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«Exzeptionell, originell, sensationell!»

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 29.06.2009

Der Witz war weg», sagt Peter Gurtner. «Wir hatten die Plattenfirma gewechselt, brav unsere dritte LP abgeliefert und gingen wieder auf Tour. Aber ich sah keine Zukunft mehr.»

Grell pastell: Slapstick mit Mauro Zompicchiatti, Thomas Wild, Denise Hinz (später Gurtner) alias Deby Overdrive, Peach Schell, Tina Tanner alias Dodo Develop, Wege Wüthrich, Peter Gurtner.

Hannes Schmid

(Bild: zvg)

Capital FM: Berner Rock 1982

«Das war ein Lackaffenprojekt, viel zu geschleckt», meint seine Frau Denise zur dritten und letzten Slapstick-LP «Tea for Two». Sie hat gut schnöden. Zusammen mit zwei anderen Musikern hatte sie das sinkende Slapstick-Schiff bereits verlassen, auf dem sie fast fünf Jahre mitgesegelt war. Privat blieb man liiert. «Wir sind der Beweis, dass sich die meisten Pärchen im Beruf kennen lernen», grinst Peter Gurtner. Dabei war ein «Gschleipf» unter Bandmitgliedern unerwünscht. Offiziell.

Slapstick waren in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre die Berner Band, der viele den grossen Durchbruch vorhersagten. «Wir spielten an den Open Airs von St.Gallen bis Nyon, die Plattenverkäufe zeigten nach oben», sagt Peter Gurtner. «Nur wussten wir nicht, wie wir die nächste Stufe schaffen sollten. Unsere Deutschland-Ambitionen mussten wir begraben, weil sich die Manager wegen Prozentzahlen in die Haare geraten waren. Musikalisch hatte eine Begegnung mit Krokus-Mann Chris von Rohr dazu geführt, dass es in der Band Streitereien wegen des Stils gab.» Die eine Fraktion wollte in von Rohrs Fussstapfen treten und mit Heavy Metal gnadenlos die Hitparaden erobern, was die andere Hälfte mit Blick auf ihren jazzigen und souligen Hintergrund nicht anmachte. Solche Grabenkämpfe waren neu: «Man machte mir meine Mannschaft ‹sturm›, kommentiert Gurtner. «Plötzlich sollte ich nicht mehr der Big Boss sein.» Dabei waren Slapstick von Anfang an sein Kind gewesen. «Er hat die Ideen gebracht und die Songs geschrieben, wir haben sie ausgeführt», sagt Denise Gurtner. Kein Wunder, dass Herr Gurtners Bühnenname Lulu Leader war – auch wenn diese Rolle auf der Bühne schalkhaft umgesetzt wurde. Das Kollektiv habe er in seiner früheren Band Aladdin erlebt, erzählt Gurtner. «Doch jetzt wollte ich keine WG mehr, wo jeder etwas bringt. Ich hatte meine Ideen zum Konzept umgesetzt. Den Kunstrock, den ich jahrelang gespielt hatte, war ich satt. Ich wollte etwas mit mehr Eiern: Ein fröhlich-er, frecher Sound war mein Ziel, und tanzbar sollte er auch sein.»

Slapstick standen für Spektakel und Comedy: In der Mitte krümmte sich der dünne Leader an seiner Gitarre, mit seinem Bleistiftschnurrbärtchen und den dunklen Locken eine Mischung zwischen Groucho Marx, Frank Zappa und Balkan-Lover. Links und rechts von ihm hüpften Denise Hinz (wie Frau Gurtner ledig hiess) und Tina Tanner alias Deby Overdrive und Dodo Develop. Gleich zwei Frauen im Auge des Hurrikans, das war für den testosterongesteuerten Berner Rock eine echte Neuigkeit. Allerdings umkreisten die beiden wild tanzenden Ladys den Leader wie die Motten das Licht und untermauerten so dessen Status als dandyhaften Harems-Pascha – man fühlte sich an die durchkonzipierte Show von Kid Creole and the Coconuts erinnert. «Wir bekamen unsere Hühnerchörli zugeteilt und mussten die immer gleiche Stimme quietschen», lacht Denise Gurtner. «Aber es machte Spass. Und es hat gekracht wie sonst nirgends.» Tatsächlich kam von hinten ein überaus muskulöser Beat mit Thomas Wilds Hammerschlagzeug und Mauro Zompicchiattis Slapbass, Wege Wüthrich am Sax und Peach Schell an den Keyboards sorgten für die Farbtupfer. Slapstick waren eine für Schweizer Verhältnisse ungewöhnlich bunte Band: «Exzeptionell, originell, sensationell!», schrien die Plakate.

