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Gepard der Gitarristen

Von Samuel Mumenthaler . Aktualisiert am 03.08.2009

«Nume dr Boris isch no schnäller gsy, no schnäller als dr Alvin Lee», singt Schmidi Schmidhauser auf der aktuellen CD von Chica Torpedo.

Ein Musiker und seine alte Liebe: Boris Pilleri spielt die Gitarre.

Ein Musiker und seine alte Liebe: Boris Pilleri spielt die Gitarre. (Bild: Reto Camenisch)

Capital FM: Berner Rock 1987

«Nume dr Boris» ist eine lässige Rocksteady-Nummer, auf der Schmidhauser sich an seine frühen gitarristischen Verbrechen im Luftschutzkeller erinnert und – in der hiesigen Szene eher selten – einem anderen Berner Rocker die Reverenz erweist. Denn diesen Boris gibt es wirklich, und er war das Vorbild einer ganzen Musikergeneration. «Wenn man mich als einen der besten Gitarristen in Bern bezeichnet, höre ich das nicht besonders gern», sagt Boris Pilleri, der heute Kahlgeschorene, dem die Hommage gilt, «da gibt es ganz andere Cracks, einen Marco Figini zum Beispiel.» Dennoch hat sich Pilleri über die Huldigung von Kollege Schmidhauser gefreut. Höchstpersönlich singt er am Schluss des Tracks ein paar Zeilen aus «Goin’ Home», der Ten-Years-After-Nummer, die er als Teenager mit so viel Inbrunst und Tempo unters Volk gebracht hatte, dass dieses sich in Woodstock wähnte. Dort hatte Pilleris Gitarristenvorbild Alvin Lee vor Hunderttausenden in Schweden-Zoccoli das Original gespielt und angesichts der verstopften Zufahrtswege eine legendäre Ansage ins Mikrofon genuschelt: «I think I’m goin’ home – by helicopter.» Sein persönliches Woodstock erlebte Boris Pilleri zusammen mit der Band Jammin’ – 21 Jahre nach der Originalausgabe. Kurz zuvor war die Berliner Mauer gefallen. In den USA fand im Sommer 1990 das Freedom Festival statt, wo man das epochale Ereignis feierte und auf eine Zukunft ohne ideologische Schranken anstiess. 400'000 Zuschauer kamen ans Monsterkonzert in Philadelphia, das von der US-Fernsehstation ABC «nationwide» übertragen wurde und an dem die Woodstock-Veteranen Crosby, Stills&Nash ihre honigsüssen Vokalharmonien rezyklierten. Dass mit Jammin’ auch eine Schweizer Band auftrat, war beachtlich. «Die Einladung nach Philly verdankten wir der Tatsache, dass wir als westliche Band viel im Osten gespielt hatten», sagt Boris Pilleri. Ohnehin hatten sich Jammin’ stets antizyklisch verhalten, sie waren Querschläger und «stuuri Gringe», wie der Journalist Jodok Kobelt einmal schrieb. In einer Zeit, als düsterer Grunge aus Seattle angesagt war und sich die Schweizer Bands um den Durchbruch in den westlichen Nachbarländern balgten, setzten Jammin’ auf eine Zweitkarriere in Ungarn, wo sie bald zu den populärsten Bands gehörten – wohl auch, weil sie einen handgemachten, von aktuellen Strömungen unbeeindruckten Blues-Rock spielten. Jammin’ machten nie Zweifler-Musik, eher rauschten sie an wie eine Motorradgang beim Markieren ihres Reviers. Mit dem «Business» wurde die ausgesprochene Liveband, die weit über 1000 Konzerte gespielt hat, weniger warm. «Ich bin auf der ganzen Linie ein schlechter Geschäftsmann», gibt Pilleri zu. Auch das Ostengagement hatte kollegiale Wurzeln: Istvan, ein Kellner im Café Aarbergerhof, hatte angefragt, ob man nicht einmal in Ungarn spielen wollte. Klar wollte man.

Schon im Kindesalter war Boris, der als mittlerer von drei Brüdern im Berner Vorort Bolligen aufwuchs, zu seiner ersten elektrischen Gitarre gekommen. Der Zweitkläss-ler erstand sie vom älteren Bruder eines Schulkameraden, nachdem dieser ihm Platten von Ten Years After und B.B.King vorgespielt hatte. Ein nachhaltiges Erlebnis: «Ich lernte diese Musik erstaunlich leicht. Schon als ich sie zum ersten Mal hörte, war es, als sei sie immer da gewesen», erinnert sich Pilleri. Bald war er ein spektakulärer Solist. 1976 gründete der damals 16-Jährige seine erste Band Jammin’ The Blues (JTB), die es noch immer gibt, wenn auch mit verändertem Line-up und ohne den Blues im Zusatz. Mit einer musikalischen Neuorientierung hat Letzteres laut Pilleri nichts zu tun: «Mag sein, dass die Musik zeitweise ‹heavier› war als in meinen Anfängen. Aber wenn du mich fragst: Ich spielte immer den Blues – und ich spiele ihn heute noch.»

