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Fünf Pumas im Leopardenpelz

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 03.03.2009

«Wir waren nicht die Besten», sagt Ischi Aschi. «Aber wir waren die Ersten.» Sein ehemaliger Bandkollege Kari Pfander bestätigt: «Die Pumas haben als reine Gitarrenband versucht, das Konventionelle abzulösen. Aber in der schwächsten Gruppe, die heute auftritt, spielt jeder besser, als wir es taten.»

Singlecover mit Biss: Bandleader Ischi Aschi (Zweiter von rechts) und seine Wildkatzen im Look der Stunde.

Singlecover mit Biss: Bandleader Ischi Aschi (Zweiter von rechts) und seine Wildkatzen im Look der Stunde. (Bild: Archiv S.M.)

Capital FM: Berner Rock 1960

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Ein gefährlicher Vergleich, denn Popmusik ist untrennbar mit der Zeit verbunden, in der sie entsteht. In den Jahren um 1960, als die Pumas in Bern ihre ersten Engagements bestritten, war weit und breit keine Konkurrenz auszumachen. Die Musik, die die fünf jungen Amateure spielten, konnten sie sich nur selber beibringen.



Irgendwann in den späten Fünfzigerjahren war der Schriftsetzerlehrling Ernst «Aschi» Ischi in der elterlichen Zweizimmerwohnung, wo man zu viert lebte, dem Rock’n’Roll begegnet. Seither sass er täglich in der Stube vor der «Radibus»-Anlage, die für ihn so etwas wie das Tor zur weiten Welt bedeutete. «Radibus» war das Radio des armen Mannes, weil die Abonnenten keinen eigenen Empfänger besitzen mussten. Auf Bestellung erschien ein Techniker in Uniform und montierte dem Kunden einen Lautsprecher, zum Tarif von Fr.1.80 pro Monat. Zu empfangen waren nur drei Programme: Radio Beromünster, Radio Sottens und der deutsche Südwestfunk. Nur auf Letzterem rockten Bill Haley und Elvis Presley um die Wette: «Rock Around The Clock», «Tutti Frutti»! Für Aschi tönte das fremd und doch vertraut. Denn die Sünden, die man auch ohne Englischkenntnisse im Subtext dieser archetypischen Rockschlager ausmachen konnte, gab es nicht nur in Amerika.



Schon vor seiner Liaison mit dem Rock hatte Ischi Aschi seine erste Band ins Leben gerufen. Er bediente das «Träneschyt», wie die Berner Tanzmusiker damals die Hawaiigitarre nannten, und hatte dazu eine eigene Technik und eine eigene Stimmung entwickelt. «Von Südseestränden und Insulanerinnen konnten wir Jungen nur träumen», sagt er heute. «Fernweh war ein Lebensgefühl und der Hawaii-Sound unsere Selbsthilfe.» Aus den Lentana Hawaiians – benannt nach der Lentulusstrasse im Berner Weissenbühlquartier, wo die blutjungen Musikanten wohnten – wurde bald das Orchester 5 Pumas und dann einfach die Pumas. Auch musikalisch verlor man die Beisshemmung. «Damals unterschieden sich die Tanzorchester nur im Namen – getönt haben sie gleich», behauptet Ischi Aschi. «Alle spielten mit Schlagzeug, Kontrabass, Handorgel und Bläsern. Dazu gab es einen Gitarristen, der ‹chrampfte› wie blöd – und den man doch nie hörte.»



