland und Österreich in die Hitparaden. Nur in der Schweiz passierte nichts. Dazu kamen Schwarzpressungen und Lizenzen von Japan bis Brasilien – Byland schätzte die gesamthaft verkauften «Eisbären» auf rund eine Million.

Im Windschatten dieses Erfolgs spielten Grauzone ein ganzes Album ein, das weitere Perlen enthielt und respektable Verkaufszahlen erreichte. Repetto und GT waren bei einigen Sessions wieder dabei, doch man kam gemeinsam nicht mehr weiter. Ein Jahr später waren Grauzone Geschichte. Lange schien es, als würde sich die Erinnerung an sie in der Dunkelheit der 80er-Jahre verlieren. Seit einigen Jahren interessiert man sich aber vor allem im Ausland wieder für die Technopioniere aus der Schweiz. Auch Bern entdeckt sie neu: Die Newcomer Must Have Been Tokyo führen «Eisbär» im Repertoire. Für Grauzone selbst ist die Aufarbeitung der eigenen Geschichte schwierig: Zu kurz war der gemeinsame Höhenflug, zu zerstörerisch wirkten die Nebenfolgen des unerwarteten Erfolgs. «Als Punk unterschrieb ich keine Verträge, die die Urheberrechtssituation geklärt hätten», sagt Repetto. «Wir waren zu labil, um eine so gute Band zu verkraften. Ein Jahr lang hielten wir zusammen. Dann wurde der Druck von aussen zu gross.»

Nach seinem Ausstieg bei Grauzone gründete Repetto mit GT die Band Missing Link, aus der später Eigernordwand hervorging. Dann wagte er den radikalen Neubeginn mit elektronischer Musik, der er bis heute treu geblieben ist. Eben ist seine neue CD «Bigeneric – The Amaranth Fields» erschienen. Stephan Eicher hob schon während der Grauzone-Zeit zu einer Solokarriere ab. Um seinen Bruder Martin und um GT ist es still geworden. Dass Grauzone heute oft auf den «Eisbär» und die Anfänge von Stephan Eicher reduziert werden, mag Repetto nicht unkommentiert lassen: «Unsere Musik tönte auch darum neu, weil wir kollektiv kreativ waren.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 15.06.2009, 13:44 Uhr


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