Die Härdlütli blütteln und Rumpelstilz fährt ein
Nackte Visionäre: die «Härdlütli», fotografiert von Bernhard Giger. (Bild: zvg)
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Wer Visionen habe, möge doch den Arzt aufsuchen, spottete einst der Kette rauchende deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt – offensichtlich der Realpolitik verpflichtet. In der Berner Hippieszene der frühen Siebzigerjahre wäre er damit auf völliges Unverständnis gestossen. Denn bei den Freaks und «Vögeln», die sich in Altstadt-WGs und Emigrantenbeizen wie dem Café des Pyrénées («Pyri») trafen, standen Visionen hoch im Kurs. Wieder einmal waren es die Rockmusiker, die die Suche nach Grenzerfahrungen populär machten – The Doors aus L.A. hatten sich sogar nach Aldous Huxleys Essay «The Doors of Perception» (Die Pforten der Wahrnehmung) benannt, das dieser unter LSD-Einfluss geschrieben hatte. «Um 1969 kamen die Drogen nach Bern», weiss Experte Polo Hofer. «Wir in der Schweiz waren punkto Musik und Subkultur immer zwei Jahre im Rückstand gegenüber der amerikanischen Bewegung. In dieser Phase kam ich zum ersten Mal mit LSD in Berührung.»
Die bewusstseinserweiternde Substanz, die nicht nur die Popkultur nachhaltig verändern sollte, war vom Schweizer Chemiker Albert Hofmann 1943 per Zufall entdeckt worden. Für die Hippies war sie ein Mittel zur spirituellen Erleuchtung. Pier Hänni, damals einer der Vordenker der Szene: «Die psychedelischen Drogen waren der Kern der ganzen Hippiebewegung: Wer aus dem gleichen Kelch getrunken hatte, der verstand sich. Unsere Szene interessierte sich aber auch für Bücher, fand über Hermann Hesse die Brücke zur indischen Literatur, hörte Ravi Shankar. Wir waren eine Generation, die gesellschaftlich vieles umwälzte und die autoritären Muster zu Gurkensalat verarbeitete.»
Was der Berner Hippiebewegung fehlte, waren Sprachrohre. Denn anders als die 68er, die ihren Protest gegen das «Establishment» vor allem auf der Strasse auslebten, zogen sich die Freaks gern in ihre Kommunen oder in die freie Natur zurück, wo man Sex, Drogen und etwas Rock’n’Roll im kleinen Rahmen zelebrierte. Eine breitere Öffentlichkeit wurde erst auf die neue Jugend aufmerksam, als vor den Berner Wahlen 1971 plötzlich ein schlecht gedrucktes Flugblatt mit vier hüllenlosen Menschen die Runde machte. Bei den Politnudisten mit von der Partie waren Pier Hänni, Polo Hofer, der Künstler Carlo Lischetti («Ich bin mein Beruf») und – 1971 im Zuge des neuen Frauenstimmrechts als Frau erstmals wählbar – Margrit Probst. «Wir sind die schönsten Stadtratskandidaten!», prahlte die Liste 9 der Härdlütli, die (sich) auszogen, damit Bern etwas fröhlicher werde. Den Namen hatte man sich bei den Kabouters (Kobolde) aus Amsterdam ausgeliehen, die schon früh Hippietum und Politik unter einen Hut brachten. Antriebsmotor für die politische «Schnapsidee» (Pier Hänni) war Sergius Golowin gewesen, ein Intellektueller, Sagenforscher und Archi-var, der zugleich der Spiritus Rector der jungen Berner Nonkonformisten war. «Machet doch sälber öppis», soll er den im «Pyri» versammelten Freaks geraten haben, die die Ödnis des Berner Wahlkampfs beklagten. «Überall hingen Plakate mit den immer gleichen glatzköpfigen ‹Gringe› und Krawatteträgern», erinnert sich Polo Hofer. «Darum posierten wir zum Trotz ‹füdleblutt›. Das war auch ein Amüsement, ein Gaudi, ein spielerischer Versuch: wir als Bürgerschrecke.»