Damit mochte sich Saitenkünstler Ischi nicht abfinden. Er verkündete die Revolution: «Ich wollte beweisen, dass es möglich ist, ein Orchester nur mit Saiteninstrumenten zu besetzen – aber die gleichen Stücke wie die Konkurrenz zu spielen. So musste ich als Gitarrist Englischwalzer beherrschen, Walzer, Marsch und Tango. Die Pumas waren ein Tanzorchester mit Saiteninstrumenten.» Der Bandleader wechselte zur elektrischen Sologitarre, blieb seinem alten Stil aber treu: «Die Töne auf einer Hawaiigitarre erzeugt man mit einem Stahlsteg, die Melodie zupft man mit der rechten Hand. Der Herrgott hat mir meinen eigenen Stahlsteg gegeben – den linken Daumen. Damit kann ich auch heute noch einen ganzen Bund auf dem Griffbrett der Gitarre abdecken.» Auch Kari Pfander musste sich an Aschis gestählten Daumen und seine eigenwilligen, auf Septimen aufgebauten Harmonien gewöhnen. «Aber wir kamen durch damit.» Zusammen mit Pfander (Banjo), dem versierten René Kühne an der Begleitgitarre, Peter Mischler am Kontrabass und Walter Amsler am Schlagzeug kreierte Ischi Aschi das, was er noch heute stolz den «Pumas-Sound» nennt.



Dass bald auch der Rock ’n’Roll Einzug hielt, hatte mit Aschis Sinn fürs Praktische zu tun. «Wir hatten mit unseren Gitarren schon die richtige Formation beisammen, während die Konkurrenz mit ihren Handorgeln ratlos in den Mond schaute», sagt er. Nebst Walzer und Marsch prägten nun Jukeboxhits wie Peter Kraus’ «Susi Rock» (eine Adaption von Gene Vincents «Bluejean Bop») das Pumas-Repertoire. Dieser Rock aus dritter Hand wurde regelmässig vom enthusiastischen Grölen des Publikums übertönt, wie ein überlebendes Tondokument beweist. Das rebellische Image des Rock’n’Roll kam Aschis Eitelkeit entgegen: Er war ein Berner Pionier in Sachen Haartollen, Bluejeans, Schlüpferschuhen – «Dandy-Zügs», wie er es nennt –, und er donnerte auf seinem Rumi-Roller durchs Quartier. Ohne Helm, versteht sich. Den Bühnendress der Gründerjahre, weisse Kellnerkittel zum Stückpreis von 12 Franken, mussten die Pumas auswechseln, nachdem eine Dame aus dem Publikum bei einem der Musiker ein Citro bestellt hatte. Darauf liessen sich die Amateure von ihren Freundinnen getupfte Leopardengilets aus Autositzüberzügen nähen – das unifarbene Pumafell wäre zu unspektakulär gewesen. Die Investition lohnte sich. Die Pumas wurden oft engagiert, zogen vorübergehend ihr eigenes Dancing auf und veröffentlichten 1962 gar die erste Berner Rocksingle mit dem Gitarreninstrumental «Little Puma».

Eng wurde es für die Pioniere erst, als mit den Beatles und den Stones ein Gitarren-Tsunami über die Szene hereinbrach, bei dem es mehr um ein Lebensgefühl als um die richtigen Töne ging. Ischi Aschi, der seine Pumas fast zehn Jahre lang dressiert hatte, mochte nicht mehr umdisponieren. «Vielleicht hätte ich ja mithalten können», meint er. «Aber ich wollte nicht. In eine Beatband einzutreten, das war für mich als Bandleader keine Option.» 1966 kam das Aus für die Pumas, eine Nachfolgeformation surfte später auf der Bee-Gees-Welle. «Er hatte Talent und ein sehr gutes Gehör», sagt Pfander über Ischi. «Vielleicht hätte er mehr daraus machen können. Was einem in die Wiege gelegt wird, kann man manchmal nicht richtig wertschätzen.» Pfander spielt nun seit 35 Jahren Dixie, Ischi ist Alleinunterhalter. «Auf meiner Orgel spiele ich alles, vom ‹Guggerzytli› bis zum ‹Louenesee›», erklärt er. «‹Die Zukunft gehört den Tanzorchestern›, hat John Lennon einmal gesagt. Recht hatte er: Die Trendskommen und gehen, die Standardtänze bleiben. Wenn ich tanzen gehe, will ich die Frau spüren. Das kommt wieder. Die Tanzschulen sind voll. Und ich stehe bereit.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 03.03.2009, 11:50 Uhr


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