Ihre ersten musikalischen Gehversuche machten JTB im Bolliger Jugendclub Klink, einem morschen Holzbau, der in den 1970er-Jahren mit seinem welkenden Charme Jugendliche aus der Stadt und der ganzen Region anzog. JTB probten im Klink», waren dessen Hausband und konnten sich dort eine Liveroutine erspielen, auf die man in der Berner Musikszene schnell aufmerksam wurde. Als das «Klink» später abgebrochen wurde, waren JTB längst zur bewährten Liveband avanciert, die es von Schulfesten und Aula-Auftritten bis ins Vorprogramm von stilverwandten internationalen Acts wie Chicken Shack, John Mayall oder Eric Burdon geschafft hatte. Das Personalkarussell drehte sich häufig. «Dabei habe ich nie jemandem gesagt, er müsse gehen», betont Pilleri. «Bei Jammin’ stehe ich vorn, spiele Gitarre und singe. Und meist bin ich es, der sagt, was läuft. Ein Diktator bin ich deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil: Etwas im Team entwickeln zu können ist eine der schönen Seiten des Musikmachens. Ich brauche diese Auseinandersetzung. In meinem anderen Job als Grafiker, mit dem ich mein Geld verdiene, bin ich oft allein.»

Ende der 1980er-Jahre näherten sich Jammin’ dem Höhepunkt ihrer Karriere. Mit dem Zuzug des Schlagzeugers Tom Beck und (nacheinander) den Bassisten Daniel Hänggi und Roland Sumi fand Pilleri Mitmusiker, die sein virtuoses Gitarrenspiel und seinen kratzigen, herausfordernden Gesangsstil wuchtig unterlegten. Jammin’ waren nun ein Powertrio, das sich dem Funk ebenso öffnete wie dem Heavy Metal. 1987 erschien das erste Album «Intensity», es folgten vier weitere – unter anderem für die Major-Plattenfirma Polygram. «Wir blieben in erster Linie eine Liveband», bestätigt Pilleri. «In unseren besten Zeiten hätten wir von den Konzerten leben können – die Plattenverkäufe haben sich dagegen kaum gerechnet. Unsere meistverkaufte Platte ist ‹Playground› von 1993, von der wir 9000 Exemplare abgesetzt haben – so sagte man mir jedenfalls.» Vom subtilen Jazz-Blues der Anfänge war jetzt nicht mehr allzu viel zu hören. Jammin’ hatten vorübergehend das Image von drei üppig aufspielenden Machos, welche die Fahne des Gitarrenrock aufrechterhielten. Doch bald folgten auch wieder ex-perimentellere, stark instrumental geprägte Songs. Boris Pilleri und Jammin’ machten das, worauf sie Lust verspürten – und das war meistens das, was sie noch nie ausprobiert hatten.

Der grosse internationale Durchbruch gelang der Band wohl auch deshalb nicht, und für den heimischen Markt ging sie zu wenig Kompromisse ein. Schlagzeuger Tom Beck verliess Jammin’ 1997 nach 12 gemeinsamen Jahren – er spielte darauf unter anderem bei Gölä III. Für Boris Pilleri geht die Show weiter. Er probt seit einem Jahr mit einer neuen Jammin’-Formation, mit der er einen entschlackteren Sound anstrebt. Auch ein Experiment mit Bläsern steht auf dem Plan. Pilleri hofft auf mehr Konzerte. Eben erst gastierte er mit einer ganzen Heerschar von Kollegen an der «Night of the Guitars». Er genoss den Auftritt. «Ich habe die Gitarre gern, immer noch», bekennt er. «Das Spielen erfüllt mich, auch körperlich – ich bin ja sonst nicht so der Sportler.» Dem Englischen als Singsprache bleibt Pilleri treu – berndeutsch zu singen sei ihm gar nie in den Sinn gekommen. Die neue CD von Schmidi Schmidhauser läuft bei ihm zu Hause dennoch häufig, nicht nur wegen der «Boris»-Hommage. «I mache mys Ding, egal ob i fidle oder sing», heisst es dort. Ein Satz, den auch Boris Pilleri unterschreiben würde.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 03.08.2009, 16:22 Uhr


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