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Die Mutter aller Gurtenfestivals

Von Samuel Mumenthaler. Aktualisiert am 24.11.2009

Im Woodstock-Jahr 1969 zog es den Berner Ueli «Chita» Fricker in die USA. «Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, als Hilfsmatrose mit einem Schiff von Kalifornien nach Japan zu reisen», erinnert er sich.

Idyll von oben: Das Gelände des Gurtenfestivals, das heute aus allen Nähten platzt, bot 1977  ein paar Tausend eingeschworenen Folkfans noch viel Bewegungsfreiraum.

Hansueli Trachsel

Grasgrün: Festivalplakette zum Anstecken.

Grasgrün: Festivalplakette zum Anstecken. (Bild: Archiv S.M.)

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«Doch alle winkten ab: ‹Du kannst nicht allein fahren, du musst in der Gewerkschaft sein. Vergiss es!› Ich gab nicht auf und hing stundenlang am Hafen rum. Schliesslich konnte ich auf einem norwegischen Kutter anheuern, der nach Japan fuhr. Das lehrte mich: Wenn man etwas wirklich will, dann geht das auch. Diese Erkenntnis konnte ich später beim Gurten Festival gut gebrauchen.»

Mitte der 1970er-Jahre schwirrte die Idee eines Berner Openair-Festivals erstmals durch die Köpfe einiger Nonkonformisten und Musikfans. Seit 1972 traf sich die Szene auf halbem Weg zwischen Zürich und Bern am Festival auf der Lenzburg, unterstützt von den Folk-Clubs der beiden Städte. Doch Lenzburg war überbucht, Alternativen waren gefragt. «Ich verkehrte in dieser Zeit als Journalist in der Mahogany Hall am Klösterlistutz, dem Zentrum der Berner Jazz- und Folkszene», sagt der spätere Gurten-Mitorganisator Daniel Leutenegger. «Ich wurde zum Hofberichterstatter und lieferte fleissig meine Konzertberichte. Eines Nachts nahm mich Chita Fricker beiseite. Ob ich etwas Zeit hätte? Wir fuhren um ein Uhr früh in Chitas Deux Chevaux trotz Fahrverbot auf den Gurten hinauf. Dort tanzten wir im Vollmondlicht wie die Irren über die Wiese. Der Blick auf die Stadt war atemberaubend. Es war wie eine Erleuchtung: Das war unser Festivalgelände!»

Chita Fricker, der in den Sechzigerjahren bei der Longstreet Jazz Band das zweite Banjo gespielt hatte, war in den USA nicht nur zum «Macher» geworden. Er hatte in den Clubs von San Francisco viele «Hootenannies» besucht. Fricker beschloss, die Idee solcher spontanen Folk-Music-Runden auch in Bern umzusetzen. Als Standort drängte sich die Mahogany Hall auf: Seit Ende 1968 war sie das Stammlokal der Longstreet Jazzer. Zu den Auftritten der Hausband, die jeweils Mittwochs stattfanden, kamen ab 1971 die Hoots am Freitag. Das Gästebuch dieser Anlässe liest sich wie ein «Who is Who» der damaligen Szene: Von Mani Matter über die Minstrels bis hin zu Dodo Hug und Chlöisu Friedli spielten Hunderte von Musikern meist ohne Gage – auch künftige Berner Rocker wie Martin Diem und Henri Huber. Hinter den Kulissen agierte Chita Fricker. Er übernahm die lästige, aber nötige Organisation in einer Szene «wo sich gar mancher mit einer Bierflasche in der Hand bewegte oder zumindest eine in Griffweite hatte», wie Leutenegger schmunzelt. Fricker stellte die Kontakte zu den Musikern her und übernahm die Ansagen, ohne sich je in den Vordergrund zu spielen. «Ich genoss diese Freiheit», sagt er. «Dass wir ein eigenes Lokal ohne Polizeistunde hatten, empfand ich als Privileg. Oft dauerten die Hoots bis am frühen Morgen. Ich versprach, dass alle nach Hause kommen würden. Das konnte soweit führen, dass ich die letzten Besucher mit dem Deux Chevaux persönlich heimchauffierte.»

