Ein Drummer hört Stimmen
Sanfter Blick, harter Schlag: Drummer Robert Büschi war die Lichtgestalt der Berner Beat-Szene. (Bild: zvg)
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Capital FM: Berner Rock 1968
«Der Alltag war ‹stier›. Man brauchte nicht viel zu unternehmen, um als Aussenseiter anzuecken. Das Haar etwas wachsen lassen, etwas Gitarre spielen, etwas Lärm machen – schon war man ein Bürgerschreck. Auf Beatmusik zu stehen bedeutete Identität. Daneben konnte man aber durchaus ein bürgerliches Leben führen und brav zur Schule gehen.»
Politisch engagieren mochte sich die Beatjugend dagegen kaum: Im Jahr, als die weltweite Unrast der Jugend auch Bern erfasste, als die Studenten gegen das «Establishment» anrannten und die Flagge des Vietcong auf dem Münster wehte, war popkulturell wenig von organisiertem Widerstandsgeist zu spüren. Zwar kam es 1968 an den ersten Rock-Grosskonzerten in der Berner Festhalle mit den Bee Gees und den Small Faces zu kleineren Krawallen. Diese waren aber nicht politisch motiviert, sondern auf schlecht kanalisierte Fan-Euphorie zurückzuführen. Pop und Ideologie waren kaum auf einen Nenner zu bringen. Pop setzte sich frech und ungefragt in Nischen, schuf sich Freiräume und fing von dort aus an zu expandieren. Die immer bunteren, kürzeren Kleider und griffige Slogans wie «I Can’t Get No Satisfaction» kamen den politisch organisierten 68ern, die ihrerseits mit Musik nicht allzu viel am Hut hatten, aber durchaus gelegen. Sie konnten auf einen fahrenden Zug aufspringen.
Die Berner Musikerszene war derweil voll damit ausgelastet, den internationalen Trends nachzulaufen und diese möglichst rasch zu kopieren. Das wurde zunehmend schwierig, denn der Input, vom kommerziellen Gaga-Beat bis hin zum avantgardistischen Dada-Rock, war gewaltig. «Die Platten erschienen in unheimlicher Dichte», sagt Higi Heilinger. «Die Qual der Wahl stürzte mich in grösste Unruhe. Sollte ich mich nun für die neue Stones-Single entscheiden oder doch eher für The Who?»
Einer, der auch im Sturm der Neuerscheinungen den Überblick behielt und sich von den immer anspruchsvolleren Arrangements der Vorbilder nicht abschrecken liess, war Robert «Röbu» Büschi, Drummer bei The Lives. Das Quintett aus dem Tscharnergut spielte einen aufreizenden, aggressiven Garagenbeat, der sich stark an den Pretty Things orientierte, der hässlichsten und wildesten Band der englischen Szene. Büschi war – untypisch für einen Schlagzeuger – der musikalische Direktor der Band, nicht nur seines unbeirrbaren Timings wegen. «Bü-schi war ein Genie», glaubt Roland «Johnny» Pfäffli, damals Leadgitarrist der Lives. «Er nahm beim Morlocks-Drummer Benu Lehmann ein paar Stunden, und schon hatte er es drauf. Sein Musikgehör war nicht zu schlagen.»
Das ist die Schönwetterversion der Geschichte, doch Pfäffli kennt auch ihre Schattenseite: «Er war der General. Ein Pedant. Ich weiss noch, wie ich einmal seinetwegen aus dem Übungsraum flüchtete und mich dann richtig ausheulte.»
Wer mit «Ginger Baker II» (Pfäffli) zusammenspielte, bewunderte und fürchtete dessen Sinn fürs Exakte. «Wir liessen im Übungsraum eine LP laufen», erzählt Higi Heilinger, der in Bü-schis letzter Band AG mitspielte. «Damals war schon kompliziertes Material angesagt. Nach einem Mal durchhören verteilte Büschi die Aufträge. Den Instrumentalisten sang er ihre Parts vor, wer es nicht beim ersten Mal schaffte, riskierte Hiebe mit den Schlagzeugstöcken und wurde als ‹Winde› abgekanzelt. Chorgesänge waren eine weitere Büschi-Spezialität: Er verteilte mühelos die Stimmen und hörte sich die Platte höchstens zu Kontrollzwecken nochmals an. Unglaublich! Ich habe nie mehr so einen Musiker getroffen.»
