Die Kunst, den Blues zu dekonstruieren
Virtuoser Temposünder: George Steinmann, der «Alvin Lee von Bern», spielte schneller und lauter als die Konkurrenz. (Bild: zvg)
Audio
Capital FM: Berner Rock 1969
Heute, 40 Jahre nach dem künstlichen Konflikt, ist der einstige Grafikerlehrling Steinmann ein renommierter bildender Künstler – und ein angefressener Bluesmusiker. «Wenn es um Kunst geht, will ich immer noch nicht unterscheiden: Es ist egal, ob ich eine Kamera, einen Pinsel oder ein Instrument in die Hand nehme. Warum sollte ich auf etwas verzichten?»
Popmusik mit Kunst zu verbinden war 1966, als George Steinmann in Thun seine Karriere als Gitarrist begann, ein Thema. Die Zeit der fleissigen Tanzkapellen und der «Die tönen wie»-Bands neigte sich ihrem Ende zu. Beat, R’n’B und Rock wurden als neue Kunstformen anerkannt. Helden wie John Lennon, Keith Richards und Eric Clapton kamen von den Kunstschulen, Pop-Art-Papst Andy Warhol inszenierte die Band Velvet Underground. Und in Bern, das damals als Kunststadt internationales Renommee genoss, holte Kunsthalle-Direktor Harald Szeemann einheimische Bands an seine Vernissagen. «Plötzlich war alles ‹Pop›», weiss Polo Hofer, der wie Steinmann ein Grenzgänger war und mit den Pop Tales an Szeneanlässen wie dem «Fest der verlausten Vögel» des jenischen Künstlers Walter Wegmüller aufspielte. «Man realisierte, dass es einen gemeinsamen Nenner gibt, eine neue Lebenseinstellung, eine neue Weltanschauung. Diese zeigte sich im Bild, in der Musik, in der politischen Einstellung, in den Kleidern. Alles floss zusammen.»
Anders als viele ihrer gleichaltrigen Musikerkollegen wollten George Steinmann und sein langjähriger musikalischer Weggefährte, Schlagzeuger Alex Bohren, dem Volk nicht einfach das geben, was es wollte. Man schwärmte von «bösen» R’n’B-Bands wie den Pretty Things, später kam der British Blues von John Mayall, Savoy Brown und Graham Bond dazu. «Damals wurden die Grundlagen für unsere Radikalität gelegt», glaubt Steinmann. Die Originale wurden von den Thuner Musikern dekonstruiert und als Ausgangspunkt für Ausflüge in den Untergrund genommen. «Underground» war das Schlagwort der Stunde, das die Teenagerzeitschrift «Pop» wie folgt definierte: «Underground steht für Popmusik, welche sich dem Fortschritt und dem Avantgardistentum nicht verschlossen hat.» Verwandte Stichworte, die die «Pop»’sche «Untergrund-Fibel» von 1969 ins Spiel brachte: Drogen, Ginsberg, Hippies, Lightshow, Orgien, Vietnam.
«Wir reizten aus, was man machen könnte», sagt Alex Bohren, «es lag uns fern, 08/15-Material zu spielen. Die Beatles schienen uns damals zu brav, Soul Music zu organisiert.» Die gemeinsame Band startete unter dem Namen Reaction Blues Mob, mit dabei waren Bassist Aschi Bangerter, Sänger Mitch Binzegger und Ueli Hofer, der eine ausgemusterte Orgel des Thuner Krematoriums ergattert hatte. Zum für damalige Verhältnisse ungewohnt harten, experimentellen Sound kam Steinmanns extravagantes Outfit, das mit Brockenhaus-Mäntelchen, farbigen Foulards und Hippieketten voll im Zeitgeist lag, dazu. Als Gitarrist ignorierte George Steinmann sämtliche Tempolimiten und spielte sein Instrument mit den Zähnen und auf dem Rücken. «Er hatte ein Gitarrenlevel, das mich beeindruckte», bekennt Bohren, «aber vielen ging das zu weit.» Tatsächlich eckte der Reaction Blues Mob an. Als die Musiker an einer Thuner Freilichtfestivität ein Spontankonzert geben wollten, mussten sie schon nach wenigen Minuten die Segel streichen, weil sich die Besucher über den Lautstärkepegel empörten und die Stromleitung zu kappen versuchten – so war es einst Bob Dylan an seinem bahnbrechenden ersten elektrischen Auftritt in Newport ergangen.