Die Fortsetzung der Hootenannies im grossen Rahmen ging 1977 zum ersten Mal über die kleinen Zeltbühnen auf dem Gurten. Bereits 1974 hatte der Musiker Gianni Spano ein gut besuchtes Open Air Konzert mit Rumpelstilz auf der Gurtenwiese veranstaltet. Wie Spano mussten sich auch die Festival-Pioniere gegen den anfänglichen Widerstand von Stadtgärtnerei und Politik durchsetzen. «Unser Projekt hat die Vorstellungskraft aller Beteiligten überstiegen», sagt Daniel Leutenegger, «man musste alles neu erfinden und plausibel machen.» Am 2. und 3. Juli 1977 fand das erste «Internationale Folkfestival» auf dem Gurten statt, angeheizt von Leuteneggers Medienarbeit. «Meine Kollegen von der Lenzburg sagten 700 Zuschauer voraus, ich rechnete heimlich mit 4000. Es kamen rund 10000», erzählt Chita Fricker. Und das Festival wuchs schnell: Bei der dritten Ausgabe von 1979 war man schon bei 20000 Festivalbesuchern angelangt. Das Festival-OK, das aus verschiedenen Ressortvertretern vom Bau bis zur Verpflegung bestand, beschloss, eine einjährige Auszeit zu nehmen – sehr zum Unmut von Gur-tenbahn, Hotellerie und Stand-betreibern, die mit dem Festival gutes Geld verdienten.

Konzeptionell war der Gurten ein Mix aus altbekannten Lenzburg-Grooves und der grossen Festivals von Cambridge und Hudson River (New York) – es gab Workshops und Atelierbühnen, die Musik spielte auf dem ganzen Gelände. «Wir waren keine Puristen», sagt Leutenegger. «Die Musik musste uns gefallen. So wurde vieles möglich.» Zum Beispiel der erste «Ausland»-Auftritt von Cantautore Edoardo Bennato, der samt 10köpfiger Band für 3500 Franken Gage von Neapel anreiste. Oder der – im Programmbüchlein unangekündigte – Aufritt von Dollar Brand und eine Berner Allstar-Session zum Thema «Imagine». Von Schweizer Volksmusik bis hin zum kantigen Rock und experimentellen Jazz war alles möglich. Nicht immer konnte sich Connaisseur Leuten-egger mit seinen Vorschlägen durchsetzen. «Dire Straits, die ich für ein Trinkgeld bekommen hätte, wurden im Verein per Mehrheitsbeschluss abgelehnt»,seufzt er. «Stattdessen holte man eine griechische Hotel-Band.»

Am ersten Festivaltag 1977 erfreute sich das OK mit dem Publikum am schönen Wetter. Erst als es dämmerte, bemerkten die Organisatoren, dass man vergessen hatte, eine Bühnenbeleuchtung zu organisieren. Man arrangierte sich mit ein paar Notlampen, die man im nahen Hotel ausgeliehen hatte. Die Sparflamme passte zum ökologischen Konzept des Festivals. «Wir wollten möglichst wenig Abfall und keinen Plastik», sagt Fricker. «Klar waren wir politisch!» ergänzt Leutenegger. «In unserem eigenen Sinn: Wir waren gegen AKWs und für Strassenkultur. Unser Reingewinn floss in den Gurten Fonds, mit dem wir Projekte unterstützten, die uns gefielen.» Dass man für seine Arbeit nicht entlöhnt wurde, war für die Organisatoren und ihre rund 500 Helfer Ehrensache. Selbst Spesen wurden nur selten vergütet. «Ich telegrafierte vom Hauptbahnhof aus an Bob Dylan, für ein Vermögen, das ich aus meinem Sack bezahlt habe», lacht Leutenegger. Dylan liess sich auch von soviel Herzblut nicht beeindrucken und kam erst 15 Jahre später auf den Gurten. 1982 verliess Chita Fricker das OK – neue berufliche Herausforderungen riefen. Leutenegger verabschiedete sich ein Jahr später, als die Ehrenamtlichkeit aufgehoben worden war. Er wurde Mitgründer des Kulturradios «Förderband». «Der alte Gurten-Geist war weg», glaubt Leutenegger. Das gute Wetter, das die ersten Gurten-Festivals begleitet hatte, auch: Das Publikum blieb aus. Auch die Remakes von 1985 und 1987 verliefen wenig erfreulich. Erst 1991 gelang der Neustart mit dem Konzept eines kommerziellen Gross-Anlasses, das auch heute noch aktuell ist.

«Mit unseren Ideen hat das heutige Gurtenfestival kaum mehr etwas gemeinsam», findet Leutenegger, «abgesehen vom genialen Ort und der Tatsache, dass immer noch Musik gespielt wird. Und doch bin ich froh, dass es weiterlebt.» Chita Fricker pflichtet bei. Nur die oft gehörte Aussage, ein Festival lasse sich heute nur noch mit der Unterstützung von Sponsoren finanzieren, nervt die Veteranen, die stets ohne Drittmittel ausgekommen waren. «Es bringt nichts, zu stänkern. Man müsste den Gegenbeweis erbringen», sagt der unternehmungslustige Leutenegger - und fixiert seinen Tischnachbarn Chita Fricker. (Berner Zeitung)

Erstellt: 24.11.2009, 15:24 Uhr


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