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Ein Höhenflug ab Bern-«Bälpmoos»

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 31.08.2009

«Ich war 27 und sagte mir: Du bist blöd. Du kannst doch nicht mit 40 zurückschauen und sagen: Du hasts nicht mal probiert, du Flasche – einfach machen, was du am allerliebsten machst, auf die Schnauze fallen, wieder aufstehen.

Am Start: Philippe Stalder, Christian Siegenthaler («Minister fürs Äusserste», sprich: Manager), Tinu Neuhaus, Büne Huber, Urs Lanz (Tontechniker), Pascal Steiner, Lukas Bitterlin, Böbu Ehrenzeller.

Jürg Ramseier

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Capital FM: Berner Rock 1991

So beschloss ich im April 1991, als Musiker, Maler und Zeichner zu leben.» Zu diesem Zeitpunkt hatte Büne Huber schon einiges ausprobiert: Die Idee, Steinbildhauer zu werden, hatte er nach einer Schnupperlehre verworfen, also lernte er Metallbauschlosser. Eigentlich war vorgesehen, dass Büne einmal die kleine Schlosserei des Vaters in der Lorraine übernehmen sollte. Doch der Sohn hielt es auch hier nicht aus, liess sich zum Sozialpädagogen ausbilden. «Daneben machte ich immer Musik, steckte meine ganze Energie in die Kunst.»

Aufgewachsen war Büne mit Politbands wie «Ton Steine Scherben», mit Udo Lindenberg und Bob Dylan. Doch auch «Tommy» und der Powerrock der Who hatten es ihm angetan. Nachdem er im Kino beobachtet hatte, wie Who-Gitarrist Pete Townshend auf der Bühne ein Instrument nach dem anderen zertrümmerte,schrieb er einen Brief nach London und fragte an, ob Townshend nicht eine Gitarre verschonen und sie in die Schweiz schicken könne. «Er hat sich nie gemeldet», lacht Huber. Das hielt ihn nicht davon ab, erste berndeutsche Lieder zu schreiben, «pubertären Quatsch» wie er heute meint.

Nach seinem persönlichen Befreiungsschlag ging Huber auf ausgedehnte VW-Bus-Reise. Dort schrieb er die letzten Songs für die LP, die er mit seiner Band einspielen wollte. «Wir hatten eine jugendliche Kraft», sagt er über die frühen Patent Ochsner. «Die meisten von uns waren im Tscharnergut aufgewachsen, hatten den gleichen Hintergrund, die gleiche Wut.» Büne war der Bandmotor. Er tüftelte am musikalischen Konzept, das auf den Einsatz von vermeintlich antiquierten Instrumenten wie Harmonium oder Posaune setzte: «Ich habe in dieser Zeit sehr viel Balkanmusik gehört, und Kurt Weill war der Total-Gott. Das Kakofonische und Sperrige hat mich fasziniert.» Doch da war auch die gemeinsame Geschichte mit den Kollegen in Bands wie Konrad und die Knallfrösche und Pubelle Püblic, da waren die bestechenden Harmoniegesänge, die Huber mit Böbu Ehrenzeller und Pascal Steiner eingeübt hatte.

Im Oktober 1991 wurde das LP-Debüt getauft, das laut Huber «unter technisch höchst fragwürdigen Umständen» entstanden war. «Wir waren Realisten», meint Huber. «Wir pressten 1000 ‹Schlachtplatten› und hofften, dass wir sie nicht im Keller stapeln müssten.» Doch es kam anders: Das Ochsner-Debut verkaufte sich bis heute mehr als 100000-mal. Es waren zwei Songs, die das Rumpelorchester mit seinem schräg instrumentierten Heilsarmee-Pop auf Platz 2 der LP-Charts katapultierten: Die Herzschmerzballade «Scharlachrot» und das deftige «Bälpmoos», in dem Huber nicht nur den viel bemühten «Eskapismus» im Berner Rock miterfand, sondern auch mit dem Zweihänder gegen die «rychi runzligi Sou» ausholte, der die Welt gehört. Dicke Post, die ankam. «Sehnsüchte, die sich an den startenden Flugzeugen in Belpmoos festmachen, sind so viel eindringlicher, näher, mithin glaubwürdiger als all die Sehnsüchte aus der grossen weiten Welt der Rockmusik», schrieb der Musikjournalist Bänz Friedli im «Bund».

Angefangen hatte die Ochsner-Hysterie mit DJ Dänu Boemle, der sich auf die neuen Berner Songs mit Schieflage stürzte und sie auf DRS3 bei jeder Gelegenheit spielte. Dann outete sich Stephan Eicher, der in Frankreich gerade zur grossen Karriere abhob, als Fan und lud die Ochnsers zu sich auf die Bühne. «Der Erfolg der ‹Schlachtplatte› war wie ein Erdrutsch, keiner von uns war darauf vorbereitet», sagt Huber. «Dass eine Schweizer Band von null auf hundert durchstartet, das hatte es vorher noch nie gegeben. Ich glaube, es waren vorher nie grössere Flaschen so weit oben in der Hitparade. Aber da waren ein paar gute Songs und eine beherzte Platte. Wir waren anders, und das haben die Leute gemerkt.» Das Sextett wurde von Belpmoos mitten ins Auge des Musikbusiness-Hurrikans gespickt und lernte eine Menge. «Wir tappten blauäugig in fast alle Fallen, unser ‹professionelles› Umfeld machte den genau gleichen Weg wie wir auch», erinnert sich Huber. Dem Wesen des Sängers kam das durchaus entgegen. «Ich bin Autodidakt», sagt er. «Ich will die Entdeckung selber machen, auch wenn sie schon hundertmal von anderen gemacht worden ist. Darum liess ich mich auch nie in eine Szene einbinden: Du nimmst von überall, frisst aus allen Töpfen, und wenns gut ist, ist gut.»

Jetzt ist Büne Huber seit bald 20 Jahren erfolgreich mit Patent Ochsner unterwegs. Kein einziges Mitglied der Originalformation ist heute noch dabei. «Da ist immer noch dieses Bandgefühl», sagt er, «aber die erste Band ist es natürlich nicht mehr. Wir starteten alle am gleichen Punkt und haben uns dann in verschiedene Richtungen entwickelt.» Dass man Patent Ochsner auch schon in die Mainstream-Ecke stellen wollte, lässt er nicht gelten: «Wenn es um Musik geht, habe ich diese KMU-Mentalität, ich definiere mich nicht über das Alternative. Für die ‹Schlachtplatte› haben wir von Stadt und Kanton Geld bekommen. Seither funktioniert das Ding autonom, ich muss mich nirgendwo andienen.»

Huber, der ein angefressener Maler und Zeichner ist und seine Songthemen immer auch mit diesen Medien reflektiert, gilt als bilderstarker Texter, der manchmal dick aufträgt. «Das hat mit meinem Wesen zu tun, ich bin kein ‹Gittiger›», meint er. «Ich habe lieber einen grossen Tisch mit vollen Töpfen, ich trinke schweren Wein, nicht Wasser. Spartanische Musik ist gut, wenn sie von spartanischen Typen kommt, wenn sie von einem verfressenen, opulenten Typen wie mir käme, wäre das eigenartig. Ich halte mich nicht zurück, bin vielleicht zu überschwänglich: Damit muss ich leben können.»

Im Zeichen von «50 Jahre Berner Rock»: Mattefescht 2009, 3. bis 5. September. (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.08.2009, 08:41 Uhr


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