«Das war ein Wahnsinniger», bestätigt Bobby Leiser, der berühmteste Roadie der Schweiz, der mit den Beatles, den Stones und Miles Davis, aber auch mit den Lives unterwegs war. «Büschi nahm die Sache wirklich ernst. Damit tanzte er aus der Reihe. Denn die Berner Szene machte – im Unterschied zu allen anderen Szenen – Musik, weil sie den Plausch daran hatte. Das war jedenfalls mein Gefühl. Die haben sich auch gern selber zelebriert. Wer mit Büschi spielte, musste dagegen hart im Nehmen sein. Es wurde so lange geprobt, bis ein Song sass.» Vorerst lohnte der Aufwand. Die Lives spielten in der ganzen Schweiz und im benachbarten Ausland und kamen als erste Berner Band auch optisch wie Popstars daher. Bei der erfolgreichsten Formation, wo neben Büschi und Pfäffli auch Gitarrist Roland Berger (der sich später als Archivar der Berner Rock Szene verdient machte), Sänger Mike Bucher und Bassist Claude Chappuis mitwirkten, stimmte die Chemie. Man war ein eingeschworener Haufen. Ende der Sechziger kam – auch hier dem internationalen Trend folgend – zunehmend andere Chemie ins Spiel: Bisher war es die Musik gewesen, die sie aufgeputscht hatte, doch nun schluckten die Lives auch mal Tabletten, «Red Bull in Pillenform», wie es Pfäffli formuliert.
Tragischerweise waren es gerade seine Musikerambitionen, die Röbu Büschi aus der Bahn warfen. Er liess sich von Housi Wittlin und den Black Lions abwerben, die damals Profiambitionen hegten, aber auch intensiver mit Drogen experimentierten und auch mal auf eigene Ideen setzten, statt nur zu kopieren. Das kam Büschis Fähigkeiten nicht unbedingt entgegen. Bald spielte er mit einer wieder belebten Formation der Lives. Doch der Thrill war weg. Die Szene wurde immer durchlässiger, die Besetzungswechsel häuften sich. «Mit den Lives hat er seine Familie verloren», glaubt Johnny Pfäffli und verweist auf Büschis Handicaps: ein Glasauge, das auf einen Unfall in der Schule zurückzuführen war, und schwierige familiäre Verhältnisse. Der mittlerweile schwer amphetaminsüchtige Büschi war immer häufiger in den Szenelokalen und immer seltener hinter seinem Instrument anzutreffen. «Amphetamine sind Drogen für die, die schnell leben und jung sterben, wie Janis Joplin und Jimi Hendrix», sagt Higi Heilinger. «Büschi lebte jetzt auf einem anderen Stern und hatte Erleuchtungen. Rod Stewart war für ihn der Erlöser.» Als man einmal zusammen durch die Stadt geschlendert sei, habe Büschi einen Mann mit einem «Jesus kommt!»-Schild erspäht, erzählt Housi Wittlin. Er sei vor den Mann hingestanden und habe ihn angesprochen: «Was heisst hier: ‹Er kommt?› Er steht ja vor dir!». Doch so sehr Büschi auch in seiner letzten Phase eine Lichtgestalt blieb: Sein Ende war tragisch. Das einstige Idol pumpte jetzt seine Kollegen regelmässig um Geld an und notierte sich die geliehenen Beträge fein säuberlich in ein Büchlein. Dann wurde er in die Klinik Münsingen eingewiesen, das Schlagzeug nahm er mit. Im Frühjahr 1974 starb Robert Büschi einen einsamen Tod. Seine einstigen Bandkollegen waren konsterniert. Büschi war das erste prominente Drogenopfer aus der Berner Rock-Szene. «Er hat für die Musik gelebt», sagt Johnny Pfäffli. «Und er ist an ihr gestorben.»
(Berner Zeitung)
Erstellt: 30.03.2009, 09:42 Uhr
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