Schon willkommener war man in echten Szenelokalen wie der 1966 eröffneten «Tanz-Diele Matte» in Bern, wo in der Vor-Disco-Ära regelmässig einheimische Livebands auftreten konnten – auch «progressive» Modelle wie der Reaction Blues Mob. Höhepunkt des «Dili»-Liveangebots war ein Konzert von Deep Purple im Jahr 1970, das wiederum die Experimentierfreude der Berner Rockmusiker stimulierte, die geschlossen erschienen, um Ritchie Blackmores irrwitzige Sololäufe zu bestaunen.
Kaum hatte George Steinmann seine Lehre als Grafiker abgeschlossen, verreiste er in Begleitung seines roten Marshall-Verstärkers («meine Lebensversicherung») und seiner Gitarre nach Finnland. Grund war – wie so oft – die grenzüberschreitende Kraft der Liebe. In Helsinki lernte der bernische Gitarrist, wie hart das Brot des Berufsmusikers ist. Nach Auflösung der Band, mit der er durch Finnland getingelt war, landete er auf der Strasse und wurde schliesslich mit einem Vorschuss der Schweizer Botschaft heimgeschickt. Hier traf er seine alten Freunde wieder. «Wir nannten uns nun Doc Holliday», sagt Bohren, «sich als progressive Band ‹reaktionär› zu schimpfen machte keinen Sinn mehr.» Doc Holliday war – auch dank Zuzug des neuen Hammond-Organisten Martin Schulz, noch weniger auf Kompromisse aus. «Wir waren die lauteste und schnellste Band in Bern», weiss Steinmann, «die Soli konnten über zwanzig Minuten dauern. Mit drei oder vier Songs bestritten wir ein ganzes Konzertset. Die Wände tapezierten wir mit Marshall-Türmen.» Eine ausufernde Version von Ten Years Afters «Goin’ Home» war der regelmässige Abschluss der Soundorgien, und zum Schluss liess man die Rückkopplungen pfeifen.
Doch auch musikalisch mochte sich George Steinmann nicht einengen lassen. Durch die englischen Kopisten entdeckte er den ursprünglichen Blues: «Mich traf fast der Schlag, als ich zum ersten Mal Muddy Waters hörte», erinnert sich Steinmann. Schliesslich verschrieb er sich ganz der schwarzen Musik: «Das war ein radikaler Schnitt weg von diesen wahnsinnig lauten und penetranten Gitarrensoli auf dem Rücken und im Spagat. Ein Schritt hin zum Blues von B.B. King, Albert King, Freddie King und den Pickers vom Delta.» George Steinmanns Interesse für den Blues ging so weit, dass er später in den USA – neben bildender Kunst – auch Afroamerikanistik studierte. Seine Lehrerin war die Bürgerrechtlerin Angela Davis. George Steinmann ist heute als bildender Künstler mit Installationen, Fotografien und weiteren Exponaten international erfolgreich. Den Blues interpretiert er, der auch mit Eddie Boyd, den Blues Shouters, Philipp Fankhauser und seiner eigenen Band gespielt hat, heute meist solo und in kleinem Rahmen.
Alex Bohren arbeitet seit den 1970er-Jahren als Kameramann für Film und Fernsehen. Er ist ein Musikangefressener geblieben. «Wie damals», grinst er, «als George und ich uns mit Neuerscheinungen jagten.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 30.03.2009, 09:40 Uhr
Kultur
Familie, Beruf und Studium
Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!







