Die Rolling Stones kommen – und alle schnöden
Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 20.04.2009 3 Kommentare
Capital FM: Berner Rock 1973
Ein Blick in die damalige Berner Tagespresse bestätigt seinen Eindruck. «Der Bund» platzierte auf der Regionalseite unter wichtigen Neuigkeiten wie «60 Jahre Schwyzerstärn» und der Frage nach der idealen Farbe für die SVB-Busse («grün oder gelb?») einen kleinen Bericht vom «Lager-leben in der Festhalle». Es sei eine «zweifelhafte Ehre», dass Bern die Stones beherbergen dürfe, schrieb hgb., der anschliessend in einem Anflug von Übermut das Wort «Konzert» konsequent in Anführungszeichen setzte und am Schluss die Frage stellte, ob das Logo des Hauptsponsors Camel sich eher aufs Publikum oder auf die «Musikusse» beziehe. Dem Berichterstatter schwante, dass es sich um einen überregionalen Anlass handeln könnte. Auf der Allmend seien gar Autos mit Walliser, Genfer und Graubündner Kennzeichen gesichtet worden, klärte er die Leserschaft der Traditionszeitung auf.
Dass die Rolling Stones überhaupt nach Bern kamen, grenzte an ein Wunder. Jahrelang war die Festhalle für Popkonzerte gesperrt gewesen, nachdem es bei Grossveranstaltungen mit den Bee Gees und den Small Faces zu Krawallen gekommen war. Schliesslich überwand der Berner Veranstalter Patrick Linder den Bann. Mit seiner Einmannorganisation Kohinoor Productions hatte er bereits Erfahrungen mit internationalen Konzerten gesammelt. «Nicht nur in Bern herrschte damals Pop-Ebbe», erinnert sich Linder. «Das Zürcher Hallenstadion war seit 1968 für Konzerte gesperrt, und das Casino in Montreux war eben abgebrannt. Von diesem Vakuum konnte ich profitieren.» Linder holte 1972 die beiden englischen Topgruppen Jethro Tull und Ten Years After in die Berner Festhalle und verdiente damit einen schönen Batzen – den er bald darauf wegen einer geplatzten Tournee des Gitarrenmaestros Jeff Beck wieder verlor.
Ein Jahr später erhielt Linder in London als Erster das Angebot für ein Gastspiel der Rolling Stones in Bern. Er erinnert sich: «Der Billettpreis war bei 20 Franken angesetzt. Die Band wollte das ganze Risiko übernehmen, ich hätte als lokaler Veranstalter alle Bewilligungen und dergleichen einholen sollen. Man bot mir fünf Prozent der Einnahmen an. Ich rechnete: In die Festhalle passten maximal 8000 Leute, im besten Fall würde ich also 8000 Franken verdienen. Das war mir zu riskant für ein halbes Jahr Arbeit und die absehbaren Scherereien mit den Behörden.» Kam dazu, dass sich inzwischen Good-News-Promotor André Béchir und Montreux-Impresario Claude Nobs zum Schulterschluss gefunden hatten. Good News holte die Rolling Stones schliesslich für drei Konzerte nach Bern – ein Nachmittags- und zwei Abendkonzerte waren angesagt. Das teuerste Ticket kostete 26 Franken. Trotzdem waren nicht alle Shows ausverkauft.
Die Band reiste im Zug von Innsbruck an und logierte im noblen «Bellevue Palace». Bald schon herrschte bei den Jungveranstaltern Aufregung. Chauffeur Bobby Leiser hatte die Stones zwar aus Camouflagegründen in seinen weissen VW-Bus gepfercht und termingerecht in der Halle abgeliefert, während die Fans die schwarzen Mercedes-Limousinen verfolgten. Doch Gitarrist Keith Richards brauste dem Tourtross allein hinterher und blieb auch eine halbe Stunde vor dem Nachmittagskonzert unauffindbar. «Zehn Minuten vor Beginn fuhr ein Sportwagen beim Hintereingang der Festhalle vor», lacht Bobby Leiser. «Da der Fahrer erkannt wurde, wurde er durchgewinkt. Das war Keith Richards: Er stieg direkt aus seinem Ferrari auf die Konzertbühne.»
Den Sicherheitsdienst für die Stones hatten die Rocker vom Berner Broncos-Club übernommen, es war einer ihrer ersten Grosseinsätze. «Wir waren mit 28 Mann vor Ort», sagt Bronco Jimy Hofer, «das ging damals noch rudimentär. Eine solche Produktion würde man vom technischen Aufwand und Handling her heute eher im Bierhübeli oder in der Dampfzentrale abwickeln.» Da Hofer nicht genügend eigene Leute mobilisieren konnte, orderte er Verstärkung bei einem Bodybuilderklub an. Die Lederjackenträger sicherten das ganze Konzert, von der Eingangskontrolle bis zum Backstagebereich. «Unsere Präsenz sorgte anfangs für grosse Nervosität», erzählt der Rocker. Die Rolling Stones waren seit einer Begegnung mit den Hells Angels am desaströsen Open-Air-Konzert von Altamont gebrannte Kinder. «Es brauchte einiges an Verhandlungsgeschick, bis wir vom Management grünes Licht erhielten», sagt Hofer. «Bedingung war, dass die Stones uns von der Bühne aus nicht sehen konnten.»
