Die Berner New-York-Connection
«Es muss der Ton meiner Stimme gewesen sein, der mir viele Türen geöffnet hat. Diese Art zu singen hatte es hier bisher nicht gegeben. Und ‹two singers› vorne am Bühnenrand, das war auch neu.» 1990 stiess die Sängerin, die in New York «hippiemässig» aufgewachsen war und die es per Zufall vom Hudson an die Aare verschlagen hatte, definitiv zur Berner Band Phon Roll.
Die 1986 gegründete «Spezialgruppe für spanabhebende Beschallungstechnik» (Eigenbrand) war das Gegenteil einer Hippietruppe: Sänger Huri Hurban kam von den Berner Punkpionieren Glueams und hatte seine musikalische Initialzündung an einem Konzert von Paul Wellers Mod-Trio The Jam erlebt. «Ich wollte eine Band mit Style», sagt Hurban, der heute auf Acts wie Franz Ferdinand steht, «eine Band, wo es live schlagartig vorwärts geht – zack, zack!» An seiner Seite tobte sich der wagemutige Gitarrist Stuwi Aebersold mit fingerbrecherischen Rockabilly-Licks aus, im Hintergrund ratterte die Rhythmusmaschine mit Bassist Ueli Hafner und Drummer Sam Mumenthaler (Autor dieser Serie). Phon Roll waren gern gesehene Unterhalter an illegalen Festen im Berner Untergrund. «Wir waren die Band mit dem besten Aufwand-Ertrag-Verhältnis», grinst Hurban. Tatsächlich gehörte das Quartett trotz selbst deklariertem «Kegelklub»-Status zu den viel beschäftigten Schweizer Livebands. Sein englisch gesungener Pubrock – «schnell, hart, konkret», wie es Hurban formuliert –, fand bei den Medien wohlwollenden Widerhall, wohl auch, weil Phon Roll mit ihrer unbekümmert forschen Art eine Marktlücke in einer bedeutungsschwangeren Zeit füllten. «Phon Roll ist Rock ohne Überbau. Politische Ausstrahlung geht der Band ab, ihre Musik ist frei von Messages und Verpflichtungen», schrieb der Musikkritiker Bänz Friedli damals. «Rock’n’Roll als Selbstzweck – oder pures Lebensgefühl. Unprätenziös, ohne zur Schau gestellten Tiefgang.»
Der Tiefgang ergab sich mit dem Beizug von Chessy Weaver auf natürliche Weise. Schon «Three Martini Lunch», die erste Nummer, die den Gesang der Amerikanerin in den Vordergrund stellte, wurde zum Radio-Dauerbrenner. «Eine Stimme, die Stille provoziert», munkelte die «SonntagsZeitung». Und tatsächlich kam man an der merkwürdigen Reinheit von Weavers Stimme kaum vorbei: «River of Love» von T-Bone Burnett und Steve Earles «Nothing But a Child» waren zwei weitere Beispiele für ihre schwerelose Interpretationskunst. Dass Phon Roll mit einen Wechselbad von Gefühlen aufwarteten – flotter Losgehrock traf auf atmosphärische Balladen, Hurbans fesch geschnittene Kittel auf Weavers blumige Röckchen –, kam der Band nach Hurbans Einschätzung entgegen: «Dass man uns nicht einordnen konnte, war unser Erfolgsrezept.» Auch die Reibung zwischen Weavers Naturtalent und Hurbans näselnder Charakterstimme sorgte für Spannung. Auf der Bühne gab er den forsch auftretenden, selbstironischen Leader, während sie ihre Rolle noch suchte. «Ich wurde vom Erfolg überrumpelt», sagt Weaver heute. «Mit der Musik bot sich mir eine Chance, die ich nicht eingeplant hatte. Eine geborene Frontfrau war ich mit Sicherheit nicht.»
Auf dem 1991 veröffentlichten Album «Love Boat» trafen Phon Roll den schwer Amerika-orientierten musikalischen Zeitgeist. Auch die befreundeten Züri West oder Polo Hofer orientierten sich an der Songwriterkunst des «anderen» Amerika, von Lucinda Williams bis Lyle Lovett. Kuno Lauener, damals Chessy Weavers Ehemann, sass für Phon Roll auf dem Produzentenstuhl – zum bisher einzigen Mal in seiner Karriere. Auf den Album kratzten die Banjos und klagten die Pedal-Steel-Gitarren, in den Songs war viel von Sehnsucht die Rede – aber auch vom schrulligen «Booger Man» und Pistolenduellen in Mexiko. 1993 legten Phon Roll mit einem weiteren Album nach: «Sunset Boulevard» flirtete diskret mit dem Mainstream, Country spielte nur noch am Rand eine Rolle. Für einmal gab es nicht nur Kritikerlob, sondern auch einen Hitparadenplatz.
Mit ihrer Rolle als einzige Frau in einem Männerhaufen kam Chessy Weaver meist gut klar. «Wir waren sehr eng zusammen – nur sexuell nicht», lacht sie. «Es brauchte wohl eine Frau wie mich, die schon als Kind gern mit den Jungs zusammensteckte, die quasi ‹one of the boys› war.» Dennoch machten sich bei Phon Roll Abnützungserscheinungen und ein gewisser Erfolgsdruck bemerkbar. Auf «Moon Not Same», der letzten, 1995 erschienenen Phon-Roll-Platte, dominierte Weavers Stimme – der stürmische Rock war einem ausgeklügelten, oft dunklen Gitarrenpop gewichen. Auf der Bühne spielte die Band, die mit Carlos Manuel Häfliger einen weiteren prägnanten Gitarristen an Bord geholt hatte, auch ein Cover von Nirvana. Doch die Suche wirkte etwas gesucht, der Aufbruch war auch das Ende. 1996 löste sich die Band auf. Man war zusammen gewachsen und erwachsen geworden und hatte sich langsam auseinandergelebt.
Chessy Weaver sang in der Folge an der Seite von Nits-Sänger Henk Hofstede, spielte mit dem Multiinstrumentalisten Andi Hug eine CD ein und ist heute Gastsängerin in verschiedenen Projekten. Die anderen Phon-Roller traf man bei Ray Wilko, den Sugarbabies oder Boob wieder. Huri Hurban zog sich aus der Musikszene zurück, auch wenn er weiterhin intensiv verfolgt, was läuft, und es ihn manchmal in den Fingern juckt. «Ich stehe immer noch extrem auf deine Stimme», sagt er zu Weaver. «Sie tönt kommerziell, ohne dass ich kommerziell wäre», seufzt diese. Und, zu Huri gerichtet: «Weisst du eigentlich, dass ich dich immer geliebt habe?»
Im Zeichen von «50 Jahre Berner Rock»: Mattefescht 2009, 3. bis 5. September.
(Berner Zeitung)
Erstellt: 24.08.2009, 10:25 Uhr
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