Funk, Ska und Soul war die Stilpalette, die die Band in ihren Anfängen nach der Gründung 1979 pflegte. Nach ersten Gehversuchen mit Coverversionen von Stevie Wonder, George Duke und den Commodores wurde der Slapstick-Sound zunehmend eigenständiger, forscher und auch rockiger. Von fern hörte man die Brandung der Neuen Deutschen Welle. Bei Slapstick zählte die Attitüde mehr als der Inhalt, ihre Musik spielte gekonnt mit Zitaten, ohne gross im Tiefen zu schürfen. Schon die LP-Titel «Ballando on the Wave» und «Cosa Nostra» machten klar, dass hier ein Kunstprodukt zu erwarten war. Es gab einige veritable Hits: «Walkman for the CIA» war ulkiger Reggae, «Telephone Tina» eine überkandidelte Rocknummer, Slapsticks Version von «It’s All Over Now» versprühte weltmännische Grandezza. Stilistisch und sprachlich kannte man keine Grenzen – solange man möglichst weit weg von daheim war. «Mir wurde rasch bewusst, dass sich mit englischen Texten ein Nachäffeffekt ergibt», sagt Peter Gurtner. «So habe ich, statt mein Englisch zu perfektionieren, lieber meinen Schweizer Akzent auf die Schippe genommen und mit anderen Sprachen gemixt. Nur Mundart hatte in diesem Projekt keinen Platz, das hatte ich vorher zur Genüge ausprobiert.» Das Resultat waren schon fast dadaistische Texte: «Es ist ein Weichspülmittel / exceptionnel / c’est très très sensationnel / Brain can not tell», hiess es da etwa.

Das Siebnergremium mit dem klar definierten Präsidenten wollte es wissen. Slapstick probten mindestens drei Mal die Woche, am Wochenende war die Band unterwegs. «Man schickte uns in jede Turnhalle, in jeden Chrachen, die Kantone haben wir alle erobert», sagt Denise Gurtner. «Wir überquerten den Röstigraben und spielten in Genf, Lausanne und Montreux. Das war der Vorteil, wenn man nicht Berndeutsch sang.» Doch es gab auch Abnützungserscheinungen und ein Techtelmechtel, von dem Peter Gurtner vorerst nichts mitbekam. Zurück von ei-ner USA-Reise, die er solo bestritten hatte, musste der Leader feststellen, dass seine damalige Freundin Dodo Develop innerhalb der Band «die Front gewechselt» hatte, wie er es heute formuliert. «Das gab mir schon einen Schlag. Aber ich beschloss, drüberzustehen und Geschäftliches und Privates zu trennen.» «Lange hat er das ja nicht geschafft», wirft Denise Gurtner ein. Nach einigen Turbulenzen fand das neue Slapstick-Paar zusammen.

Slapstick lösten sich nach ihrer dritten LP und ein paar Nachbeben auf. Die Band hatte farbige Akzente gesetzt, blieb aber auf die Dauer eine Spur zu unverbindlich. Von ihren Konzerten und Plattenverkäufen konnte sie nicht leben. «Als wir aufhörten, kam gerade die CD auf», sagt Peter Gurtner, «und ich hatte das Gefühl, dass damit auch die verkauften Einheiten anstiegen. Aber für uns kam das zu spät.» «Wir haben dann Kinder statt Platten gemacht», lacht Denise Gurtner. Das Paar gründete aber auch das soulige Duo Shake Hands, Peter Gurtner ist weiterhin als Produzent und Gitarrist aktiv. Thomas Wild und Mauro Zompicchiatti spielten zwanzig Jahre lang zusammen bei Polo Hofers SchmetterBand und sind heute bei Van Dango. Wege Wüthrich ist ein gefragter Jazzsaxofonist. Auch wenn die Trennung der Band und damit die Beerdigung der Profipläne ihre Spuren hinterlassen hat, schaut Peter Gurtner ohne Groll zurück. Seine Version von «It’s All Over Now» führt er immer noch im Repertoire. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.06.2009, 11:51 Uhr


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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

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