Von nun an nahm alles seinen Lauf – einigermassen gesittet und friedlich. Nachdem man in einer Nacht-und-Nebel-Aktion einen weissen Rolls-Royce für Gaststar Billy Preston organisiert hatte, wurden die Konzerte routinemässig abgespult. Anschliessend trafen sich die Stones in der Altstadtpizzeria Mistral zum Nachtessen. «Hier begriff ich erstmals, warum Popstars Sonnenbrillen tragen», sagt Bobby Leiser. «Die Band wurde von Gästen und Journalisten aus nächster Nähe abgeblitzt, sodass man jede Zahnplombe sah.» Am nächsten Tag chauffierte Leiser den unternehmungslustigen Mick Jagger und den Leadgitarristen Mick Taylor über Land. Oberhalb von Rüttihubelbad machte man Halt. Ein Käser gab den langhaarigen Paradiesvögeln, von denen er noch nie gehört hatte, bereitwillig Einblick in die Geheimnisse der Emmentaler-Produktion. Damit lenkte er sie kurz vom Thema des Nachmittags ab: Jagger gab dem blutjungen Taylor ein paar Tipps zur Vermögensanlage. Dabei liess er sich auch nicht stören, als die verdatterte Serviertochter der Dorfbeiz von Enggistein das Tablett mit den bestellten Erfrischungen fallen liess, weil sie ihre englischen Gäste erkannt hatte.
Musikalisch hinterliessen die Konzerte einen weniger nachhaltigen Eindruck. «Rolling-Stones-Triumph misslang gründlich», titelte das damalige «Berner Tagblatt» (die heutige BZ). Es fand die Konservenmusik vor dem Konzert die beste des Abends und erklärte Billy Preston zum Abräumer des Abends. «Die Rolling Stones waren da schon eher penibel», schrieb Kritiker Matthias Lauterburg. «Wer sich das ganze anhörte, ohne sich von leuchtenden Teenageräuglein beeindrucken zu lassen, der muss eingestehen: Das war schwach, schwach jedenfalls für eine Band, die seit Jahren als die beste Rockgruppe der Welt angepriesen wird. (...) Gute alte Hits sind recht, aber wer seine ‹härteste Tournee› auf solchen aufbauen muss, der ist Vergangenheit. Die Stones sind es.»
Die «Vergangenen» waren ebenfalls nicht wirklich zufrieden – allerdings eher mit ihrem Empfang. «Das Schweizer Publikum ist viel kühler als das englische», beklagte sich Jagger bei der Teenagerzeitschrift «Pop». Vielleicht liessen er und Keith Richards sich deshalb direkt nach dem letzten Berner Konzert nach München fahren. Insider Bobby Leiser mutmasst über weitere Gründe: In Sachen «Weibergeschichten» habe man sich in Bern auffällig zurückgehalten, sagt er. Offenbar habe es die Stones direkt zur Kommunardenmuse Uschi Obermaier gezogen. Die in Bern verbleibenden Bandmitglieder samt Gefolge erfreuten sich bei ihrer Rückkehr ins Hotel Bellevue noch an einem unerwartet opulenten Buffet, das angenehm mit dem Catering in der Garderobe kontrastierte. Doch nach den ersten Bissen intervenierte das Hotelpersonal: Das Buffet war für einen diplomatischen Empfang bereitgestellt worden. (Berner Zeitung)
Erstellt: 20.04.2009, 10:05 Uhr
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3 Kommentare
Ich hatte damals alle 3 Konzerte in Bern besucht. Meiner Ansicht nach gehört die 73er-Europa-Tournee der Stones (die letzte mit Mick Taylor, dessen wunderschöne Soli selbst bei der lausigen Akustik der Halle aufhorchen liessen) zu den leider unterbewertesten der Bandgeschichte. Die Broncos beschlagnahmten übrigens zielstrebig meine Flasche Asti, die ich Naivling in die Halle nehmen wollte... Antworten
Mit seinem Urteil im Berner Tagblatt war Matthias Lauterburg noch gnädig. Ich habe den Stones-Auftritt vom 26. Sept. 1973 als schlechtestes je besuchtes Konzert in Erinnerung. Völlig uninspiriert und miserabel ausgesteuert. Die schlechte Stimmung - im Wortsinn - übertrug sich auch aufs Publikum. Kein Vergleich zu den mitreissenden, hochprofessionellen Shows im Basler "Joggeli" 1982 und 95. Antworten
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