Zum Erstaunen aller Beteiligten wurde aus der Schnapsidee plötzlich Ernst. Die Härdlütli holten auf Anhieb 0,96 Prozent aller Parteistimmen und hatten darum Anspruch auf einen Sitz im Stadtrat. Sogar der «Blick» widmete sich nun dem «Busenwunder von Bern». Folgerichtig nahm zuerst die noch kaum volljährige Margrit Probst Einsitz im Berner Parlament. Der Jungpolitikerin wurde der Medienrummel aber bald zu viel. An ihre Stelle trat Carlo Lischetti, der vom Ratspräsidenten immer wieder – und immer erfolglos – aufgefordert wurde, sich «anständig» anzuziehen. Lischetti verabschiedete sich frühzeitig aus den Sitzungen, um «den Ernst» zu besuchen – den Ernst des Lebens, um genau zu sein. Als Letzter drückte auch Pier Hänni eher widerwillig die Ratsbank, bevor es um die Härdlütli stiller wurde. Ein heutiger Blick auf das Parteiprogramm zeigt, dass die Härdlütli nicht nur die «Politik der Ekstase» nach Timothy Leary beherrschten, sondern durchaus Politvisionäre waren. Viele der zehn damaligen Programmpunkte sind heute erfüllt: Stimm- und Wahlrecht 18, verlängerte Polizeistunde, eine (teilweise) verkehrsfreie Innenstadt – sogar der Stadtbach wurde freigelegt. Andere Anliegen wie zum Beispiel die nach mehr Kinderkrippen sind erstaunlich aktuell geblieben.
Polo Hofer vertrat die Härdlütli nie im Berner Stadtrat. Er war damit beschäftigt, den Hippies auch eine musikalische Stimme zu geben. 1971 entstand auf dem Bödeli in Interlaken die Band Rumpelstilz. Mit dabei waren Pianist Hanery Amman, Gitarrist Schifer Schafer, Bassist Sämi Jungen und Drummer Küre Güdel. Das erste Konzert gab Rumpelstilz im Oktober 1971 zusammen mit Sergius Golowin unter dem Motto «Worte und Musik der psychedelischen Philosophie». «Zwei Drittel der Musik waren damals noch instrumental, ich begnügte mich mit der Perkussion», sagt Polo, der bei Rumpelstilz erstmals in seiner Musikerkarriere nicht mehr hinter dem Schlagzeug sass. «Die Solos durften dauern, so lange es nur ging. Wir groovten stundenlang zu ‹Jingo› von Santana. Wir versuchten auch, einheimische Lieder umzusetzen. Das aber klappte anfänglich noch nicht.»
Dafür positionierte sich Rumpelstilz klar anders als die Tanzbands der Sechzigerjahre – Slogans wie «Rumpelstilz fährt ein» und «Music for Stoned People» waren selbsterklärend. «Dank meines Hippiehintergrundes realisierte ich, dass das Kiffen ein Thema wird», sagt Polo Hofer. «Und ich rechnete mir aus: Wenn wir die Kiffer ansprechen, dann haben wir eine Art Verschwörung, dann kommen die Insider. Das war auch eine Art, ins Staatssystem einzudringen und es aufzuweichen. Statt mit Gewalt wie damals die Baader-Meinhof-Gruppe, statt mit Ideologie und Klassenkampf – einfach mit dem Kiffen. Mir war klar, dass ich das Talent habe, dieses neue Lebensgefühl zu vermitteln und ihm ein Image zu geben. Das Echo blieb nicht aus. Schon bald hatte sich Rumpelstilz ein Kultpublikum erspielt.» (Berner Zeitung)
Erstellt: 15.04.2009, 14:20 Uhr
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